Klettern : Frei und gleich in der Felswand

Tschechen, Portugiesen, Franzosen: Leser Pirmin Bertle findet sein geeintes Europa an den Kletterwänden des Kontinents.

Ich blinzle aus meinem Schlafsack heraus. Über bewaldete Hügel schiebt sich die Sonne. Die spanische Winterluft ist klar und kalt, kleine Wolken ziehen Richtung Meer. Um mich herum liegen in Daunensäcke gehüllte Gestalten, über uns ein vor Nässe schützender Felsüberhang, davor ein paar leere Flaschen Rotwein.

Szenen wie diese prägen mein Leben. Seit Jahren verbringe ich einen großen Teil meiner Zeit unter freiem Himmel in Klettergebieten ganz Europas.

Die Menschen, mit denen ich unterwegs bin, kommen aus verschiedenen Ecken Europas. Manche kenne ich seit Jahren, andere haben sich erst letzte Woche zu unserer Gruppe gesellt. Wir sprechen verschiedene Sprachen, haben verschiedene Bildungsbiographien und verschiedene materielle Hintergründe. Unsere Großväter standen sich wahrscheinlich noch mit Waffen in den Händen gegenüber.

Uns eint, dass wir reisen wollen, draußen sein, klettern. Wir haben ein geringes Budget, die meisten von uns kommen mit weniger als 200 Euro im Monat aus. Geld interessiert uns nicht, dafür die Menschen, mit denen wir unsere sportliche Leidenschaft teilen.

Die ersten Worte des Tages sind vielleicht ein auswendig gelernter Morgengruß auf Tschechisch oder ein kurzes Gespräch auf Französisch darüber, wer das Feuer für den Kaffee macht. Gas gibt es schon seit Wochen nicht mehr und gekocht wird in rußigen, verbeulten Kochtöpfen auf offenem Feuer.

Einer der zwei Portugiesen, die schon seit einem Jahr ohne Arbeit und Wohnung sind, spült den großen Nudeltopf, aus dem am Vorabend alle zusammen gegessen haben. Dafür reicht ein Schluck Wasser. Jeder Liter ist wertvoll, denn wir tragen ihn auf einem steilen Pfad hierher. Zum Frühstück stellt jeder der Gruppe zur Verfügung was er hat.

An den steilen Kletterwänden setzt sich der Austausch fort, gegenseitiges Anfeuern kommt hinzu. Nur selten stehen wir in Konkurrenz, jeder tritt in erster Linie gegen sich selbst an. Dabei vollbringen wir sportliche Höchstleistungen. Doch Trainer und Ernährungsberater sind Randerscheinungen. Felsklettern ist ein freier Sport. Die Athleten bestimmen selbst, wo sie klettern und wann sie sich zu Höchstform steigern.

Von der Krise Europas, vom Unmut des Südens und der Überheblichkeit des Nordens spüre ich zwischen den Felswänden nichts. Ob die Monate, die wir zusammen verbringen, die Lücke bis zum nächsten Erntehelferjob füllen, oder ein Loch im Lebenslauf hinterlassen, spielt an einem Morgen wie diesem keine Rolle.

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