Entdeckung des PazifiksIch werde dich Südsee nennen

Vasco Núñez de Balboa hat vor 500 Jahren als erster Europäer den Pazifik gesehen. Sein Geburtsort Jerez de los Caballeros versucht nun, das Beste daraus zu machen. von Brigitte Kramer

Jérez de los Caballeros

In der Altstadt von Jérez de los Caballeros  |  © flickr/ Juan Haro Rodríguez

Einige Missgeschicke und ein Glücksfall brachten Vasco Núñez de Balboa (1475-1517) in kurzer Zeit auf das Podest der Glorreichen. Grob gerechnet brauchte er zwölf Jahre, um vom verarmten Provinzadeligen zum Entdecker eines Weltmeers zu werden. Genau gerechnet legte er den Weg zum Ruhm in gut drei Wochen zurück. Er gab einem Meer seinen Namen, Mar del Sur. Sein Leben ist in den Chroniken der Neuen Welt aus dem 16. Jahrhundert festgehalten, bei Bartolomé de las Casas oder Gonzalo Fernández de Oviedo. Sie belegen: Balboa kam 1501 aus Jérez de los Caballeros, sah 1513 als erster Europäer den Pazifik und siegte damit über ein Schicksal, das ihn zum Leben als Schildknappe in der spanischen Provinz verurteilt hätte.

Er durchquerte als Erster Panama von der Karibik her. Am 1. September 1513 zog er mit rund 200 Männern los, am 25. September sah er von einem Gipfel aus das "große Meer" – so nannten die Eingeborenen den Pazifik. Vier Tage später stand er mit Helm, Schwert und Flagge bis zu den Schenkeln im seichten Wasser – will man einer Lithografie aus dem 19. Jahrhundert glauben. Im Hintergrund stehen Eingeborene mit vor der Brust verschränkten Armen und schauen zu.

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Balboas Name wird nicht mit Blutrunst und Goldgier assoziiert. Er war kein Hernán Cortés, kein Francisco Pizarro. Doch er war ein Kind seiner Zeit: Konflikte wurden mit Waffen ausgetragen, Eingeborene nicht als Menschen behandelt. Seine Hunde soll er mit lebenden Indios gefüttert haben. Er wollte dasselbe wie alle Menschen des Mittelalters: Ruhm, Macht und Gold, viel Gold. Dennoch soll er mit den Indios paktiert haben, anstatt diese anzugreifen. Wie hätte er sonst erfahren, dass es ein an Gold und Perlen reiches Meer gab?

Diese Zeichnung von 1754 erinnert an Vasco Núñez de Balboa.

Diese Zeichnung von 1754 erinnert an Vasco Núñez de Balboa.   |  © Hulton Archive/Getty Images

Deshalb feiert sein Geburtsort nun den 500. Jahrestag des Großereignisses, stolz und den Umständen gemäß. "Wir haben kein Geld, alle arbeiten ehrenamtlich", sagt Ana Puente vom Tourismusbüro. Eine 15-köpfige Bürgerkommission organisiert Vorträge und Kulturreisen, tut was sie kann, um Balboa zu entmumifizieren. Eine Straße, ein Restaurant, ein Platz und der größte Arbeitgeber im Ort, eine Eisenhütte, tragen seit Jahren den Namen des Entdeckers. Im Geburtshaus wird sein Leben erzählt und das der Stadt gleich dazu. Im Jubiläumsjahr sollen auch das Bewusstsein für die eigene Geschichte und das Interesse an Lateinamerika wachsen.

Eine Delegation aus Panama hat den Ort besucht und die Restaurierung des Taufbeckens finanziert. Die Granitschale hatte jahrhundertelang im Hinterhof der Kirche San Bartolomé gelegen. Eine Statue am Ortsrand zeigt einen muskulösen Mann, dessen Blick in die Ferne schweift. Zu seinen Füßen zeugen eine Bar, eine Metzgerei und ein Seniorenzentrum vom Alltag 500 Jahre später: Die Zahl der Arbeitslosen hat sich seit 2008 verdoppelt. Viele stehen an diesem Dienstagvormittag in der Bar, die Fleischverkäuferin lehnt im Türrahmen, die Senioren locken mit Dumping-Preisen. "Erfrischungsgetränk ein Euro", steht auf einer Tafel.

