Äußere HebridenWindstärke neun auf der "An Sùlaire"

Sgoth Niseach heißen die Segelboote, die einst auf den schottischen Inseln gebaut wurden. Reiner Luyken ist mit dem letzten der Art zu den Äußeren Hebriden gesegelt. von 

Ein Regenbogen über der Meerenge The Minch

Ein Regenbogen über der Meerenge The Minch  |  © Reiner Luyken

Eigentlich wollen wir am Sonntag ablegen. Die Seewettervorhersage klingt ideal, Südwest, Windstärke vier bis fünf bei mittlerem Wellengang, das heißt Böen nicht stärker als 40 Stundenkilometer und eine Dünung von nicht mehr als zweieinhalb Metern. Mit dem Steinhuder Meer ist das natürlich kaum zu vergleichen. In dem Seegebiet, von dem hier die Rede ist, sind das Idealbedingungen, auf die man in der kalten Jahreszeit oft wochenlang wartet. Unsere Mission: die An Sùlaire vom schottischen Festland auf die Äußeren Hebriden zu segeln.

Die An Sùlaire ist nicht irgendein Boot, sie ist das einzige existierende Exemplar einer Art, die Sgoth Niseach heißt – ein offenes, luggergetakeltes Fischerboot ohne Deck und Kajüte, wie es die Bewohner von Ness, einer Ansammlung von Dörfern im Norden der nördlichsten Hebrideninsel Lewis, bis Anfang des 20. Jahrhunderts zur Langleinenfischerei und Basstölpeljagd benützten. Der Trip führt von der nordatlantischen Wikingervergangenheit und alter Fischerei- und Segelgeschichte geradewegs in die Welt von GPS, der auf satellitengestützten Positionsbestimmung und Zeitmessung, bis in eine Konfrontation mit der modernen Seefahrt. Das Boot hat eine ungewisse Zukunft. Möglicherweise wird es seine letzte Reise sein, bevor es in einem Museum endet.

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Zunächst ziehen sich die Linien um das Tiefdruckgebiet auf den Vorhersagekarten des Wetteramtes immer dichter zusammen. In der angekündigten Windstärke schleichen sich Böen mit bis zu 80 Kilometern pro Stunde ein, das ist Sturmstärke neun. Am Samstag bleibt die Hebridenfähre, die so groß ist, dass ihr Deck die Fläche eines Fußballfeldes einnimmt, im Hafen. Am Sonntag verkehrt sie wieder, aber die meisten Passagiere verfallen schlaftrunkener Benommenheit oder erbrechen sich. The Minch, so heißt die Wasserstraße zwischen Schottland und den Hebriden, ist berüchtigt. Vor zwei Jahren gelang es dem Kapitän der Fähre erst nach 17 Stunden, beizudrehen und das Schiff in den Hafen zu bugsieren, nachdem ein Sturm es in den offenen Atlantik gedrückt hatte.

Unser Skipper versetzt uns ein zweites Mal in Bereitschaft, nun für Dienstag, 6.45 Uhr, Abfahrt um 7 Uhr. Auf der Liste stehen Schlechtwetterausrüstung, zwei Liter Trinkwasser und genug zu essen für die 72 Kilometer lange Passage. Ich komme fünf Minuten zu spät am Pier an und handele mir einen missbilligenden Blick ein. Andrew MacVean war vor seiner Pensionierung Kapitän der Royal Navy. Er war mit von der Partie, als das erste britische Atom­-U­-Boot 1971 unter der Polarplatte durchfuhr und am Nordpol auftauchte.

Es braucht sechs Personen um das Boot zu segeln

Wir sind zu sechst, drei Mann von den Hebriden und drei vom Festland. Der Dritte vom Festland ist eine Frau, Diyanne Ross. Sie stammt aus Achiltibuie, wo auch ich wohne. Sie ist ebenfalls zu spät dran – noch später als ich. Der Skipper sieht es ihr nach. Für die beiden ist es nicht der erste gemeinsame Trip in dem archaischen Boot. Diyanne ist ein Urtyp, stark wie ein Pferd, empfindlich wie eine Moorblüte und reich an ausgefallenen Ideen. Wir anderen sind Seeleute gewöhnlicher Art. Sie wird, sobald sie an Bord ist, wie durch eine osmotische Angleichung Teil der An Sùlaire, als hätten sie und das Boot dieselben Wurzeln.

