Vom Kindersofa ins Wohnzimmer von Fremden

Wäre es nach ihrem Mann gegangen, wären Laura Lin und der Rest der Familie gleich vor dem ersten Haus umgekehrt und hätten das Couchsurfing Experiment beendet. "Er wollte nicht couchsurfen", sagt die Taiwanerin, "aber ich sagte ihm, dass sei seine Chance, echte deutsche Häuser von innen zu sehen." Ihr Mann, ein Architekt, willigte ein, mit ihr und dem gemeinsamen Sohn Europa zu bereisen und dabei überwiegend in den Wohnungen anderer Leute zu schlafen. Sicher kein Problem, dachte Lin sich, besonders in Deutschland. Deutsche, das weiß jeder, lieben die Ordnung. "Wir hatten ein Buch dabei, das hieß Learn to live like a German. Darin stand, dass im Haus eines Deutschen jedes Ding seinen Platz hat und jede Dekoration auch einen praktischen Zweck." 

Aber von wegen! Als sich in Leverkusen die erste Haustür öffnete, lernten Lin und ihr Mann Vernon, dass auch Deutsche unordentlich sein können. "Im Flur lagen die Spielzeuge, Stifte und Bastelsachen von vier Kindern herum", erinnert sich die 38-jährige. Aber während sie und ihr Mann noch zögerten, die Wohnung zu betreten, stürmte der dreijährige Channing hinein und ließ sich inmitten des Spielzeugs nieder. So, wie sich Lin das eigentlich auch vorgestellt hatte.

Sie finde Hotels ziemlich langweilig für Kinder, sagt sie, denn da gebe es weder Spielzeug noch andere Spielgefährten. Als Gast anderer Familien hätte man dagegen beides – und lerne noch etwas über fremde Kulturen und die eigenen Vorurteile. "Es gibt eben Deutsche, bei denen sieht es eher aus, wie ich es mir bei einer italienischen oder spanischen Familie vorgestellt hätte." 

Lin hat 55 Nächte in Europa verbracht, 44 davon couchsurfend. Sechs Millionen Mitglieder hat das 2003 gegründete Couchsurfing-Netzwerk nach eigenen Angaben mittlerweile, wie viele davon mit Nachwuchs unterwegs sind, weiß niemand genau. Die Netzwerk-interne Family Welcome Group, in der auch Lin ist, hat rund 9.000 Mitglieder.

Dass bei dieser Form des Reisens vielleicht nicht so viel Gelegenheit bleibt, sich ungestört mit ihrem Kind zu beschäftigen, ist für die Taiwanerin kein Problem. Sie legt Wert darauf, sich als Gast mit dem Gastgeber über kulturelle Gepflogenheiten auszutauschen oder über das Essen und dessen Heimat zu sprechen. Wenn sich ihr Kind mit anderen Kindern beschäftigen kann, bliebe dafür mehr Zeit, sagt sie.  

Laura Lin und ihre Familie © Laura Lin

Drei Tage verbrachten Lin und ihre Familie in Leverkusen, und am Ende war es ihr Mann, der nicht weiterreisen wollte. Auch ihr Sohn hat sich so wohl bei der Gastfamilie gefühlt, dass sie ihn sogar einen Nachmittag dort alleine ließ. "Die Kinder haben sich gut verstanden und mein Mann und ich wollten eine Ausstellung besuchen." Channing spielte unterdessen mit den fünfjährigen Zwillingen der Gastgeber, denn Kinder müssen nicht die gleiche Sprache sprechen, um gemeinsam Spaß zu haben. Angst um ihr Kind hatte Lin keine. "Solche Ängste erscheinen mir irrational", sagt sie. Missbrauchsfälle träten häufiger im nahen Umfeld einer Familie auf und sie übernachteten doch bei Fremden. 

Ob sie sich wegen der Couchsurfer keine Sorgen mache, wurde die Grundschullehrerin Lieke Breuls de Ticken schon häufiger von Freunden gefragt. Die 36-jährige wohnt mit ihrem Mann und ihren vier Kindern (6, 10, 11 und 17 Jahre) in Belgien, im Dreieck zwischen Antwerpen, Gent und Brüssel. In den vergangenen sechs Jahren hatte sie Besuch von fast 700 Couchsurfern. Seit 2007 ist Breuls de Ticken Moderatorin der Family Welcome Group, brachte couchsurfende Familien zusammen und beantwortete deren Fragen. Was zum Beispiel passiert, wenn ein Kind etwas kaputt macht? "Ein klassischer Versicherungsfall, wenn es etwas Größeres ist", sagt die Mutter, "aber alles unter 200 Euro muss man ohnehin selbst begleichen."

Für sich sind sie und ihre Familie selten. Doch überfüllt sei ihr Haus nicht. Jedes der Kinder hat ein Zimmer, und in jedem Zimmer stehen mehrere Betten, denn die Kinder haben keine Lust, alleine zu schlafen. Ein Wohn-, Kunst- und Spielzimmer haben sie auch. "Es ist kein Problem, einer oder zwei Familien Räume zu überlassen", sagt Breuls de Ticken.  

Sie schätzt die wechselnden Besucher, weil es schwierig ist, mit vier Kindern zu verreisen. "Auf diese Weise holen wir uns die Welt nach Hause", sagt sie. Dennoch nimmt die Familie nicht jeden auf. Nicht aus Angst, wie Breuls de Ticken betont: "Haben Sie etwa Angst vor all den Fremden, mit denen Sie im Supermarkt sind? 99,9 Prozent der Menschen sind gut, und auf böse kann man überall treffen." Aber sie achte darauf, dass die Anfragen an sie persönlich und familienzentriert seien.