EnglandDer königliche Wattführer

Auf Geheiß der Königin bringt Cedric Robinson Wanderer sicher durch das Watt von Morecambe – seit 50 Jahren. Ein Besuch beim letzten Queens Guide to the Sands von Dorothea Martin

Ein Auto, gefangen im Treibsand der Morecambe Bay

Ein Auto, gefangen im Treibsand der Morecambe Bay  |  © Christopher Furlong/Getty Images

Der Lake District im Nordwesten Englands, kurz vor der schottischen Grenze, ist eine Berglandschaft mit tief eingeschnittenen Tälern, in denen die letzte Eiszeit zahlreiche natürliche Seen hinterlassen hat. Ganz im Süden schmiegt sich die Bucht von Morecambe an den Nationalpark. Dort lebt in einem kleinen, weißgetünchten Farmhaus-Cottage Cedric Robinson. Jeder in Grange over Sand kennt ihn, den Queen's Guide to the Sands, der auf Geheiß der Königin Wanderer sicher durch das gefährliche Watt der Morecambe Bay geleitet.

Von seinem winzigen Haus aus kann Robinson die Bucht überblicken, die bei Ebbe zu seinem Arbeitsplatz wird. Um die feuchte Kühle der Eingangstür aus der Stube zu halten, schirmt ein alter Vorhang das Wohnzimmer ab. Im Kamin lodert ein Feuer, die einzige Wärmequelle des Hauses, davor in einem Lehnstuhl, umgeben von Büchern, Zeitungen und allerlei Nippes sitzt mit einem dicken Wollpullover gekleidet Robinson. Der Kaminsims ist mit Karten gepflastert, es sind Glückwunschkarten. Robinson hat vor Kurzem seinen 80. Geburtstag gefeiert.

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Er sei gestern in Liverpool gewesen, berichtet Robinson, um beim lokalen Radiosender über sein Leben zu berichten. Nicht nur der runde Geburtstag verschafft ihm Ehre, er feiert dieses Jahr auch sein goldenes Amtsjubiläum. Seit 50 Jahren steht Robinson im Dienst der Krone. Er ist der letzte königliche Wattführer. 15 Pfund Jahresgehalt und freie Logis in der alten Kate sind sein Lohn. Er und seine Frau Olive leben an der Armutsgrenze von seiner Rente, die um die 600 Pfund im Monat beträgt, und den geringen Tantiemen, die seine zehn Bücher abwerfen. "It's a way of life" sagt er, es sei kein Job, sondern eine Lebenseinstellung.

Robinson kann den Sand lesen

Cedric Robinson führt Wanderer durchs Watt.

Cedric Robinson führt Wanderer durchs Watt.  |  © Jürgen Andrews

Robinson  kam einst durch Zufall zu dem prestigeträchtigen Posten. Sein gesamtes Leben verbrachte er in der Bucht von Morecambe. Er wurde Fischer wie sein Vater, der ihm das Handwerk beibrachte. Als Fischer fuhr man hier jedoch nicht mit dem Boot zur See, sondern mit einem Karren übers Watt, vor den ein Pony gespannt war. Hauptfang und Einnahmequelle waren die Cockles, essbare Herzmuscheln, die man mit speziellen Werkzeugen aus dem Schlick pflücken musste. Eines Tages im Jahre 1963 begegnet ihm bei dieser Arbeit ein Herr in Uniform, der unterwegs war, um darüber zu wachen, dass die Fischer das Gesetz nicht brachen. Und dieser bot ihm die gerade freigewordene Stelle als Queens Guide to the Sands an.

Der Posten wurde zur Regentschaft Heinrichs VIII. geschaffen, um Gläubige und Händler sicher über die Bucht von Morecambe zu geleiten. Denn in der Morecambe Bucht gibt es nicht nur eine gefährliche Tide, die das Watt schnell mit Wasser überspült, sondern auch wandernden Treibsand. Gerät ein Mensch in Treibsand, sinkt er nach einigen Schritten ein. In Sekundenschnelle sinken die Sandkörner ab, das Wasser füllt die Porenräume nicht mehr aus und die Sandpackung wirkt wie ein Schraubstock. Auch für einen erwachsenen Mann ist es unmöglich, sich aus eigener Kraft zu befreien. Es reicht ein Einsinken bis zu den Knien, um hilflos in der Falle zu sitzen.

Zuvor hatten die Wattführer-Aufgabe die Mönche des nahen Klosters Cartmel Priory übernommen. Viele Grabmäler von Ertrunkenen finden sich noch auf dem dortigen Friedhof. Doch Heinrich VIII. ließ die Klöster schließen. So entstand die Stelle des Queens Guide to the Sands.

Leserkommentare
    • Kosyme
    • 30. Mai 2013 9:05 Uhr

    Vielen Dank für den Beitrag. Er erinnerte mich daran, dass es auch im Süden Englands, genauer gesagt, im Südwesten vor Bristol solch gefährliche Strände gibt...

    "Wir gaben auf. Zumindest den Bus. Wütend und enttäuscht, mit tränenverschleierten Augen versuchte jeder für sich zu entscheiden, welche Dinge er retten und über den Strand schleppen und welche er dem Wasser überlassen wollte. Der Junge Mann hatte den Motor abgestellt und wickelte das Seil auf. In der entstandenen Stille hörte sich das gleichmäßig gluckernde Wasser noch bedrohlicher an ..."

    (http://meykosoft.jimdo.co...)

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