HandwerkskunstBlaufärber drückten Ostfriesland den Stempel auf

Blaue Seen, blaues Meer, blauer Himmel: Ostfriesland hat reichlich von der Farbe Blau und ist damit auch einst reich geworden. von Dieter Katz

In der letzten Blaudruckerei Ostfrieslands

In der letzten Blaudruckerei Ostfrieslands  |  © Ostfriesland Tourismus GmbH

Ostfriesland, das ist der graublaue Himmel, der an sonnigen Tagen stahlblau leuchtet. Es ist das bräunlich-blaue Watt und die dunkelblaue See, wie die Ostfriesen den weiten Ozean nennen. Es sind auch die zahllosen Blauschattierungen der Binnenseen, die hier das Große Meer oder das Ewige Meer heißen, und es sind die vielen Blaus der Kanäle, welche die Landschaft aufteilen. Blau ist, was Ostfriesland ausmacht, und auch was die Ostfriesen reich gemacht hat. In der weiten Ebene im äußersten Nordwesten Deutschlands hat auch der Blaudruck Tradition.

Der Name Blaudruck ist allerdings verwirrend, denn beim ursprünglich aus Indien stammenden Blaufärbedruck werden Leinen- oder Baumwollstoffe mit Indigo blau gefärbt und nicht blau gedruckt. Nur an den Stellen, an denen vorher mithilfe von Druckstöcken und einer klebrigen Masse, die den Stoff versiegelt, sehr filigrane Muster aufgedrückt wurden, bleibt der Stoff weiß.

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Das Blaudruckerhandwerk kam mit der Niederländischen-Ostindien-Kompanie im 17. Jahrhundert nach Holland und verbreitete sich rasch in ganz Europa. Da Ostfriesland starke nachbarschaftliche Beziehungen zu Holland hatte, etablierte sich hier das Handwerk hier schnell.

Dieter Katz
Dieter Katz

Dieter Katz, geboren 1964, studierte Wirtschaftswissenschaften, Erziehungswissenschaften und Ethik. Der promovierte Pädagoge und begeisterte Fotograf hat jeden Sommer seines Lebens an den deutschen Küsten verbracht – erst familiär erzwungen, dann aus Leidenschaft. Er veröffentlichte einige Schulbücher und mehrere Reiseführer über die deutsche Ost- und Nordseeküste.

In jeder Stadt gab es mehrere Blaudruckereien, die ab dem 20. Jahrhundert fast alle durch die industrielle Textilproduktion verdrängt wurden. In den historischen Räumen des Ostfriesischen Teemuseums in Norden steht noch eine vollständig eingerichtete Blaudruckerwerkstatt aus alter Zeit. Will man so etwas in Betrieb sehen, muss man aber nach Jever fahren, in eine der letzten Blaudruckereien Deutschlands.

In einem alten Speicherhaus gewährt dort die Blaudruckerei Georg Stark einen Einblick in die Geschichte des Handwerks und des Indigo-Handels. Die Druckstöcke, die an den Wänden (im Kattrepel 3) hängen, sind bis zu 400 Jahre alt und werden nach alter Handwerkstradition eingesetzt. Die meist aus Birnenholz geschnitzten und zusätzlich mit Metallstiften und Metallformstücken verfeinerten Druckmuster werden erst mit Druckpapp bestrichen. Jeder Blaufärber hat seine eigene, zum Teil Jahrhunderte alte Rezeptur dieser wachsartig-klebrigen Masse, die aus Gummisaft, Tonerde, Alaun, Kupferrost (Spangrün), Sulfat und anderen Bestandteilen besteht. 

Warten auf das blaue Wunder

Reiseführer Ostfriesland

© Michael Müller Verlag

Der Druckpapp versiegelt den Stoff und hinterlässt nach dem Färben feingliedrige Dekore, die jenen ähneln, die man auf friesischen Teekannen sieht. Nach dem Bedrucken werden die Leinen-, Hanf- oder Seidenstoffe etwa drei Wochen getrocknet, ehe man sie auf einen eisernen Reifen spannt, und es ans Färben geht. Je nach gewünschter Farbintensität werden die Stoffe bis zu zehnmal in den Färbebottich getaucht, anschließend wird der Papp ausgewaschen. Die Stoffe färben sich zunächst gelblich-grün, erst durch die Oxidation an der Luft ändert sich die Farbe zu blau. Die Färber "warteten ab und erlebten ihr blaues Wunder".

