Einige Missgeschicke und ein Glücksfall brachten Vasco Núñez de Balboa (1475-1517) in kurzer Zeit auf das Podest der Glorreichen. Grob gerechnet brauchte er zwölf Jahre, um vom verarmten Provinzadeligen zum Entdecker eines Weltmeers zu werden. Genau gerechnet legte er den Weg zum Ruhm in gut drei Wochen zurück. Er gab einem Meer seinen Namen, Mar del Sur. Sein Leben ist in den Chroniken der Neuen Welt aus dem 16. Jahrhundert festgehalten, bei Bartolomé de las Casas oder Gonzalo Fernández de Oviedo. Sie belegen: Balboa kam 1501 aus Jérez de los Caballeros, sah 1513 als erster Europäer den Pazifik und siegte damit über ein Schicksal, das ihn zum Leben als Schildknappe in der spanischen Provinz verurteilt hätte.

Er durchquerte als Erster Panama von der Karibik her. Am 1. September 1513 zog er mit rund 200 Männern los, am 25. September sah er von einem Gipfel aus das "große Meer" – so nannten die Eingeborenen den Pazifik. Vier Tage später stand er mit Helm, Schwert und Flagge bis zu den Schenkeln im seichten Wasser – will man einer Lithografie aus dem 19. Jahrhundert glauben. Im Hintergrund stehen Eingeborene mit vor der Brust verschränkten Armen und schauen zu.

Balboas Name wird nicht mit Blutrunst und Goldgier assoziiert. Er war kein Hernán Cortés, kein Francisco Pizarro. Doch er war ein Kind seiner Zeit: Konflikte wurden mit Waffen ausgetragen, Eingeborene nicht als Menschen behandelt. Seine Hunde soll er mit lebenden Indios gefüttert haben. Er wollte dasselbe wie alle Menschen des Mittelalters: Ruhm, Macht und Gold, viel Gold. Dennoch soll er mit den Indios paktiert haben, anstatt diese anzugreifen. Wie hätte er sonst erfahren, dass es ein an Gold und Perlen reiches Meer gab?

Deshalb feiert sein Geburtsort nun den 500. Jahrestag des Großereignisses, stolz und den Umständen gemäß. "Wir haben kein Geld, alle arbeiten ehrenamtlich", sagt Ana Puente vom Tourismusbüro. Eine 15-köpfige Bürgerkommission organisiert Vorträge und Kulturreisen, tut was sie kann, um Balboa zu entmumifizieren. Eine Straße, ein Restaurant, ein Platz und der größte Arbeitgeber im Ort, eine Eisenhütte, tragen seit Jahren den Namen des Entdeckers. Im Geburtshaus wird sein Leben erzählt und das der Stadt gleich dazu. Im Jubiläumsjahr sollen auch das Bewusstsein für die eigene Geschichte und das Interesse an Lateinamerika wachsen.

Eine Delegation aus Panama hat den Ort besucht und die Restaurierung des Taufbeckens finanziert. Die Granitschale hatte jahrhundertelang im Hinterhof der Kirche San Bartolomé gelegen. Eine Statue am Ortsrand zeigt einen muskulösen Mann, dessen Blick in die Ferne schweift. Zu seinen Füßen zeugen eine Bar, eine Metzgerei und ein Seniorenzentrum vom Alltag 500 Jahre später: Die Zahl der Arbeitslosen hat sich seit 2008 verdoppelt. Viele stehen an diesem Dienstagvormittag in der Bar, die Fleischverkäuferin lehnt im Türrahmen, die Senioren locken mit Dumping-Preisen. "Erfrischungsgetränk ein Euro", steht auf einer Tafel.

Die spanische Regierung hat das Jahr 2013 zum Año Balboa erklärt, bislang aber kein Programm vorgestellt. Die südwestspanische Region Extremadura, wo das Städtchen liegt, hat die alte Tourismus-Route der Entdecker wieder aufgelegt. Sie führt durch neun Städte. Lange erschwerte die Gewalt der 300 Jahre dauernden Eroberung und Besiedelung Lateinamerikas einen komplexfreien Umgang mit der Geschichte.