Autor Dan Kieran"Wir versuchen, Reiseerfahrung in ein Urlaubsformat zu pressen"

Dan Kieran meidet Flugzeuge und Reiseführer. Im Interview spricht der Autor über den Unterschied zwischen Urlaub und Reisen und sein Buch "Slow Travel". von Ariane Breyer

ZEIT ONLINE: Herr Kieran, Sie behaupten in Ihrem Buch Slow Travel, dass das Wort travel vom lateinischen trepalium kommt, einem Folterinstrument. Wie wurde dieses Ding verwendet?

Dan Kieran: Das weiß ich gar nicht. Ich schreibe das nur, um zu betonen, dass der Sinn des Reisens ursprünglich nicht darin lag, sich zu erholen. Reisen war etwas, für das man gute Gründe haben musste, weil es beschwerlich war. Man brach nicht auf, um zu entspannen, sondern um an seine Grenzen zu gehen.

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ZEIT ONLINE: Von einer Reise durch Spanien beschreiben Sie nur die Situation, in der Ihnen das Wasser ausgeht und Sie an einer Autobahn stranden. Ist Reisen erst dann richtig gut, wenn es schiefgeht? 

Kieran: Es ist gut, wenn es ungemütlich ist. Wir versuchen doch immer, uns abzuschirmen von dem, worum es im Leben wirklich geht. Wir sind besessen von Bequemlichkeit. Wir wollen auf die sicherste Weise durchs Leben kommen, ohne wirklich was zu erleben.

ZEIT ONLINE: Moment – ich dachte eigentlich, wir leben in einer Erlebnisgesellschaft und kriegen den Hals nicht voll von spannenden Abwechslungen?

Dan Kieran
Dan Kieran

Dan Kieran, geboren 1975, ist ein britischer Reiseschriftsteller. Er schreibt für Guardian, Telegraph, Observer und die britische Times. In seinem jüngsten Buch Slow Travel: Die Kunst des Reisens beschreibt er das Reisen als Nicht-Tourist – fernab von Massentourismus und Sightseeing. Kieran betreibt außerdem ein Crowdfunding-Portal für Autoren: Unbound.co.uk

Kieran: Das Problem ist, dass richtige Erlebnisse immer nur zufällig passieren. Man geht mit großen Plänen los, aber es geht nicht darum, das zu sehen, von dem man schon vorher wusste, dass es da ist. Die Dinge, an die man sich erinnern wird, sind diejenigen, die man nicht vorhersehen konnte.

ZEIT ONLINE: Was ist die beste Geschwindigkeit, um den Zufall zu provozieren? Wie langsam soll man reisen?

Kieran: Am besten ist, zu Fuß zu gehen. Ich liebe es, einfach loszulaufen und nicht darüber nachzudenken, wohin und wann man wieder nach Hause muss. Mein Sohn fragt mich bei Spaziergängen immer: Papa, können wir uns jetzt verlaufen?

ZEIT ONLINE: Bei den meisten Menschen ist es doch so, dass sie ein halbes Jahr im voraus Urlaub beantragen müssen, dann zwei Wochen frei haben und möchten, dass in der kurzen Zeit alles nach Plan läuft – verständlich.

Kieran: Wir versuchen, die Reiseerfahrung in ein Urlaubsformat zu pressen, und da passt sie einfach nicht hinein. Wir buchen einen Urlaub und versichern uns damit gegen Zufälle. Wo ist die Botschaft, wenn der Pass verloren geht? Was, wenn man kein Restaurant findet? Deshalb planen wir alles durch. Diese Ängstlichkeit macht echte Erfahrungen unmöglich. Stattdessen fängt man an, zwanghaft zu konsumieren. Ich sage: Wenn man in der Fremde nervös wird, soll man das nicht bekämpfen, sondern annehmen.

ZEIT ONLINE: Wie denn?

Kieran: Indem man zum Beispiel Telefon und Portemonnaie im Hotel lässt. Man nimmt nur ein bisschen Bargeld mit, nicht zu viel, man will ja nicht überfallen werden. Vor allem lässt man seine Uhr im Hotel.

