PortoTaubendreck und Ufo-Look

Portos Altstadt überlässt sich dem schönen Verfall, die Neustadt glänzt mit moderner Architektur. Ein Besuch bei zwei Portuenser Stadtliebhabern von Olaf Tarmas

Neue und alte Architektur in Porto

Neue und alte Architektur in Porto  |  © Lars Baron/Bongarts/Getty Images

Eigentlich ist Luis Tavarez Pereira ein zurückhaltender Mensch. Der Portuenser Architekt schätzt moderne, schlichte Bauten und moderate Gefühlsäußerungen. Doch auf dem Largo do Pedro Vitorino, dem balkonartigen Platz unterhalb der Kathedrale von Porto, kommt der 46-Jährige aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus.

Der Blick von dort geht über die alten Stadtteile Sé, Vitoria und Ribeira, die sich den steilen Flusshang hinunter bis zum Douro staffeln. Das Panorama mutet an wie eine wilde Collage aus Fliesen und Wellblech, aus Granitfassaden und Ziegeldächern, aus rostenden Balkonen und bemoosten Hauswänden, verwittert, schief und labyrinthisch. "Dies ist noch eine authentische Altstadt, noch nicht totsaniert", sagt Pereira. "Man kann förmlich sehen, wie die Gebäude im Laufe der Jahrhunderte gewachsen sind. Durch die Stadtmauern und den Flusshang ist der Raum in Porto immer sehr eng gewesen, also hat man angebaut, draufgebaut und nochmal draufgebaut."

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Wir sind am Beginn eines architektonischen Rundgangs durch die Altstadt, die zum Unesco-Welterbe zählt und doch ganz im Stadium schönen Verfalls begriffen ist.

Aus den Fassaden der schmalen Häuser sprießen Farne, Balkonbrüstungen rosten vor sich hin. Viele Gebäude stehen leer, die Fenster vernagelt, die Räume nur von Katzen und Tauben bevölkert. Andere dagegen sind bewohnt – trocknende Wäsche vor den Fenstern, Blumen und Singvögel auf den Balkonen – , doch wohlhabend muten auch sie nicht an.

Dies ist die Kehrseite der Authentizität, die Pereira so preist: Vor allem in Sé gibt es Armut und Verfall, Drogenhandel und Kriminalität. "Die Kunst wird darin bestehen, diese Stadtteile vor dem Niedergang zu retten und behutsam zu modernisieren, ohne ihre Aura zu zerstören", sagt Pereira.

Porto:Ein Maronenverkäufer in der Innenstadt

Ein Maronenverkäufer in der Innenstadt  |  © Lars Baron/Bongarts/Getty Images

Ein Teil dieser Aura erwächst aus der besonderen architektonischen Orientierung Portos. "Dies ist keine südliche oder gar mediterrane Stadt", erklärt Pereira und fährt dann überraschend fort: "Portos alte Architektur ist eher flämisch geprägt. Das fängt bei dem Material an, aus und auf dem die Häuser und Kathedralen erbaut sind. Im Süden Portugals besteht der Boden aus Tonerde, hier dagegen aus Granit."

Und wirklich: Die grauen Granitfassaden mit ihrem Moosbesatz und den currygelben Flechten geben den Kirchen, Treppen und Häusern eine durchaus mitteleuropäische Anmutung. "Im Süden sind Häuser so konstruiert, dass sie Schatten spenden, hier dagegen sollen sie Licht einfangen und Regenwasser abperlen lassen", fährt Pereira fort und zeigt eine mit Azulejos geflieste Fassade hinauf. "Im Gegensatz zum Mittelmeerraum gibt es hier keine Fensterläden oder Lamellen, dafür oft noch Guillotinen-Schiebefenster wie in England. Viele der alten Häuser haben Glaskuppeln auf den Dächern."

Der Architekt Luis Tavarez Pereira

Der Architekt Luis Tavarez Pereira  |  © Laurent Burst

Wir sind durch die Gassen bis hinab an die alte Hafenmole gelangt. Träge gleitet der Douro vorbei, der Atlantik, der der Stadt ihr für Südeuropa so raues Klima beschert, ist nur wenige Kilometer entfernt. Die Hafenpromenade mit ihrem Marktplatz, den belebten Cafés und den bunt gekachelten Häusern wirkt freundlicher und hat sich, anders als die darüber liegende Altstadt, ganz auf Touristen eingestellt.

Der Blick von der gegenüberliegenden Flussseite, von Vila Nova de Gaia aus, auf die  Buntheit der Hafenmeile und der sich darüber türmenden Altstadt ist der Klassiker  unter den Portuenser Stadtansichten, ein Muss für jeden Porto-Reisenden.

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