Die spanische Regierung hat das Jahr 2013 zum Año Balboa erklärt, bislang aber kein Programm vorgestellt. Die südwestspanische Region Extremadura, wo das Städtchen liegt, hat die alte Tourismus-Route der Entdecker wieder aufgelegt. Sie führt durch neun Städte. Lange erschwerte die Gewalt der 300 Jahre dauernden Eroberung und Besiedelung Lateinamerikas einen komplexfreien Umgang mit der Geschichte.

Leserkommentare
  1. Zitat: Hinter dem Pathos mag sich eine Wahrheit verbergen. "Balboa war ein Edelmann", sagt Márquez. Nicht alle Eroberer hatten ein festes Wertesystem.

    Die spanischen Eroberer waren alles andere als "Edelmänner" und da machte auch der Entdecker des Südsee keine Ausnahme.

    Dass die Spanier noch immer anders darüber denken, bleibt ihnen ja unbenommen, doch ein Blick in das Buch des de las Casas, zu dessen Ehre in Spanien nirgendwo eine Statue zu finden ist, sollte einen "klüger" machen.

    Noch einmal: Ein Mann, der seinen Hunden Indios zum Fraß vorwirft, kann man schlecht ein "Wertesystem" unterstellen. (Nicht einmal nach damaligen Wertmaßstäben gemessen!)

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  2. Der erste Europäer, der den Pazifik gesehen hat? Und was war bitte mit den Wickingern 500 Jahre vor ihm? Ich bitte Sie.

    Unsere eurozentralistisches Welt- und Geschichtsbild ist doch längst überholt. Wenn man überlegt, dass die Chinesen bereits Schiffe gebaut haben, auf denen 500 Mann Platz fanden, die dort Viehzucht und Ackerbau (jawohl) betrieben, 70 Jahre bevor Kulumbus mit faulen Zähnen und Skorbut mit seinen 90 Männern zum "neuen Kontinent" aufgebrochen ist...

    Als die Zheng He damals die Welt umrundet, kehrte er nach seinen 7 Expeditionen frustriert nach China zurück, da er nirgends eine "vergleichbar entwickelte Zivilisation" vorgefunden hatte.

    Das sollte einem doch mal zu Denken geben.

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    ...gebe ich Ihnen ja recht - es ist auch für mich nicht einzusehen, aus welchem Grund Europa/Nordamerika sich so oft anderen Weltregionen politisch und kulturell überlegen fühlt (UNESCO führt z.B. das Symbol des Parthenon im Logo - als wenn es in Asien/Afrika/Amerika keine vergleichbare Architektur gegeben hätte). Tatsächlich hatte Europa einen unglaublich zerstörerischen Einfluß auf die Gesellschaften Asien, Afrikas, Amerikas.

    Spitzfindigerweise möchte ich Sie aber dennoch auf einige Unpässlichkeiten hinweisen. Die Wikinger haben sicherlich den Pazifik nicht gesehen und Zheng He ist auch nicht um die Welt geschippert, sondern im Indischen Ozean geblieben. Und das auf seinen Schiffen Landwirtschaft betrieben wurde, ist mir auch neu.

    • Ascag
    • 06. Juni 2013 10:55 Uhr

    Es ist bekannt, daß die Wikinger bis Neufundland gekommen sind und dort sogar eine kleine Siedlung errichtet haben.

    Das hat aber alles nichts mit dem Pazifik zu tun. Das war alles noch Schiffahrt auf dem Atlantik.

    Mich würde wirklich brennend interessieren, wo wann und wie die Wikinger es angeblich bis zum Pazifik geschafft haben.

