KubaAuf Havannas Dächern

Urbane Fotosafari: Wer den morbiden Charme und die fotogene Schwermut der kubanischen Hauptstadt Havanna im Bild festhalten will, der steigt ihr aufs Dach. von Christian Selz

Havana Kuba Reise Foto

Die Tour führt durch Treppenhäuser auf die Dächer.  |  © Christian Selz

Zwei Wangenküsse links-rechts, ein bisschen Smalltalk – auch wenn Orlando Ortega arbeitet, lässt er es sich nicht nehmen, seine offensichtlich zahlreichen Freunde ausgiebig zu begrüßen. "Der Typ war mal 100-Meter-Läufer", vertraut er seiner Gruppe an, nachdem der beleibte junge Mann weitergegangen ist. Heute sei er Reggaeton-Sänger, es hätte schlimmer kommen können. "Der mieseste Job ist Bicitaxifahrer", sagt Ortega, als zwei der pedalgetriebenen dreirädrigen Gondeln durch die enge Gasse in Alt-Havanna hecheln. "Das ist schlecht für die Prostata und es sind meist die Fetten, die ein Taxi buchen."  Der 27-Jährige lacht, er selbst hat es besser getroffen. Er führt Hobbyfotografen durch die maroden Treppenhäuser Havannas auf die Dächer der kubanischen Kapitale. Historische Fakten erfährt der Gast dabei jedoch höchstens auf Nachfrage.

Wenn Ortega nicht an seiner obligatorischen Zigarre saugt, dann schwatzt er lieber, über Kunst, die Lethargie seiner Landsleute und die Graffitis, die Parolen Fidel Castros verballhornen. Kuba öffnet sich und so kann Ortega auf die Missstände in seiner Stadt verweisen, ohne Angst vor Repressionen haben zu müssen. Wie viele Kubaner arbeitet er nicht in dem Beruf, den er einmal gelernt hat. Er hat Informatik studiert, jobbt inzwischen in einer Foto-Galerie und begreift sich selbst als Pop-Art-Künstler. In seinen Bildern führt er Che Guevara, den auf Mauern, Fahnen und T-Shirts allgegenwärtigen Heiligen der Nation und der Souvenirverkäufer, und Coca Cola, die Limonade des Klassenfeindes, zusammen. "Cola ist das Symbol des Kapitalismus, Che das der Revolution. Für mich ist beides das Gleiche", sagt Ortega. Und macht deutlich, dass die Arbeit mit Touristen eigentlich unter seiner Würde ist. Er geht gespielt verkrampft in die Hocke, spreizt die Arme steif und weit ab und hält mit beiden Händen einen imaginären Fotoapparat vor sein Gesicht. "Axila" nennen sie die Urlaubsschnappschießer, sagt Ortega mit einem Grinsen. Auf Deutsch heißt das schlicht "Achsel".

Anzeige
Havana Kuba Reise Foto

Ortega mit seiner Gruppe  |  © Christian Selz

Sein Gehabe mag mitunter anstrengend sein, aber es ist authentischer als der übliche Stadtführermonolog. Vor allem dann, wenn der Guide einfach in einen Hauseingang einbiegt. Denn auch, wenn er es nicht direkt zugibt: Ortega mag es, Gäste durch Hinterhöfe und Treppenhäuser zu führen, die sich für Streetart und ungewöhnliche Blickwinkel interessieren. Hinter Havannas Häuserfronten sind die einst stolzen Marmortreppen verblichen, haben Risse. Durch gesprungene Buntglasfenster zeichnen die Sonnenstrahlen fotogene Schattenspiele.

Der Weg führt durch die Waschküchen der Hausgemeinschaften, vorbei an offenen Wohnungstüren, hinter denen Fernseher laufen, ohne, dass jemand zusieht. Ein alter Mann im gelb gewordenen Feinripphemd hält auf seiner Couch Siesta. Immer höher geht es die morsche Treppe hinauf, bis auf die Flachdächer, wo die Wäsche im warmen Wind flattert, Kinder mit angeketteten Hunden spielen und unzählige TV-Antennen ihre rostigen Drahtarme in den blauen Himmel recken. Unten kämpfen amerikanischen Straßenkreuzer mit den Lada-Taxen um die Vorherrschaft auf der Straße. Von oben wirken sie wie Matchbox-Autos. Blumen wachsen aus ausrangierten Badewannen, die hellen Kolonialfassaden leuchten in der Sonne. Dahinter ruht der Golf von Mexiko. Und überall sieht man Zeichen der Erneuerung: Baukräne, die über die Straßenschluchten ragen.

