Leserartikel

Ohne BudgetAufgenommen als fremder Freund

Leser Robert Orzanna reist mit Rad und Schlafsack und übernachtet bei Fremden. Er zahlt mit Geschichten und einer Gegeneinladung. von Robert Orzanna

Wenn ich verreise, dann mit dem Rad und alleine. Ich möchte Neues und Unbekanntes entdecken, ohne danach zu suchen. Weil mein Budget für Pension oder Hostel nicht reicht, bin ich mit Schlafsack und Isomatte unterwegs. So mache ich Station vor den Haustüren verschiedener Menschen, die mir einen trockenen Schlafplatz geben.

Auf meinen Reisen begegne ich vielen gastfreundlichen Menschen. Doch wenn ich anderen davon erzähle, stoße ich auf Ablehnung.

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Meine Gastgeber geben mir einen Platz unter dem Vordach oder in der Garage. Manchmal ist es auch ein Ballen Stroh in der Scheune oder die Gartenlaube. Manche Leute bieten mir sogar ein Bett an, eine warme Dusche oder eine Kleinigkeit zu essen. Sie behandeln mich wie einen fremden Freund, nicht wie einen unbekannten Fremden.

Doch manchen Menschen gefällt meine Art zu reisen nicht. "Das hat schmarotzerhafte Züge", höre ich oft. Ich würde schließlich nur nehmen und nichts geben. Ist es wirklich nichts, Menschen von meinen täglichen Entdeckungen zu erzählen, zu berichten, warum und wie ich gerade zu ihnen gefunden habe, wieso ich ihr Haus und ihre Türe gewählt habe? Ist es nichts, sie Teil einer interessanten Geschichte werden zu lassen?

Wenn ich Person A aus Dorf B von Familie C aus Dorf D erzähle, die ich am Tag zuvor 100 Kilometer entfernt kennengelernt habe, stelle ich Beziehungen zwischen Menschen her. Diese Menschen leben nicht weit von einander entfernt und könnten sich sogar kennen.

Überraschender Besuch, bleibende Erinnerung

Materiell allerdings kann ich an solchen Abenden nichts zurückgeben. Wenn ich das Angebot mache, für meine Verpflegung aufzukommen oder mein restliches Proviant beim Abendessen zu teilen, wird das stets abgelehnt. Gäste verpflege man eben, ich solle mir mein Essen für morgen aufheben, wird mir dann gesagt.

"Du stößt so plötzlich ins Leben der anderen, da bleibt ja förmlich keine andere Wahl, als dich aus Anstand aufzunehmen", sagen meine Kritiker.

Es gibt natürlich auch Nächte, in denen ich gleichgültig unter dem Vordach einer Haustüre gelassen werde, in denen es nicht zu einem Beisammensein kommt oder ich aus Angst abgewiesen werde.

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Nach einem gemeinsamen Abend aber bleibt beiden Seiten die Erinnerung an eine überraschende, kurze Begegnung. Meinen Gastgebern biete ich an, das Wiedersehen bei mir zu feiern, dann auf meine Kosten.

Ich freue mich über jeden, der offen zu anderen Menschen ist. Über die, die mich abweisen, ärgere ich mich nicht. So reise ich weiter, erzähle und kehre zurück. Ich warte gespannt auf den Abend, an dem jemand mit seiner Geschichte an meiner Türe klopft.

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Leserkommentare
  1. Es freut mich sehr, dass Sie so viel Gastfreundschaft erfahren haben, was mich allerdings auch ein bisschen überrascht.
    Ich habe jetzt wieder etwas mehr Hoffnung was die heutige Gesellschaft angeht.

    4 Leserempfehlungen
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    Besonders überrascht auf meinen Reisen hat mich die Herzlichkeit und Gastfreundschaft in Osteuropa, Frankreich und Neuseeland, während die Fälle der Ablehnung eher in Deutschland aber auch Spanien vorkamen.

    Was in Deutschland vielleicht einfach nur Argwohn und Misstrauen war, war in Spanien inmitten der Krise womöglich die pure Angst, das ich den Menschen auch noch das letzte stehle, was sie haben.

    ich sehe hier jemanden, der nehmen zu lebenskonzept erklärt hat in dem sichren wissen, das keiner sein gegenangebot aufgreifen und nutzen wird.

