VenedigDie verkaufte Seele der Lagune

Venedig hält dem Ansturm der monströsen Kreuzfahrtschiffe kaum mehr stand. Der Massentourismus rechne sich, meinen Befürworter. Doch die Proteste werden immer lauter. von Petra Reski

Die "MSC Divina" in der Lagune von Venedig im Juni 2012

Die "MSC Divina" in der Lagune von Venedig im Juni 2012  |  © Stefano Rellandini/Reuters

Ein zwanzigstöckiger Wolkenkratzer schiebt sich durch die Lagune. 333 Meter lang. 60 Meter hoch. 38 Meter breit: Die MSC Divina hat die Kreuzfahrtsaison in Venedig eröffnet. Allein in diesem Jahr durchqueren mindestens 900 Schiffe die Lagune, Kreuzfahrtschiffe und Passagierfähren, in Spitzenzeiten ankern 12 Kreuzfahrtschiffe gleichzeitig im Hafen.

Die Touristen der MSC Divina stehen hoch oben aufgereiht hinter ihren Plexiglasgeländern und winken auf Venedig herab, ein Miniaturstädtchen mit Palästchen, Kirchlein und bunten Häuschen. Von den Demonstranten, die im eisigen Wind am Ufer der Insel Saccafisola ausharren, sehen die Kreuzfahrer vermutlich nur kleine schwarze Pünktchen und wundern sich, dass die Pünktchen nicht zurückwinken, sondern "Riesenschiffe-raus-aus-der-Lagune"-Transparente schwenken.

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Die MSC Divina fährt im Geleitschutz von Polizei und der Antiterroreinheit Digos, was etwas surreal anmutet – angesichts eines Protests, der im Wesentlichen aus Mädchen mit blutroten Lippen und Trillerpfeifen besteht, aus Jungs mit Dreadlocks, Männern in Professorencordhosen und Damen in Daunenjacken – die alle pfeifen, trommeln, buhen und "Wir sind hier!" in ein Megaphon rufen. Aus einem Lautsprecher schallt Musik der venezianischen Reggae-Gruppe Pitura freska, und ein Mädchen ruft "Ihr habt Eure Seele verkauft!", als ein Ausflugsschiff mit der Aufschrift "Kreuzfahrtschiffe willkommen!" die MSC Divina überholt.

Petra Reski

lebt als Publizistin und Journalistin in Venedig. Zuletzt erschien von ihr das Buch Von Kamen nach Corleone. Die Mafia in Deutschland.

In den letzten Jahren haben sich die Kreuzfahrtschiffe zu einem beliebten Fotomotiv in Venedig entwickelt – und jeder, der Zeuge davon wird, wie die Marmorsäulen des Markusplatzes vor den vorbeiziehenden schwimmenden Wolkenkratzern zu Stecknadeln schrumpfen, ahnt, dass hier etwas nicht stimmt, auch wenn er nichts weiß über die Folgen des Drucks von tausenden Tonnen Wasser auf die fragilen Ufer Venedigs, über die Verseuchung der Lagune durch hochgiftige Benzopyrene von den Schiffsrümpfen, den Elektrosmog durch die Radaranlagen, die Feinstaubbelastung (500 Tonnen Ausstoß allein im Jahr 2010) und dem Zusammenhang mit der amtlich anerkannten "signifikanten Zunahme an Lungentumoren": Venedig ist die Stadt mit der höchsten Lungenkrebsrate Italiens.

Ganz Wagemutige versuchen sich schaudernd auszumalen, was passieren würde, wenn ein zerstreuter Kapitän mehr Augen für seine Tischdame als für die Route hätte und die ihm anvertrauten 114.500 Bruttoregistertonnen (Costa Favolosa, um nur ein Beispiel zu nennen) gegen den Dogenpalast fahren würde. Was gar nicht so unwahrscheinlich ist. Die deutsche Mona Lisa, kümmerliche 200 Meter lang, verfuhr sich im Mai 2004 im Nebel und lief wenige Meter vor der Riva degli Schiavoni auf Grund. Ungeachtet dessen gilt der ministerielle Erlass, der nach der Costa-Concordia-Katastrophe 2012 erging und Küstenpassagen von weniger als zwei Seemeilen verbietet, überall – nur nicht in Venedig.

Nach der Havarie der Mona Lisa beschied Paolo Costa, der damalige Bürgermeister von Venedig, dass dies der Tropfen sei, der das Fass zum Überlaufen gebracht habe, und forderte ein Verbot der Schiffspassagen zwischen Markusplatz und der Insel San Giorgio Maggiore. Heute ist Costa Chef der Hafenbehörde und sagt: "Es gibt Venezianer, denen die Kreuzschiffe nicht gefallen. Aber es gibt zwei Millionen Besucher, die sie genießen."