Havana Kuba Reise Foto

Von oben eröffnen sich neue Motive.  |  © Christian Selz

Dennis Mestre, ein Freund Ortegas, hat sich mittlerweile der Führung angeschlossen. Die Tour wird für eine Espresso-Pause in seiner Wohnung unterbrochen. "Halb Kaffee, halb Müll", sei das Gebräu inzwischen, beschwert sich Ortega. Die Regierung begründe die schlechte Qualität mit den hohen Kaffeepreisen auf dem internationalen Markt. Der Kaffee schmeckt malzig, aber nicht schlecht. Mestre holt seine Rationskarte heraus. Er zeigt, in welcher Woche des Monats er sich welchen Teil seiner Monatszuteilung an Reis, Zucker, Öl, Eiern, Hühnchen, Kaffee und Zigarren abgeholt hat. 20 bis 25 Tage, sagt der ganz in Weiß gekleidete junge Mann, reiche das Essen, der Rest müsse "organisiert" werden. Zusätzliche Zigarren sowieso.

Anreise und Unterkunft

Condor fliegt zweimal wöchentlich von Frankfurt nach Havanna, Air Canada (mit Zwischenstopp in Toronto) und Air France (Zwischenstopp in Paris) ebenfalls von vielen weiteren deutschen Flughäfen.

Günstigste übernachtet man in den Casas Particulares (www.casaparticularcuba.org), privaten Pensionen, die Doppelzimmer ab 35 CUC (30 Euro) anbieten.

Ein Doppelzimmer im Hotel Nacional kostet 175 CUC (150 Euro) www.hotelnacionaldecuba.com.

Foto-Tour

Die Touren (15 CUC pro Person) können bei Orlando Lázaro Ortega gebucht werden. Adresse: Muralla No. 166, Ecke Avenida Cuba y San Ignacio, Alt-Havanna; Telefon: +53 (0) 5268/6502 oder orlandolazaro@yahoo.com.mx

Auskunft und Reisezeit

Einreise: Eine Einreisegenehmigung – "Touristenkarte" – für deutsche Staatsbürger verkaufen die Fluggesellschaften. Vor der Abreise ist zudem eine Flughafengebühr von 25 CUC zu entrichten, die häufig als Ausreisegebühr bezeichnet wird. Bei der Einreise muss ein gültiger Auslandskrankenversicherungsschutz nachgewiesen werden, US-amerikanische Versicherungen werden nicht anerkannt.

Währung: Kuba hat ein zweigleisiges Währungssystem. Touristen nutzen den Peso Cubano Convertible (CUC), der rund 24 kubanischen Peso oder 1,20 Euro entspricht.

Beste Reisezeit: die warmen Wintermonate von Dezember bis April, nach der Hurrikan-Saison.

Weitere Auskünfte erteilt das Kubanische Fremdenverkehrsamt, Kaiserstraße 8, 60311 Frankfurt/Main, Telefon: 069/28 83 22, info@cubainfo.de, www.cubainfo.de.

Ortega steckt sich die zweite Havanna des Tages an. "Wir Kubaner haben eine falsche Vorstellung vom Sozialismus", sagt er, "wir glauben, dass der Staat alles für uns regeln müsse". Sein Land brauche mehr Eigeninitiative, sagt er. Und scheucht seine Gruppe hinaus in den Hausflur.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. "Wir Kubaner haben eine falsche Vorstellung vom Sozialismus", sagt er, "wir glauben, dass der Staat alles für uns regeln müsse".

    Das Festhalten am Einparteiensystem lässt auch an nichts anderes glauben. Freie Meinungsäußerung, Presse-, Vereinigungs-, Versammlungs- und Bewegungsfreiheit, werden massiv beschnitten.

    Ein wunderschönes Land, ich selbst war im Jahr 2000 dort mehrere Monate beruflich eingebunden. Einfach auch alles zu offensichtlich, bei jedem Telefonat hörte ich das Abhörgeräusch. Sehr froh war ich wo ich die Insel verlassen durfte, dennoch möchte ich diese Erfahrung nicht missen dann weißt man Demokratie etwas mehr zu schätzen.

    Hasta la vista Comandante

    http://www.youtube.com/wa...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Kuba | Kaffee | Mexiko | Havanna
Service