ZEIT ONLINE: Und schon wird man vom Urlauber zum Reisenden?

Kieran: Man zwingt sich, das Leben so zu nehmen, wie es kommt. Man isst, wenn man Hunger hat, und nicht, weil es Abendessenszeit ist. Man guckt nicht ununterbrochen auf den Stadtplan, weil man Angst hat, sich zu verlaufen.

Leserkommentare
  1. Am Rande von Berlin in Richtung Brandenburg fahren, irgendwann auf Feldwege abbiegen und einfach immer weiter fahren. Wenn man etwas Interessantes in der Ferne sieht: Einfach versuchen, hinzufahren. Und wenn man nicht mehr kann, dann das GPS-Gerät zücken, die Route nach Hause ermitteln und schnell nach Hause fahren. Letzteres sorgt dann für den Trainingseffekt. Das Wichtige ist tatsächlich nicht das Ziel, sondern der Weg dorthin. Die schönstes Erlebnisse hatte ich beim Wandern in unbekannten Gegenden - und beim Verlaufen dabei. Und letzteres passt auch in den Pauschalurlaub.

    5 Leserempfehlungen
  2. Man lernt unglaublich viele Leute kennen, bekommt Reisetipps und trifft vielleicht sogar Leute mit denen man weiterreisen kann. Und man kann sich wunderbar in den Schlaf schaukeln lassen :)

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  3. Am besten wird der Urlaub wenn man gar nichts plant und vor Ort alles organisiert. Unterkunft, Restaurants etc.Bisher habe ich noch immer was schönes gefunden und bin um 1000 Erfahrungen reicher.

    3 Leserempfehlungen
  4. Ein toller Artikel, der grundsätzlich schön beschreibt, wie man Reisen und (geistige) Erholung erreichen kann.

    "Wenn ich auf dem Eiffelturm stehe, sehe ich nur, dass da überhaupt keine Franzosen sind außer denen, die mich bedienen. Weil sie niemals dort hingehen würden. Weil das kein realer Ort ist. Es ist internationales Territorium, ein Niemandsland des Tourismus."

    Der Satz hat mich etwas gestört, weil er einfach nicht stimmt. Natürlich gehen die Franzosen auch (ein)mal auf den Eifelturm. Die machen das wie 95% der anderen Touristen auch. Das Ding ist halt, dass es weit weniger Franzosen, als andere Menschen gibt und man daher auf dem Eifelturm natürlich viel mehr Menschen aus anderen Ländern sieht, als Franzosen. Den Ausblick auf Paris hat man auch ohne Franzosen, oder ist Paris dann auch nicht französisch, weils eben von so vielen Touristen gesehen wird? Der Eifelturm ist meiner Ansicht nach kein Disneyland, auch wenn ihn sehr sehr viele Touristen sehen wollen.

    Nochmal: Ich finden das Interview sehr gelungen.

    Eine Leserempfehlung
  5. Der Gegensatz zwischen Abenteuerlust und bequemem und "sicheren" Reisen ist nicht aufzulösen.
    Entweder ich mache einen auf Abenteuer und gehe die entsprechenden Risiken ein, also nichts vorbuchen, keine Route im voraus auswählen, einfach losfahren oder loslaufen, kein (oder wenig) Geld mitnehmen, kaum Gepäck etc.
    Hört sich gut an, habe ich mit 20 bei meinen Reisen nach Griechenland und Montenegro auch gemacht (wunderbar)!

    Allerdings lässt sich diese Art des Reisens mit Frau und kleinen Kindern und 2 Wochen Urlaub nicht durchhalten. Man hätte keinen Urlaub, sondern eine unendliche Ansammlung von "Stress-pur" und das Gegenteil von "Urlaub".

    Wie so häufig im Leben muss man sich zwischen zwei Alternativen entscheiden. Der Artikel suggeriert, dass man den Kuchen essen und ihn trotzdem behalten kann.

