Schwul-lesbischer TourismusGruppenreise zur Gay Pride

Längst kein Nischentourismus mehr: Die Reiseindustrie hat homosexuelle Kunden für sich entdeckt. Und bietet ihnen auch ungewöhnliche Destinationen an. von Ulf Lippitz

Ein Stand für schwules und lesbisches Reisen auf der Berliner Tourismusbörse

Ein Stand für schwules und lesbisches Reisen auf der Berliner Tourismusbörse   |  © BARBARA SAX/AFP/Getty Images

Es gibt für die Tourismusindustrie viele Gründe, in den schwulen Reisemarkt zu investieren. Genauer gesagt: 50 Milliarden Gründe pro Jahr. So hoch, behauptet die Gay European Tourism Association, sei der Euro-Betrag, den diese Zielgruppe allein in Europa für Reisen ausgebe. Damit bestreiten Homosexuelle acht Prozent des Marktes, obwohl sie nur 2,6 Prozent der Bevölkerung stellen.

Im Durchschnitt haben sie ein höheres Einkommen zur Verfügung, weil sie meist keine Kinder haben und eher bereit sind, Geld für Luxus auszugeben. Was erklärt, dass Hotelketten wie Hyatt und Hilton sowie Fluggesellschaften wie Delta und United Premiumpartner des größten schwul-lesbischen Reiseverbands IGLTA  sind.

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Die Milliardensumme dürfte vermutlich noch steigen. Denn eine im März auf der ITB Berlin vorgestellte Studie besagte, dass trotz der Rezession ein Drittel aller lesbischen und schwulen Befragten ihre Ausgaben für Reisen erhöht haben. Zum selben Schluss kam bereits die erste Erhebung über diesen Nischentourismus, den die UN-Tourismusorganisation UNTWO 2012 vorlegte. "Eine klare Verbindung zwischen progressiver Politik und wirtschaftlichem Nutzen" machte der Report dabei aus. Je toleranter ein Staat in seiner Politik gegenüber Homosexuellen auftritt, umso mehr Geld geben diese dort aus.

Spanien und Argentinien werben und profitieren davon. In beiden Ländern ist die so genannte Homo-Ehe rechtens. Doch nicht erst seit deren Einführung zählt Spanien zu den klassischen Destinationen, sagt Dirk Baumgartl, Chefredakteur des Schwulen-Reisemagazins Spartacus Traveler aus Berlin. "Statt Mallorca und Teneriffa fahren Schwule gern nach Sitges oder Gran Canaria, weil sie dort eine Szene vorfinden." Und sie planen vielleicht "zweimal im Jahr einen großen Urlaub und mehrere Wochenendtrips".  

Ist es wirklich okay, schwul in Bulgarien zu sein?

So viel Reiselust stachelt die Tourismusindustrie an. Auf der ITB kann man das sehr gut beobachten, seit die Messe 2003 einen Pink Pavillon für die homosexuelle Klientel eingerichtet hat – mit stetig wachsendem Erfolg. In der Zeit zwischen Juni und August haben viele Anbieter Städtekurzreisen zu Events wie dem Christopher Street Day in Berlin oder Schwulenparaden in und um Europa im Programm. Außerdem finden sich dort in diesem Jahr Städtereisen nach Tel Aviv, Madrid oder Miami, aber auch schwule Kreuzfahrten durch das Mittelmeer und zum ersten Mal Rundreisen nach Bulgarien.

"Es ist völlig okay, schwul in Bulgarien zu sein", behauptet Petar Atanasov. Der Vertreter von Gay Holidays Bulgaria betont, dass bereits in den 1980er Jahren schwule Touristen aus dem Westen anreisten, um in Sofias Nachtclub Spartacus zu feiern und dass die Szene auch heute noch sehr lebendig sei. Das "unentdeckte Paradies", das Atanasov ausmacht, sieht der Lesben- und Schwulenverband Deutschland allerdings nicht: "Es fehlt eine aktive Politik gegen Diskriminierung und auch ein entsprechendes nationales Antidiskriminierungsgesetz." Von eingetragenen Partnerschaften ganz zu schweigen.

