Es gibt für die Tourismusindustrie viele Gründe, in den schwulen Reisemarkt zu investieren. Genauer gesagt: 50 Milliarden Gründe pro Jahr. So hoch, behauptet die Gay European Tourism Association, sei der Euro-Betrag, den diese Zielgruppe allein in Europa für Reisen ausgebe. Damit bestreiten Homosexuelle acht Prozent des Marktes, obwohl sie nur 2,6 Prozent der Bevölkerung stellen.

Im Durchschnitt haben sie ein höheres Einkommen zur Verfügung, weil sie meist keine Kinder haben und eher bereit sind, Geld für Luxus auszugeben. Was erklärt, dass Hotelketten wie Hyatt und Hilton sowie Fluggesellschaften wie Delta und United Premiumpartner des größten schwul-lesbischen Reiseverbands IGLTA  sind.

Die Milliardensumme dürfte vermutlich noch steigen. Denn eine im März auf der ITB Berlin vorgestellte Studie besagte, dass trotz der Rezession ein Drittel aller lesbischen und schwulen Befragten ihre Ausgaben für Reisen erhöht haben. Zum selben Schluss kam bereits die erste Erhebung über diesen Nischentourismus, den die UN-Tourismusorganisation UNTWO 2012 vorlegte. "Eine klare Verbindung zwischen progressiver Politik und wirtschaftlichem Nutzen" machte der Report dabei aus. Je toleranter ein Staat in seiner Politik gegenüber Homosexuellen auftritt, umso mehr Geld geben diese dort aus.

Spanien und Argentinien werben und profitieren davon. In beiden Ländern ist die so genannte Homo-Ehe rechtens. Doch nicht erst seit deren Einführung zählt Spanien zu den klassischen Destinationen, sagt Dirk Baumgartl, Chefredakteur des Schwulen-Reisemagazins Spartacus Traveler aus Berlin. "Statt Mallorca und Teneriffa fahren Schwule gern nach Sitges oder Gran Canaria, weil sie dort eine Szene vorfinden." Und sie planen vielleicht "zweimal im Jahr einen großen Urlaub und mehrere Wochenendtrips".  

Ist es wirklich okay, schwul in Bulgarien zu sein?

So viel Reiselust stachelt die Tourismusindustrie an. Auf der ITB kann man das sehr gut beobachten, seit die Messe 2003 einen Pink Pavillon für die homosexuelle Klientel eingerichtet hat – mit stetig wachsendem Erfolg. In der Zeit zwischen Juni und August haben viele Anbieter Städtekurzreisen zu Events wie dem Christopher Street Day in Berlin oder Schwulenparaden in und um Europa im Programm. Außerdem finden sich dort in diesem Jahr Städtereisen nach Tel Aviv, Madrid oder Miami, aber auch schwule Kreuzfahrten durch das Mittelmeer und zum ersten Mal Rundreisen nach Bulgarien.

"Es ist völlig okay, schwul in Bulgarien zu sein", behauptet Petar Atanasov. Der Vertreter von Gay Holidays Bulgaria betont, dass bereits in den 1980er Jahren schwule Touristen aus dem Westen anreisten, um in Sofias Nachtclub Spartacus zu feiern und dass die Szene auch heute noch sehr lebendig sei. Das "unentdeckte Paradies", das Atanasov ausmacht, sieht der Lesben- und Schwulenverband Deutschland allerdings nicht: "Es fehlt eine aktive Politik gegen Diskriminierung und auch ein entsprechendes nationales Antidiskriminierungsgesetz." Von eingetragenen Partnerschaften ganz zu schweigen.