Nomaden in AfghanistanZwischen Himmel und Herde

Die kirgisischen Nomaden in Afghanistan leben in einer der isoliertesten Regionen der Erde. Ihr Dasein auf dem Dach der Welt ist höllisch hart. von Michael Finkel

Gekürzte Fassung aus National Geographic Deutschland, Ausgabe Mai 2013, www.nationalgeographic.de

Der Khan träumt von einem Auto. Dabei gibt es hier gar keine Straße. Sein Vater, der vorige Khan, hatte sein Leben lang für eine Straße gekämpft. Der Sohn tut es ihm gleich. Eine Straße, so sein Argument, würde Ärzte und Medikamente zu ihnen bringen. Dann würde vielleicht das viele Sterben aufhören. Lehrer kämen. Händler. Und sein Volk – kirgisische Nomaden in einer entlegenen Region Afghanistans – hätte die Chance auf ein besseres Leben. Im Augenblick aber, ohne Auto und ohne Straße, ist das Yak die Realität. Es ist Umzugstag. Der gesamte Besitz des Khans muss auf Yakrücken geladen werden: ein Dutzend Teekannen, ein gusseiserner Ofen, eine Autobatterie, zwei Solarzellen, eine Jurte und 43 Decken.

Die afghanischen Kirgisen ziehen zwei- bis viermal im Jahr um, je nach Wetterlage und der Verfügbarkeit von Gras für die Tiere. Ihr Land besteht aus zwei langen, von Gletschern geformten Tälern, sogenannten Pamiren, die sich durch die mächtigen Berge Zentralasiens ziehen. Der oft als Wakhan-Korridor bezeichnete Streifen ist das Ergebnis des sogenannten Großen Spiels, als im 19. Jahrhundert das britische und das russische Reich um Einfluss in Zentralasien kämpften. Heute ist der Wakhan-Korridor im Norden von Tadschikistan, im Süden von Pakistan und im Osten von China eingefasst. Das im Westen gelegene restliche Afghanistan wirkt so weit entfernt – immerhin ist der Korridor etwa 320 Kilometer lang –, dass manche Kirgisen es als Ausland betrachten. Die nächstgelegene Straße – jene, die der Khan verlängern lassen will – erreicht man nach einer mindestens dreitägigen Reise durch die Berge. Bis zur nächsten größeren Stadt mit Geschäften und einem Krankenhaus ist es eine zusätzliche Tagesreise.

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Der Khan weiß, wie es in der Welt draußen zugeht. Zweimal hat er die Wakhan-Region verlassen. Mit den Händlern, die sich ins Kirgisenland wagen, bespricht er Neuigkeiten. Seine Tiere tauscht er gegen Stoffe, Schmuck, Opium, Sonnenbrillen, Sättel, Teppiche und in letzter Zeit auch Handys. Es gibt hier zwar keinen Empfang, aber man kann mit ihnen fotografieren und Musik hören.

Der Khan ist erst 32, und das sieht man ihm an. Der Mann ist klein, kaum 1,70 Meter groß, und bewegt sich mit nervöser, kaninchenartiger Energie. Sein Name ist Hajji Roshan Khan. Der Beiname "Hajji" ist ein Ehrenname und bedeutet, dass er in Mekka gewesen ist. Es war das erste Mal, dass er außerhalb des Wakhan war. Das zweite Mal war im vergangenen Frühjahr: Er fuhr nach Kabul und sprach bei Präsident Hamid Karzai vor. Er bat um Geldmittel zum Bau einer Klinik, von Schulen. Und natürlich der Straße.

Als Volk sind die Kirgisen nicht besonders lebensfroh. Sie lachen wenig. Sie besitzen weder Bücher noch Spielkarten oder Brettspiele. Kirgisische Umgangsformen könnte man als rau bezeichnen. Es ist üblich, mitten in einer Unterhaltung wegzugehen. Wenn man immer friert und zusehen muss, wie ein halbes Dutzend der eigenen Kinder sterben, schleifen sich vielleicht die Emotionen ab. Hier bleibt kein Platz für Lebensfreude.

Das gilt zumindest, bis man eine kirgisische Jurte betritt. Sobald man die schwere Filztür zur Seite schiebt, verändert sich alles. In der Mitte der Jurte befindet sich eine offene Feuerstelle oder ein gusseiserner Ofen. Im Kirgisenland gibt es kein Holz. Stattdessen wird Yakdung verbrannt, der einen süßen Geruch verbreitet. Ein Kessel heißer Tee steht immer bereit, oft sogar mehrere.

Noch ausdrucksvoller als eine kirgisische Jurte ist eine kirgisische Frau. Auf dem Kopf tragen sie hohe, zylindrische Kappen, an denen riesige Tücher befestigt sind – rot für ledige und weiß für verheiratete Frauen. Sie tragen lange, leuchtend rote Kleider und meistens rote Westen darüber. Um den Kragen sind Dutzende Hemdknöpfe aus Plastik angenäht, dazu sonnenförmige Messingbroschen und kleine Lederbeutel, in denen Koranverse stecken.

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Die aktuelle Ausgabe  |  © National Geographic

Die afghanischen Kirgisen waren nie eine große Gruppe. Jahrhundertelang zogen sie durch Zentralasien und waren berüchtigt für ihre Überfälle auf die Karawanen der Seidenstraße. Spätestens seit dem 18. Jahrhundert hatten sie ihre Sommerweiden in den Tälern, die sie heute bewohnen, und zogen bei Wintereinbruch in wärmere Gegenden. Doch seit 1950 sind alle Grenzen geschlossen. Dadurch wurden die Kirgisen automatisch zu afghanischen Staatsbürgern.

Manchmal fragen sich die afghanischen Kirgisen – abends beim Teetrinken in der warmen Jurte –, ob es ihnen woanders besser gehen würde. Zwar sind die kirgisischen Täler von den Kämpfen verschont, unter denen Afghanistan leidet, doch das Leben hier ist ein ständiges Glücksspiel.

Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie unter nationalgeographic.de/wakhan

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Leserkommentare
  1. "Noch ausdrucksvoller als eine kirgisische Jurte ist eine kirgisische Frau."

    Da hat die kirgisische Frau aber Glück gehabt ...

    4 Leserempfehlungen
    • Bommel
    • 23. Mai 2013 10:39 Uhr

    "Sobald man die schwere Filztür zur Seite schiebt, verändert sich alles. In der Mitte der Jurte befindet sich eine offene Feuerstelle oder ein gusseiserner Ofen."

    Fehlt das was? Liegt das an der gekürzten Aussage?

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  • Schlagworte Afghanistan | Gletscher | Zentralasien
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