Aus den Stoffen mit den rankenartigen Mustern wurden Tischdecken, Vorhänge, Kissenbezüge und auch Schürzen oder Trachten gefertigt. Die Indigo-Farbe wurde nicht einfach weggeschüttet nach dem Färben, vielmehr wurde sie so oft wieder verwendet bis das Blau aufgebraucht war. Und bei aller Dominanz der Farbe Blau in Ostfriesland: zumindest blaues Abwasser gab es deshalb früher nicht in ostfriesischen Kanälen.

Erschienen im Michael Müller Verlag

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Leserkommentare
  1. Sehr geehrter Herr Katz,
    Jever liegt nicht in Ostfriesland. Abgesehen von der Tatsache, dass es im heutigen Landkreis Friesland liegt, sollten Sie fast 500 Jahre an bewaffneten Streitigkeiten zwischen den ostfriesischen Grafen und Jevers Häuptlingen nicht außer Acht lassen. Die letzte freie Regentin des Jeverlandes - danach ging das Jeverland an das Oldenburger Grafenhaus, damit es die OSTFRIESEN nicht doch noch besetzen - würde sich wohl mal wieder im Grabe umdrehen.

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    Redaktion

    Sehr geehrte/r the_librarian,

    haben Sie vielen Dank für Ihre Anmerkung. Der Text stammt aus dem oben genannten Reiseführer des Michael Müller Verlags. Wir setzen den Autor in Kenntnis.

    Viele Grüße aus der Redaktion.

    Zum Glück ist diese Sichtweise heute nicht mehr so streng. Selbst ich als Schlicktowner bemühe mich sprachlich ins Ostfriesische. Du weißt ja wie es ist: Wilhelmshaven - ääh ja?, aber Ostriesland - aaaaah und jede Menge Je-Pi1!!

  2. Redaktion
    2. Jever

    Sehr geehrte/r the_librarian,

    haben Sie vielen Dank für Ihre Anmerkung. Der Text stammt aus dem oben genannten Reiseführer des Michael Müller Verlags. Wir setzen den Autor in Kenntnis.

    Viele Grüße aus der Redaktion.

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    Antwort auf "Friesland!"
  3. Die Redewendung heißt allerdings, den "Stempel aufdrücken" ...

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  4. Zum Glück ist diese Sichtweise heute nicht mehr so streng. Selbst ich als Schlicktowner bemühe mich sprachlich ins Ostfriesische. Du weißt ja wie es ist: Wilhelmshaven - ääh ja?, aber Ostriesland - aaaaah und jede Menge Je-Pi1!!

    Antwort auf "Friesland!"
  5. Natürlich liegt Jever nicht in Ostfriesland, das steht ja auch so nicht im Text, sondern nur, dass es in Jever eine der letzten Blaudruckereien in Deutschland gibt.
    Im erwähnten Ostfriesland-Buch können Sie nachlesen, dass Ostfriesland und die ostfriesische Halbinsel nicht das Gleiche bezeichnen (S.17) und natürlich auch, dass der große Landkreis Jever inklusive der Insel Wangerooge historisch nicht zu Ostfriesland, sondern zum Oldenburgischen Friesland gehört. Aber weil aus touristischer Perspektive diese Grenzziehung wenig sinnvoll ist und auch viele Fremdenverkehrsinstitutionen vor Ort mit einer Gesamtvermarktungsstrategie unter dem einheitlichen Label ostfriesische Halbinsel bzw. Ostfriesland arbeiten, habe ich als Autor hier in diesem kurzen Beitrag auf diese historische Trennung nicht explizit hingewiesen und bitte jeden Oldenburger höflichst um Nachsicht.....

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  • Serie Sehenswert - Wissenswert
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Handwerk | Tracht | Indien | Niederlande | Ostfriesland | Europa
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