Um die Geschichte des Bootes zu ergründen, muss man weit zurückgehen, mehr als 1.200 Jahre. 794 erreichten skandinavische Freischärler die Hebriden. Sie nannten die Meerenge zwischen dem Festland und den Inseln Skotlandsfjörð, Schottlandfjord. Bis 850 eroberten sie die Küsten und besiedelten sie. Viele heutige Ortsnamen und die meisten Nachnamen der alteingesessenen Bewohner stammen aus jener Zeit. Was seit der Romantik gerne als der keltische Rand Europas gesehen wird, ist – historisch betrachtet – ein Nachlass der Wikinger.

Auch die Bezeichnung Sgoth ist nordischen Ursprungs, sie beschreibt ein Skiff mit spitz zulaufendem Heck. Mit weniger als sechs Mann lässt es sich nicht segeln. Bei jeder Wende muss die ganze Mannschaft zulangen, das Segel herunterholen, die Spiere, die Segelstange, – sie ist schwer wie ein Maibaum – um den Mast hieven, das Reep umhängen und das Segel wieder in die Höhe hissen. Das Segel aufzuholen erfordert zwei Mann (oder Diyanne und einen Mann als Anhängsel). Um die Schote zu belegen, braucht es ebenfalls zwei Mann.

Das Wenden bleibt uns erspart. Der Südwestwind bläst während der ganzen Fahrt von der Seite her ins gewölbte Segel, die schnellste Art des Fortkommens. Auf den ersten Meilen geht es gemächlich voran. Die aufgehende Sonne taucht das Felsengetürm eines Bergrückens rechter Hand in rosa Licht, dann wallen regenschwer dunkle Wolken über die Hügel auf der anderen Seite des Fjords. Doch je weiter sich die Bucht öffnet, umso heftiger bläst der Wind, umso bedrohlicher bauen sich die Wellen auf. Bald reffen wir zum zweiten und zum dritten Mal, um die Segelfläche zu verkleinern. Mit Bändseln, ganz wie früher. Auch dazu muss man jedes Mal das Segel herunterholen.

Unser Tempo verringert sich durch das Reffen nicht, im Gegenteil. Das GPS zeigt unsere Geschwindigkeit an. Einmal surfen wir mit elf Knoten auf einer Woge. Als ich Ruderwache habe und im Heck stehend die Pinne halte, singt die An Sùlaire mit 8,5 Knoten Dauergeschwindigkeit über die Wellen. Mir jubelt das Herz. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, das ich auf modernen Booten in der Art nie empfunden habe.

Die An Sùlaire ist 33 Fuß lang, das sind zehn Meter. Eigentlich dürfte ein Boot dieser Länge gar nicht so schnell fahren. Das ergibt sich aus einer physikalischen Formel, der zufolge die Geschwindigkeit eines Schiffskörpers nicht größer sein kann als die mit 1,35 multiplizierte Wurzel aus der Wasserlinie. Für die An Sùlaire ergäbe das 7,75 Knoten. Aber durch geschickte Konstruktion kann man die Formel, die ihre Ursache in der Überlagerung von Bug und Heckwelle hat, austricksen. Im modernen Bootsbau ist das kein Problem. Den Wikingern und den Erbauern der Sgoths gelang das vermutlich durch Intuition und Experiment.

Leserkommentare
  1. Der Bericht liest sich echt spannend! Interessant ist auch, wie optimal die Boote schon vor langer Zeit gebaut wurden. Ganz ohne CAD, FEM und sonstigem Technikschnickschnack.
    Wieso werden keine dieser Boote mehr gebaut? Wenn die Form so optimal ist, würden sie sich doch für Regattas eignen.

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    .
    "... Wieso werden keine dieser Boote mehr gebaut? ..."

    Sie sitzen ja heute auch in einer winddichten Wohnung, holen ihr Wasser nicht mehr mit Eimern vom öffentlichen Brunnen und Kochen und Heizen auch nicht mehr mit selbstgestochenem Torf, sondern mit Putins Gas.

    Ein "echtes" Klinkerboot aus dampfgebogenen, gewachsenen Planken braucht nicht nur geübte Bootsbauer mit Passion und ebensoviel Wissen wie Gefühl, um die Aussenhaut anständig und dauerhaft zu vernieten (ein echter Knochenjob, selbst mit modernen Hilfsmitteln wie Drucklufthämmern), es braucht auch einen Verantworlichen als Eigner der sich darum kümmert und es benutzt.

