Vaqueiros in BrasilienDie Cowboys der Dornenbüsche

Jedes Jahr im Juli treffen sich die brasilianischen "Vaqueiros" zum Gottesdienst. Die Cowboys feiern im staubigen Hinterland ihr Idol – und trotzen dem Fortschritt. von Manuel Erbenich

Ganz in Leder kleiden sich die Vaqueiros.

Ganz in Leder kleiden sich die Vaqueiros.  |  © Manuel Erbenich

Die Jacken, Hosen, Schürzen, Hüte, Handschuhe und Stiefel der Männer sind aus Leder. Wie eine zweite Haut bedeckt die Ausrüstung den ganzen Körper. Sie schützt die Männer vor der brennenden Sonne und der Caatinga, dem weißen Wald, wie die Tupi Indianer die Vegetation des Hinterlands mit Dornensträuchern und Kakteen nannten. Sie sind Vaqueiros, die Cowboys der Steppe im brasilianischen Nordosten, kurz: des Sertão. Sie treiben Rinderherden durch die karge Landschaft, in der während der Trockenzeit fast alle Pflanzen ihre Blätter verlieren. Die Äste und Zweige der Sträucher trocknen aus, verfärben sich und überziehen die Landschaft mit einem weiß-silbrigen Schimmer. An manchen Orten sehen die Büsche aus, als würden sie bei der leichtesten Berührung zu Staub zerfallen.

Hier feiern die Cowboys seit 40 Jahren am Ende der dritten Juliwoche die Missa do Vaqueiro, den größten Cowboygottesdienst im Ort Serrita, weit im Westen des Bundesstaates Pernambuco. Es ist eine Messe zu Ehren des berühmten Cowboys Raimundo Jacó und der alljährliche Höhepunkt im Leben der Vaqueiros.

Anzeige


Jacó hatte die schönsten Frauen, war mutig und erzählte die besten Geschichten von seinen abenteuerlichen Ausritten. Jeder kannte ihn in der Region zwischen Serrita und Exu. "Er war ein furchtloser und kühner Cowboy. Er nahm es mit den größten und aggressivsten Bullen in der Caatinga auf", erzählt Thiago Câncio, Historiker und Kulturbeauftragter der Gemeinde Serrita. Jacó lebte – und verschwand – in den fünfziger Jahren.

Vaqueiros gibt es in der unwirtlichen Gegend kaum noch

Heute gibt es nur noch rund 400 Vaqueiros; ihre Aufgabe ist grundsätzlich noch dieselbe: Sie kümmern sich um Rinder und Viehherden. Doch es gibt nicht mehr so viel Arbeit wie früher. Schon lange ist der Sertão als traditionelle Rinderzuchtregion von ertragsreicheren Gebieten mit leichteren Haltungsbedingungen abgelöst worden. Zu unbeständig sind die Niederschläge im Nordosten, es gibt zu wenig Futter und viel zu wenig Wasser. Zu hoch ist das Risiko, während einer langen Dürreperiode Herden zu verlieren.

Die festen, langen Dornen der Sträucher durchdringen die Kleidung der Cowboys und hinterlassen Narben.

Die festen, langen Dornen der Sträucher durchdringen die Kleidung der Cowboys und hinterlassen Narben.  |  © Manuel Erbenich

"Herden, die frei in der Caatinga umherlaufen, sind rar. Die Tiere werden nur noch auf umzäunten Weiden gehalten", erklärt Válirio Luciano Lucena, der Vaqueiro im Nordosten Brasiliens ist. Zu Jacós Zeiten waren die Cowboys oft tagelang mit ihren Pferden in den Weiten des Sertão unterwegs, begleiteten die Herden, führten sie von Weide zu Weide und schliefen im Freien. Die Rinder gehörten reichen Landwirten und Großgrundbesitzern. Je nach Größe der Herden und ihrer Ländereien beschäftigten diese einen oder mehrere Vaqueiros auf ihrer Fazenda, ihrer Rinderfarm. Jacó war einer von ihnen, er arbeitete auf der Fazenda Lajes.

Es war der 8. Juli 1945, als Jacó nicht wie vereinbart auf die Farm zurückkehrte. Am Vorabend war er mit dem Vaqueiro Miguel Lopes ausgeritten, um einen Bullen zu seiner Herde zurückzuholen, der sich in der Caatinga verlaufen hatte. Am Abend kehrte Miguel Lopes allein auf die Fazenda zurück und erzählte, er und Jacó hätten sich zu Beginn ihres Ausritts getrennt, um nach dem entlaufenen Bullen zu suchen. Der Landwirt und die Vaqueiros auf der Fazenda waren besorgt, als Jacós Pferd alleine zurückkehrte. Bei Sonnenaufgang begannen sie mit der Suche.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Artikel Auf einer Seite lesen
    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Schlagworte Brasilien | Cowboy | Rind
    Service