Leserkommentare
  1. Diskriminierung von Minderheiten in der Gesellschaft wird in der Hauptsache dadurch befördert , daß man die Andersartigkeit dieser Minderheiten im negativen Sinne besonders herausstellt .

    Diskriminierung wird in einer Gesellschaft am besten und nachhaltigsten dadurch unterbunden, wenn man jedem klar macht , daß in diesem Falle die
    sexuelle Neigung homosexueller Menschen etwas normales und alltägliches ist.

    Von daher halte ich solche "Spezialangebote" für den völlig falschen Weg , homosexuellen Menschen den Weg in gesellschaftliche Akzeptanz zu ebnen .Ich könnte mir auch gut vorstellen , wenn man diese Photos da so sieht , daß es sehr vielen homosexuellen Menschen tierisch auf den Zeiger geht , derart plakativ vorgeführt zu werden und ihnen sowas ab einem gewissen Punkt nur noch peinlich ist .

    Wenn ich diese rosanen Taschen so sehe und mir die vielleicht im Schaufenster eines Reisebüros vorstelle , dann frag ich mich , ob diese Leute nur weil es dem Zeitgeist entspricht und man damit Geld verdienen
    kann , am besten nicht gleich einen Marktschreier vor die Tür stellen , der jedes Mal , wenn ein Kunde kommt laut brüllt " Schaut mal her , jetzt kommt wieder ein Schwuler in unseren Laden " .

    Ganz im Gegenteil würde ich mich , wenn ich mir das mal als Hetero umgekehrt vorstelle , diskriminiert und auf meine Sexualität reduziert fühlen , wenn man so einen Unsinn mit mir veranstaltet .

    2 Leserempfehlungen
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    Lesen Sie die beiden ersten Absätze noch mal: Es geht hier nicht um ein Integrationsprogramm für eine Minderheit, sondern um ein Multimilliarden-Euro-Geschäft!

  2. Pardon, aber man hat fast den Eindruck, als würde der Artikel den Reiseanbietern zuarbeiten wollen. Auch wenn das vielleicht nicht so ist.

    Auf alle Fälle stellt sich die Frage nach dem sachlichen Grund für den Beitrag!

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    • 29C3
    • 04. Juni 2013 11:52 Uhr
    3. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zur Diskussion leisten möchten. Danke, die Redaktion/jk

    3 Leserempfehlungen
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    Der Kommentar, auf den Sie Bezug nehmen, wurde mittlerweile entfernt. Danke, die Redaktion/jk

  3. Nischentourismus hat es immer gegeben. Ob nun Studienreisen für Akademiker sind, das Heuhotel für kinderreiche Familien am Nord-Ostseekanal oder diesen komisch Bus mit Hotelfunktion. Insofern finde ich nichts Sensationelles dabei wenn Schwule oder Lesben eigene Angebote haben. Eigentlich sagt das sehr viel über die Tourismusindustrie aus und eher weniger über die Gesellschaft (ein Ziel des Artikels?).

    Pecunia non olet.

    6 Leserempfehlungen
  4. 5. [...]

    Der Kommentar, auf den Sie Bezug nehmen, wurde mittlerweile entfernt. Danke, die Redaktion/jk

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    Antwort auf "[...]"
  5. nicht gut für Homosexuelle. Man hat sie ja dann alle beieinander, die man diskriminieren will, wenn man sie diskriminieren will.

  6. "Brauchen Lesben und Schwule überhaupt eigene Anbieter? Ist das nicht jene Ghettoisierung, gegen die man kämpft? Die Antwort ist eindeutig: nein."
    Hihi, genau eines ist das "nein" nicht: Eindeutig. Worauf bezieht es sich, auf die erste Frage, als Bekräftigung der zweiten oder als doppelte Verneinung der zweiten?

    Ansonsten finde ich es gut, dass das Thema auf dem Tisch bleibt, nur durch stete Anwesenheit wird es irgendwann als normal wahrgenommen. Ich gehe indes davon aus, dass das eher zur Information wohlwollender Heteros gedacht ist denn als Topnews für Homosexuelle.

    "Gibt es bald auch Reisen für Hackbratenesser?" - ich will doch hoffen, dass es die schon gibt! Wenn der Kapitalismus eines kann, dann flexibel auf Trends reagieren.

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