Tourismus in TunesienKonferieren am Ort der Jasmin-Revolution

Zwei Jahre nach dem Sturz Ben Alis hat sich Tunesiens Ruf als Reiseziel verändert. Während die Buchungen für klassische Badeorte zurückgehen, etabliert sich die Hauptstadt Tunis als neuer Konferenztagungsort in der Region.

Das Hotel Africa in Tunis

Das Hotel Africa in Tunis

Ein Kellner bahnt sich mit einem schwer beladenen Tablett den Weg durch die Menschenmenge, einige neu eingetroffene Gäste tauschen Visitenkarte aus. Im großen Konferenzraum des Hotel Africa an der Avenue Habib Bourguiba im Zentrum von Tunis treffen sich an diesem Morgen mehr als 200 Journalisten, Blogger, Juristen und Studenten, um über die Zukunft der tunesischen Medien zu diskutieren. Im Nebenraum bereitet eine tunesische Sicherheitsfirma gerade eine Kundenpräsentation vor und ein Stockwerk tiefer kommen die Mitarbeiter einer neu gegründeten NGO zusammen. "Ein ganz normaler Mittwochmorgen für uns", sagt Aya Ben Othmane lächelnd, während sie den Belegungsplan des Fünf-Sterne-Hotels durchgeht. "An Werktagen sind wir nahezu komplett ausgebucht", sagt die Marketing-Direktorin des Hotel Africa, "nur am Wochenende kehrt ein wenig Ruhe ein".

Wie die meisten Hotels in der tunesischen Hauptstadt verzeichnet das Hotel Africa seit zwei Jahren steigende Zahlen: Allein im März 2013 fanden vier große internationale Konferenzen in Tunis statt. Die mit Abstand größte Veranstaltung war das World Social Forum, zu dem 50.000 Gäste aus über 125 Ländern anreisten und das Hotel an den Rand seiner Kapazitäten brachte.

Von dieser Situation sind die Hotels an der tunesischen Mittelmeerküste und auf der Insel Djerba weit entfernt. Die Tourismusbranche hatte sich 2012 gerade wieder erholt. Doch die jüngsten Ereignisse, wie das Attentat auf den Oppositionspolitiker Chokri Belaid am 6. Februar, haben erneut zu Buchungsrückgängen geführt. Nach Angaben des tunesischen Verbands der Reiseagenturen wurden etwa 60 Prozent der gebuchten Reisen in Badeorte wie Hammameth, Sousse und Monastir storniert oder umgebucht. Allein in den ersten drei Monaten des Jahres 2013 sanken die Buchungszahlen um mehr als sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Betroffen sind vor allem die Orte an den Küsten, aber auch Ausflugsziele im Landesinneren leiden unter den sinkenden Gästezahlen.

Profitiert hat hingegen die Hauptstadt. "Tunis ist derzeit einer der spannendsten und besten Standorte in der arabischen Welt für politische und gesellschaftliche Diskussionen", sagt Taufiq Rahim, einer der Organisatoren der jährlichen Harvard Alumni Arab World Conference, die dieses Jahr im Hotel The Residence in Tunis stattfand. Sein Team habe sich aus mehreren Gründen für die tunesische Hauptstadt entschieden, sagt Rahim: "Touristische Logistik und Infrastruktur sind sehr gut entwickelt, das Land ist sowohl von Europa als auch aus der arabischen Welt gut erreichbar, und es gibt hervorragende Hotels, die Konferenzen wie unsere ausrichten können." Auch der symbolische Wert spielte eine Rolle bei der Wahl, sagt Rahim: "In Tunesien begann der Arabische Frühling. Wo, wenn nicht hier sollte die Zukunft der arabischen Welt diskutiert werden?"

Experten diskutieren im Hotel Africa über die Zukunft der tunesischen Medien

Experten diskutieren im Hotel Africa über die Zukunft der tunesischen Medien

Diese Begründung hört auch Ben Othmane vom Hotel Africa oft. "Nach der Revolution wurden viele neue NGOs in Tunesien gegründet, die ihre Treffen oft bei uns im Haus abhalten. Auch internationale Konferenzen über die politische  Neuordnung der Region nach dem Arabischen Frühling richten wir häufig aus." Die Lage an der Avenue Habib Bourguiba, dem Zentrum der Demonstrationen während der Jasmin-Revolution, sowie die Nähe zum tunesischen Innenministerium verleihe dem Hotel eine besondere Symbolkraft. "Während der Proteste im Frühjahr 2011 mieteten sich viele Journalisten bei uns ein", erinnert sich Ben Othmane, "sie waren hier mitten im Geschehen."

Demonstriert wird auch heute noch fast jede Woche vor dem Hotel und dem nahe gelegenen Innenministerium. Mitte März etwa versammelten sich rund 3.000 Menschen, um die Aufklärung des Mordes an dem Politiker Chokri Belaid zu fordern. Gewaltsame Zwischenfälle habe es bisher nicht gegeben, sagt Ben Othmane: "Wir erhöhen dann unsere Sicherheitsvorkehrungen, sodass für unsere Gäste keine Gefahr besteht und der Betrieb normal weitergehen kann." Ausschreitungen wie in Kairo, bei denen die Lobby des Semiramis-Hotels verwüstet wurde, hat es in Tunis in den vergangenen zwei Jahren nicht gegeben.

Die wachsende Bedeutung des Konferenz-Tourismus könne langfristig helfen, Tunesiens Bild als sicheres Reiseland zu stärken, hofft Ben Othmane. "Die Tunesier haben vor zwei Jahren so viel Mut bewiesen und kämpfen nun mit enormen wirtschaftlichen Problemen", sagt auch Taufiq Rahim: "Eine Wiederbelebung des Tourismus hilft der Stabilisierung der gesamten Wirtschaft – und wenn wir mit unserer Konferenz dazu beitragen können, ist uns das nur recht."

 
Leser-Kommentare
  1. wenn man als solcher noch nicht einmal im Hotelzimmer des Sheraton-Hotels
    vor einer Verhaftung sicher ist, wie der Fall eines gerade dort verhafteten liberalen Oppositionspolitker zeigt:
    http://www.queer.de/detai...
    Solange solche Vorfälle nicht eingestellt werden, sollten die Organisatoren von Konferenzen zum Schutze ihrer homosexuellen Teilnehmer auf Konferenzen in diesem Land besser verzichten.
    Vor der Revolution gab es solche Vorfälle nicht. Die Islamisten nutzen ihre Macht aber, um ihre Sexualmoral durchzusetzen. Es scheint ihnen egal zu sein, dass sie damit auch das Tourismus-Geschäft gefährden.

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