    Schwimmende Wochenendhäuschen für die paar dreiviertelwarmen Urlaubstage der Besserverdiener aus den wasserfernen Berufen in den wasserfernen Städten werden mit gutem Grund nicht mehr aus Lärche, Eiche oder Mahagony gebaut, denn der übliche Umgang mit diesen meist aus billigem Plastik zusammengeschusterten Prestige-Schüsseln würde für traditionelle Holzboote höchstens als "vorsätzliche Vernachlässigung" durchgehen.

    Die Formen traditioneller Boote werden tatsächlich immer wieder für echte Fahrtenboote als Anregung genommen, Nigel Irens ist da recht rührig oder Leo Burnett auf der Insel, um nur mal bekanntere Namen zu nennen, bloss ist ja die "echte" Segelei bei Bedingungen wie den beschriebenen selbst auf Kajütbooten mit Ofen und Hilfssystemen wie GPS, Radar und Funk schon nur was für Eingefleischte, und eben nichts für Wochenend-Entspanner.

  2. ... ist übrigens Glasmalerei-Künstlerin, die auch Kurse gibt. Einfach mal nach "Ross Glass" googeln!

  3. .
    "... Wieso werden keine dieser Boote mehr gebaut? ..."

    Sie sitzen ja heute auch in einer winddichten Wohnung, holen ihr Wasser nicht mehr mit Eimern vom öffentlichen Brunnen und Kochen und Heizen auch nicht mehr mit selbstgestochenem Torf, sondern mit Putins Gas.

    Ein "echtes" Klinkerboot aus dampfgebogenen, gewachsenen Planken braucht nicht nur geübte Bootsbauer mit Passion und ebensoviel Wissen wie Gefühl, um die Aussenhaut anständig und dauerhaft zu vernieten (ein echter Knochenjob, selbst mit modernen Hilfsmitteln wie Drucklufthämmern), es braucht auch einen Verantworlichen als Eigner der sich darum kümmert und es benutzt.

    Schwimmende Wochenendhäuschen für die paar dreiviertelwarmen Urlaubstage der Besserverdiener aus den wasserfernen Berufen in den wasserfernen Städten werden mit gutem Grund nicht mehr aus Lärche, Eiche oder Mahagony gebaut, denn der übliche Umgang mit diesen meist aus billigem Plastik zusammengeschusterten Prestige-Schüsseln würde für traditionelle Holzboote höchstens als "vorsätzliche Vernachlässigung" durchgehen.

    Die Formen traditioneller Boote werden tatsächlich immer wieder für echte Fahrtenboote als Anregung genommen, Nigel Irens ist da recht rührig oder Leo Burnett auf der Insel, um nur mal bekanntere Namen zu nennen, bloss ist ja die "echte" Segelei bei Bedingungen wie den beschriebenen selbst auf Kajütbooten mit Ofen und Hilfssystemen wie GPS, Radar und Funk schon nur was für Eingefleischte, und eben nichts für Wochenend-Entspanner.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Spannend"
    • snorri
    • 15. Mai 2013 15:45 Uhr
    • fr4nzi
    • 20. Mai 2013 14:03 Uhr

    Da ich selbst auf Lewis wohne und die traditionellen Fischerboote segle und helfe instandzuhalten, weiß ich, wie sich der Autor gefühlt hat. Die Gemeinschaft an Bord, das Gefühl, dem Meeer und dem Wind ausgeliefert zu sein, und das überwältigende Gefühl, wenn das Sgoth Fahrt aufnimmt - unübertrefflich!
    Hier ein paar Fotos der Sgoth Niseach: http://www.flickr.com/groups/sgoth/
    Die An Sulaire website: http://www.ansulaire.com/
    Allerdings hat der Autor einen kleinen Fehler eingearbeitet (ja, ich mag penibel sein):
    An Sulaire ist keinesfalls die einzige der Sgoth Niseach. Sie wurde vor 19 Jahren erbaut und keinesfalls zur Basstölpeljagd eingestetzt.
    Jubilee (SY233) ist mit ihrer "3/4-Größe" zwar nur die kleine Schwester, aber im Gegensatz zu der Sulaire schon stolze 78 Jahre alt und wurde im vergangenen Jahrhundert vor allem als Fischerboot benutzt. 1947 diente sie als letzte der Sgoth zum Transport der Gugajäger nach Sulasgeir.
    Mehr Information hier: http://www.falmadair.com/jubilee.htm

    See you in the Outer Hebrides ***

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  • Schlagworte GPS | Wikinger | Färöer | Schottland
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