ZEIT ONLINE: Herr Kieran, Sie behaupten in Ihrem Buch Slow Travel, dass das Wort travel vom lateinischen trepalium kommt, einem Folterinstrument. Wie wurde dieses Ding verwendet?

Dan Kieran: Das weiß ich gar nicht. Ich schreibe das nur, um zu betonen, dass der Sinn des Reisens ursprünglich nicht darin lag, sich zu erholen. Reisen war etwas, für das man gute Gründe haben musste, weil es beschwerlich war. Man brach nicht auf, um zu entspannen, sondern um an seine Grenzen zu gehen.

ZEIT ONLINE: Von einer Reise durch Spanien beschreiben Sie nur die Situation, in der Ihnen das Wasser ausgeht und Sie an einer Autobahn stranden. Ist Reisen erst dann richtig gut, wenn es schiefgeht? 

Kieran: Es ist gut, wenn es ungemütlich ist. Wir versuchen doch immer, uns abzuschirmen von dem, worum es im Leben wirklich geht. Wir sind besessen von Bequemlichkeit. Wir wollen auf die sicherste Weise durchs Leben kommen, ohne wirklich was zu erleben.

ZEIT ONLINE: Moment – ich dachte eigentlich, wir leben in einer Erlebnisgesellschaft und kriegen den Hals nicht voll von spannenden Abwechslungen?

Kieran: Das Problem ist, dass richtige Erlebnisse immer nur zufällig passieren. Man geht mit großen Plänen los, aber es geht nicht darum, das zu sehen, von dem man schon vorher wusste, dass es da ist. Die Dinge, an die man sich erinnern wird, sind diejenigen, die man nicht vorhersehen konnte.

ZEIT ONLINE: Was ist die beste Geschwindigkeit, um den Zufall zu provozieren? Wie langsam soll man reisen?

Kieran: Am besten ist, zu Fuß zu gehen. Ich liebe es, einfach loszulaufen und nicht darüber nachzudenken, wohin und wann man wieder nach Hause muss. Mein Sohn fragt mich bei Spaziergängen immer: Papa, können wir uns jetzt verlaufen?

ZEIT ONLINE: Bei den meisten Menschen ist es doch so, dass sie ein halbes Jahr im voraus Urlaub beantragen müssen, dann zwei Wochen frei haben und möchten, dass in der kurzen Zeit alles nach Plan läuft – verständlich.

Kieran: Wir versuchen, die Reiseerfahrung in ein Urlaubsformat zu pressen, und da passt sie einfach nicht hinein. Wir buchen einen Urlaub und versichern uns damit gegen Zufälle. Wo ist die Botschaft, wenn der Pass verloren geht? Was, wenn man kein Restaurant findet? Deshalb planen wir alles durch. Diese Ängstlichkeit macht echte Erfahrungen unmöglich. Stattdessen fängt man an, zwanghaft zu konsumieren. Ich sage: Wenn man in der Fremde nervös wird, soll man das nicht bekämpfen, sondern annehmen.

ZEIT ONLINE: Wie denn?

Kieran: Indem man zum Beispiel Telefon und Portemonnaie im Hotel lässt. Man nimmt nur ein bisschen Bargeld mit, nicht zu viel, man will ja nicht überfallen werden. Vor allem lässt man seine Uhr im Hotel.

ZEIT ONLINE: Und schon wird man vom Urlauber zum Reisenden?

Kieran: Man zwingt sich, das Leben so zu nehmen, wie es kommt. Man isst, wenn man Hunger hat, und nicht, weil es Abendessenszeit ist. Man guckt nicht ununterbrochen auf den Stadtplan, weil man Angst hat, sich zu verlaufen.