    2 Leserempfehlungen
  6. Verzichtet man auf sie , kann man auch ruhig mit dem Auto oder Motorrad losfahren , ohne an allem nur vorbei zu rasen .

    Etliche Urlaube in Norwegen auf 4 oder 2 Rädern haben mich nur immer weiter bestärkt nur noch genau so Urlaub zu machen, der Weg ist halt das Ziel und gerade in Norwegen lässt sich auch in der Hauptsaison immer ne kleine Hütte von privat finden .
    Und wenn alle Stränge reißen wird eben das Zelt aufgebaut , Jedermannsrecht machts möglich .

    Halt macht man da , wo es einem gerade besonders gut gefällt , nicht dort wo es einem die Vorbuchung vorschreibt .
    Wenn ich reise um des reisens willen , dann ist das ausbrechen aus dem Trott , aus dem täglich geregeltem Alltag genau das was ich will .

    Hotels , Pauschalurlaube nein danke .

    3 Leserempfehlungen
  7. Letztendlich soll doch jeder selber entscheiden wie er seinen Urlaub am liebsten verbringt. Sei es nun auf Malle, in Paris, in den Alpen oder in der Saharah. Für jeden ist doch auf der Welt etwas dabei, dass ist doch das schöne am Tourismus.

    Außerdem finde ich Zugfahren nicht wirklich angenehmer als zu fliegen, im gegenteil: andauernt an jeder Milchkanne halten wie ätzend ist das denn. Und außerdem, von oben sieht man noch viel mehr!

    Klar auch ich könnte mir vorstellen einfach mal mit Fahrrad los, nur das gröbste an Gebäck und dann mal schauen wo man landet. Aber ich bin auch noch jung und habe keine Familie auf die ich aufpassen muss.

    Ich habe das Buch zwar nicht gelesen, aber der Autor schreibt doch sehr ichbezogen und verteufelt alle die Pauschalreisen buchen. Hat er das schonmal gemacht? Und warum nicht einfach mal zwei Wochen am Strand rumgammeln und einfach mal nichts erleben! Man wird Tag für Tag mit so vielen Eindrücken bombardiert, muss das denn auch im Urlaub so sein? Ich finde nicht, aber wie am Anfang schon geschrieben: das muss jeder selber wissen und sollte auch von jedem so respektiert werden, auch wenn man es nicht immer versteht.

  8. der Autopr hat zu einem gewissen Grad recht. Ich kann seine Ablehnung höherer reisegeschwindigkeiten nicht ganz verstehen; ich genieße es, auch mal mit einem Flugzeug loszufliegen. So gut wie im Flugzeug kann man fast nirgendwo schlafen ;-)

    Aber der Rest stimmt einfach: Urlaub ist, sich einfach treiben zu lassen. Bisschen Kleidung und essen einpacken, an den bahnhof gehen und losfahren. Das Auto vollladen mit Ausrüstung und in ein gutes Klettergebiet fahren.

    Wer dagegen die wahre Qualität von Reiseführern (und damit beziehe ich besonders den vielgelobten "Lonely Planet" mit ein) kennenlernen möchte, sollte sich mal einen Reiseführer von seinem eigenen Wohnort kaufen. Und sich dann überlegen, was die dort aufgeführten "Sehenswürdigkeiten", die das Leben dort ja so besonders machen und mit denen sich der "Einheimische" identifiziert, eigentlich ausmacht. Und dadurch kann man dann feststellen, dass es einen himmelweiten Unterschied gibt zwischen dem, was man den Touris so verkauft und dem eigentlichen Leben in einer Stadt. Und dann kann man sich überlegen, ob "Land und Leute kennenlernen" nicht eher so ein doofer Werbespruch ist, bei dem man eigentlich das Gegenteil tut: Man lernt niemanden kennen, und man folgt einem Programm. Yummie!

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  • Schlagworte Autor | Hochzeit | Hotel | Kolosseum | Polen | Reiseführer
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