    Nachweisslich haben Araber mit Hilfe juedischer Katographen die Meere im Osten (Australien) und Westen (Lateinamerika) lange vor den Europaern bereist

  3. ...gebe ich Ihnen ja recht - es ist auch für mich nicht einzusehen, aus welchem Grund Europa/Nordamerika sich so oft anderen Weltregionen politisch und kulturell überlegen fühlt (UNESCO führt z.B. das Symbol des Parthenon im Logo - als wenn es in Asien/Afrika/Amerika keine vergleichbare Architektur gegeben hätte). Tatsächlich hatte Europa einen unglaublich zerstörerischen Einfluß auf die Gesellschaften Asien, Afrikas, Amerikas.

    Spitzfindigerweise möchte ich Sie aber dennoch auf einige Unpässlichkeiten hinweisen. Die Wikinger haben sicherlich den Pazifik nicht gesehen und Zheng He ist auch nicht um die Welt geschippert, sondern im Indischen Ozean geblieben. Und das auf seinen Schiffen Landwirtschaft betrieben wurde, ist mir auch neu.

    2 Leserempfehlungen
  4. Ich denke, dass Sie meinen, dass er der erster Europäer war, der den Pazifischen Ozean von seinem östlichen Ufer aus sah.

    • Ascag
    • 06. Juni 2013 10:55 Uhr

    Es ist bekannt, daß die Wikinger bis Neufundland gekommen sind und dort sogar eine kleine Siedlung errichtet haben.

    Das hat aber alles nichts mit dem Pazifik zu tun. Das war alles noch Schiffahrt auf dem Atlantik.

    Mich würde wirklich brennend interessieren, wo wann und wie die Wikinger es angeblich bis zum Pazifik geschafft haben.

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    Ein Grund, weshalb die Azteken bei der Ankunft Cortés lange Zeit so unterwürfig waren, ist, dass eine Porphezeiung besagt, weiße Götter mit sonnengleichem Haar kämen vom Horizont. Daher hielten die Azteken (die Zapotecas übrigens auch) die ankommenden Spanier für Götter und haben zu lange gezögert, als diese den Krieg erklärten. Das war ein Grund für ihre Niederlage.

    Die wissenschaftliche Hypothese dazu ist, dass es die Wickinger eben nicht nur bis Neufundland geschafft haben, sondern bis hier runter nach Mexiko.
    Das ist freilich noch kein stichfester Beweis, doch gibt es hier (ich lebe in Mexiko) viele Experten, die diese Theorie stützen.

    Es gibt einfach so viel, was wir noch nicht wissen.

  5. Nachweisslich haben Araber mit Hilfe juedischer Katographen die Meere im Osten (Australien) und Westen (Lateinamerika) lange vor den Europaern bereist

  6. "Balboas Name wird nicht mit Blutrunst ... assoziiert. .... Seine Hunde soll er mit lebenden Indios gefüttert haben."

    Das verstehe ich nicht ganz: das war also nur eine billige Hundefutterbeschaffung und keine Blutrunst?

  7. Ein Grund, weshalb die Azteken bei der Ankunft Cortés lange Zeit so unterwürfig waren, ist, dass eine Porphezeiung besagt, weiße Götter mit sonnengleichem Haar kämen vom Horizont. Daher hielten die Azteken (die Zapotecas übrigens auch) die ankommenden Spanier für Götter und haben zu lange gezögert, als diese den Krieg erklärten. Das war ein Grund für ihre Niederlage.

    Die wissenschaftliche Hypothese dazu ist, dass es die Wickinger eben nicht nur bis Neufundland geschafft haben, sondern bis hier runter nach Mexiko.
    Das ist freilich noch kein stichfester Beweis, doch gibt es hier (ich lebe in Mexiko) viele Experten, die diese Theorie stützen.

    Es gibt einfach so viel, was wir noch nicht wissen.

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  • Schlagworte Lateinamerika | Panama | Spanien | Weltumsegelung | Pazifik
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