So blüht die Kreuzfahrtindustrie in Venedig wie Algen in heißen Sommern, die Passagierzahlen sind in nur 13 Jahren um 440 Prozent gestiegen, allein in den letzten fünf Jahren hat sich die Zahl der anlegenden Schiffe verdoppelt. Von den 30 Millionen Touristen, die Venedig jährlich besuchen, sind zwei Millionen Kreuzfahrer, die vor allem im Sommer kommen. Am 24. Juli 2011 war die Stadt kurz vor dem Kollaps, weil sich 35.000 Kreuzfahrer neben den üblichen 80.000 Tagestouristen durch die Gassen drängelten – doppelt so viele Touristen wie Einwohner.

Venedig ist neben Barcelona der größte Hafen des Mittelmeers – mit einer Besonderheit: Es ist ein Hafen inmitten einer Lagune, die für Riesenschiffe naturgemäß nicht tief genug ist. Um den Hafen für die Petrochemieanlage von Marghera nutzen zu können, wurden einzelne Kanäle tiefer gegraben: Die Fahrrinne für Großtanker, der Malamocco-Kanal, wurde in den 1960er Jahren ausgehoben. Ursprünglich 15 Meter tief, hat ihn die Erosion bis auf 20 Meter ausgespült, an einer Stelle sogar auf 59 Meter. Dadurch gelangt bei Flut immer mehr und immer schneller Meerwasser in die Lagune – die einst 40 Zentimeter flach war und heute 2,5 Meter tief ist. Das Hochwasser in Venedig ist von Menschen gemacht.

Leserkommentare
  1. auf meiner Interrailtour habe ich auch einen Stopp in Venedig gemacht, und musste schleunigst diese Stadt wieder verlassen. Das lag nicht an Venedig selbst: Die Stadt ist atemberaubend schön. Was ich schlimm fand, war, ein Teil der touristischen Ströme zu sein, die sich im Sauseschritt zu den vermeintlich wichtigsten Sehenswürdigkeiten schiebt, dort ein Foto erhascht. Überall das Klackern der Trolley-Koffer.. Ich fühlte mich wie in einem Freizeitpark über Venedig und nicht in Venedig selbst. Die vielen kleinen Nebengässchen in Venedig sind wahnsinnig schön. Die Vorstellung, dort in der Rennaissance nachts in der Dunkelheit entlang zu gehen, lässt angenehm erschaudern. Aber wie gesagt, man taucht nach der nächsten Ecke wieder aus diesem faszinierenden Venedig auf und sieht diese Unmengen an "Gerda, du hast lang kein Foto mehr gemacht. Guck doch mal hier die Brücke.."-Touristen. Auf der Zugfahrt nach Padua habe ich mich dann mit Venezianern unterhalten, die sich ihre eigene Stadt nicht mehr leisten können bzw. von den vielen Touristen auf der einen Seite genervt sind, aber auch auf der anderen Seite irgendwie vom Tourismus leben. Sie sagten auch, dass man am besten im Winter komme, da wäre es ruhiger.

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  2. Meine beste Zeit in dieser Stadt habe ich an einem Frühlingstag verbracht, als die Vaporetti streikten. Es waren signifikant weniger Touristen da als sonst, und als der Verkehr ab Mitternacht wieder aufgenommen wurde, waren mein Liebster und ich fast allein auf der Fahrt zum Markusplatz -- und der Platz dann um 1 Uhr nachts menschenleer. Erst wenn man sowas mal erlebt hat, weiß man, was der Tourismus dieser wunderbaren Stadt antut.

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  3. in Venedig, in der Hoffnung, nach dem Karneval die ruhigste Zeit des Jahres zu erwischen. Wenn das so war, wage ich mir nicht auszumalen, was sich dort im Sommer abspielt, denn auch im Februar waren Menschenströme ohn' Unterlass unterwegs.
    Der dazugehörige Film heißt übrigens "Das Venedig-Prinzip" und lief vor einigen Monaten im Kino. Sicher auf DVD erhältlich.

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    • Furzl
    • 10. April 2013 16:17 Uhr

    Sicher, Touristen sind, vor allem in Massen, sehr nervend. Aber was, wenn sie ausbleiben? Glaubt hier wirklich irgendjemand, dass es dann Venedig und damit den Venezianern irgendwie besser ginge? - Ausser das es vielleicht auf dem Markusplatz etwas ruhiger wird.