  2. Besonders überrascht auf meinen Reisen hat mich die Herzlichkeit und Gastfreundschaft in Osteuropa, Frankreich und Neuseeland, während die Fälle der Ablehnung eher in Deutschland aber auch Spanien vorkamen.

    Was in Deutschland vielleicht einfach nur Argwohn und Misstrauen war, war in Spanien inmitten der Krise womöglich die pure Angst, das ich den Menschen auch noch das letzte stehle, was sie haben.

    Eine Leserempfehlung
    • vyras
    • 17. Mai 2013 17:31 Uhr

    ... das Selbe wie der Umgang z.B. in einer Geschäftsbeziehung, in der die Input-Output-Relation wichtig ist, und die Beteiligten aufmerksam darauf achten, für jedes Geben auch mit einem passenden Nehmen entlohnt zu werden.

    Eigene Grosszügigkeit und die Gastfreundschaft, die ich anderen gewähre, machen mich reicher, und sind nicht bezahlbar.

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  3. Ich bin nicht mehr in dem Alter, in dem man sich einfach bei Fremden auf die Isomatte legt, früher habe ich allerdings, in einer attraktiven Großstadt lebend, immer wieder sympathische Fremde aufgenommen und mich gefreut, wenn ich meinerseits von ganz anderen Menschen an ganz anderen Orten Gestfreundschaft bekam - Geben und Nehmen ist keine Aufrechnung. Wenn ich von einem bekomme, kann ich umso großzügiger jemand anderem in einer anderen Situation geben.

    2 Leserempfehlungen
  4. Der Autor erfährt durch seine Art zu reisen Menschen aus einer Perspektive, wie es sonst nur sehr wenige können. Ich glaube, dass er durch sein Modell billig reisen kann...während er im Idealfall denen, die ihn kurz aufnehmen, ein Geschenk in Form einer kleinen positiven Überraschung in deren Routine bereiten kann.

    Gleichzeitig wird für mich jemand, der Herrn Orzanna die Bleibe verwehrt (weil er mit dessen selbst gewählten Lebensstil nichts anfangen kann oder sich vorher doch zumindest über Couchsurfing verabreden will), deshalb noch nicht zum schlechten Menschen.

    3 Leserempfehlungen
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    > während er im Idealfall denen, die ihn kurz aufnehmen, ein Geschenk in
    > Form einer kleinen positiven Überraschung in deren Routine bereiten kann.

    Bei vielen Menschen empfand ich es, wie Sie bereits schrieben, als könnte ich Ihnen das Gefühl geben, selbst auf Reisen zu sein, Neues zu entdecken und so aus ihrer Routine zumindest für einen Abend ausbrechen zu können.

  5. Würde der Herr vor meiner Türe stehen und klingeln, so würde auch ich ihm die Tür wieder vor der Nase zuschlagen. Denn ich kenne diesen Herren nicht und weiß daher auch gar nicht, ob er meine Gastfreundschaft überhaupt wertschätzt. Leider leben wir in einer gegenwärtigen Gesellschaft, wo man einfach nur noch so viel wie möglich abgreifen möchte - nehmen ohne geben-.
    Denn wenn der Autor von der Aufnahme "als fremder Freund" spricht, so erkenne ich nur Widersprüche. Freundschaft basiert doch grade auf Vertrauen, Zuneigung und gegenseitiger Wertschätzung.

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    eine Gesellschaft von Nehmen ohne Geben? Was sind sie bereit zu geben ??

  6. > während er im Idealfall denen, die ihn kurz aufnehmen, ein Geschenk in
    > Form einer kleinen positiven Überraschung in deren Routine bereiten kann.

    Bei vielen Menschen empfand ich es, wie Sie bereits schrieben, als könnte ich Ihnen das Gefühl geben, selbst auf Reisen zu sein, Neues zu entdecken und so aus ihrer Routine zumindest für einen Abend ausbrechen zu können.

  7. eine Gesellschaft von Nehmen ohne Geben? Was sind sie bereit zu geben ??

    Antwort auf "Kein Einlass"
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    Wenn ich genau wissen würde, dass derjenige "mein geben" auch wertschätzen würde und sich nicht einfach so durchs Leben zu schlängeln versucht. Dann könnte ich mir vorstellen Einlass zu gewähren.
    Und verschonen Sie mich bitte mit Heuchelei. Als ob Sie anders handeln würden.

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  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Reise | Beziehung | Dorf | Essen | Familie | Geschichte
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