    Ich denke eher das Gegenteil wird der Fall sein. Denn ohne die Einnahmen aus der Touristik wäre Venedig schon lange dem Untergang geweiht.
    Woher soll denn das viele Geld für die sehr teuere Instandhaltung, bzw. Restaurierung der vielen heruntergekommenen Palazzi und Häuser herkommen? Die zwei, drei übriggebliebenen Fischer werden diese Stadt jedenfalls nicht ernähren können und ohne erwartbare Touristikeinnahmen wird weder der Staat noch irgendein privater Investor dafür Geld in die Hand nehmen.
    Was bleibt den Venezianern also anderes übrig, als sich mit den Touristenströmen irgendwie zu arrangieren? Sind sie es doch, die das Geld zum Überleben mitbringen.

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    Es geht ja wohl aber mehr um die Auslagerung des Hafens, auch fuer die Demonstranten. Um die Notwendigkeit der Touristen in der Stadt wird auch in Venedig sicher niemand diskutieren. Die Gefahren welche die Riesenschiffe im Stadtgebiet und der steigende Wasserspiegel mit sich bringen koennen jedoch unter Umstaenden weitaus mehr Schaden anrichten. Und das eine Grosszahl an Touris ausbleibt nur weil der Hafen ein paar Kilometer vorgelagert wird kann ich mir sowieso nicht vorstellen.

    • brazzy
    • 10. April 2013 17:52 Uhr

    Der Protest richtet sich ja keineswegs gegen den Tourismus im allgemeinen, sondern speziell gegen den Kreuzfahrttourismus, der maximal 1/3 des Gesamtaufkommens ausmacht, aber überproportional grosse Schäden anrichtet. Und das auch nur weil die Kreuzfahrttouristen unbedingt direkt zu den Sehenswürdigkeiten herangeschippert werden wollen statt ein paar Kilometer entfernt auszusteigen.

  4. Es geht ja wohl aber mehr um die Auslagerung des Hafens, auch fuer die Demonstranten. Um die Notwendigkeit der Touristen in der Stadt wird auch in Venedig sicher niemand diskutieren. Die Gefahren welche die Riesenschiffe im Stadtgebiet und der steigende Wasserspiegel mit sich bringen koennen jedoch unter Umstaenden weitaus mehr Schaden anrichten. Und das eine Grosszahl an Touris ausbleibt nur weil der Hafen ein paar Kilometer vorgelagert wird kann ich mir sowieso nicht vorstellen.

    • brazzy
    • 10. April 2013 17:52 Uhr

    Der Protest richtet sich ja keineswegs gegen den Tourismus im allgemeinen, sondern speziell gegen den Kreuzfahrttourismus, der maximal 1/3 des Gesamtaufkommens ausmacht, aber überproportional grosse Schäden anrichtet. Und das auch nur weil die Kreuzfahrttouristen unbedingt direkt zu den Sehenswürdigkeiten herangeschippert werden wollen statt ein paar Kilometer entfernt auszusteigen.

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  5. Dieser heutige Hoch-Kapitalismus macht aber auch ALLES kaputt!

    Denn diese Gier kennt keine Skrupel, kennt keine Achtung vor Architektur, kennt keinen Respekt vor Geschichte und Arbeit von Genarationen vor uns!

    Kapitalistische Gier ist tödlich!

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    Man könnte das Dilemma ganz kapitalistisch lösen: Man verlangt pro Besucher und Tag Eintritt. Ich wäre sofort bereit, EUR 50 oder mehr an Eintritt nach Venedig zu bezahlen, wenn dadurch die Besucherzahlen stark eingeschränkt würden.

    Habe Venedig im Oktober besucht. War einigermassen erträglich (v.a. in Murano) und man hatte das Gefühl, dass man die Venezianer tatsächlich sieht. Ein bisschen konnte man erahnen, wie die Venezianer leben würden, wären da nicht diese Horden an Touristen. Ich mag mir gar nicht ausmahlen, wie viele Besucher im Sept, März oder gar im Sommer kommen!

  6. Man könnte das Dilemma ganz kapitalistisch lösen: Man verlangt pro Besucher und Tag Eintritt. Ich wäre sofort bereit, EUR 50 oder mehr an Eintritt nach Venedig zu bezahlen, wenn dadurch die Besucherzahlen stark eingeschränkt würden.

    Habe Venedig im Oktober besucht. War einigermassen erträglich (v.a. in Murano) und man hatte das Gefühl, dass man die Venezianer tatsächlich sieht. Ein bisschen konnte man erahnen, wie die Venezianer leben würden, wären da nicht diese Horden an Touristen. Ich mag mir gar nicht ausmahlen, wie viele Besucher im Sept, März oder gar im Sommer kommen!

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