Schwules Reisen : Die Insel der Zügellosigkeit

Fire Island in der Nähe von New York ist ein gesetzloser Raum zum Ausprobieren, Erholen und Feiern.
The Pines, Blick vom Strand auf die Wochenendhäuser © Ulf Lippitz

Unglaublich! Hier wird geraucht, gepafft, vielleicht sogar gekifft, mitten unter Menschen, die dank zu vieler Wodka-Limette-Getränken nicht mehr willens sind, sich darüber zu beschweren. Im Gegenteil: Sie lachen, amüsieren sich und kaufen noch eine Packung im Tante-Emma-Laden gegenüber dem Grove Hotel. Das alles geschieht am helllichten Tag an der Ostküste der USA, nur zwei Stunden mit dem Bummelzug von Manhattan entfernt, wo jeder Raucher wie ein hoch infektiöser Leprakranker angeschaut wird. Und wo wahrscheinlich keiner der Sonntagsraucher sich wagen würde, eine Zigarette anzuzünden.

Hier, auf Fire Island, legen sie die persönliche Freiheit anders aus. Seit den sechziger Jahren ist ein Teil der Insel Treffpunkt der Schwulen und Lesben, ein gesetzloser Raum zum Ausprobieren, Erholen und Feiern. In Cherry Grove und The Pines haben Homosexuelle Enklaven geschaffen, in denen sie den Alltag wie einen lästigen Anzug abstreifen. Zwischen Ende Mai und Mitte September heißt das: private Dance-Partys hinter dunkel gestrichenen Holzzäunen, stundenlange Spaziergänge mit dem Hund am Atlantik, Kennenlernen im Schutz des Kiefernwalds. Solche Bilder haben im kollektiven Gedächtnis der amerikanischen Schwulenbewegung einen festen Platz.    

Genauso wie die Dragqueen-Show am Sonntagnachmittag. Zwei Frauen legen in der Bar des Grove den Arm um eine dritte, die nur auf den ersten Blick wie eine von ihnen aussieht. Zu viel Make-up, zu breites Kreuz, zu auffallende Perücke. Die Dragqueen befreit sich plötzlich aus dem Würgegriff, rennt hinaus zum Swimmingpool des Hotels, eine Soul-Nummer erklingt aus den Boxen, und die Show beginnt. Nicht irgendeine, sondern eine verrückte, aufgedrehte, in deren Verlauf die untersetzte Mann-Frau einmal um das Becken stöckelt, die kleinen Stufen zur Veranda hinauf- und mit vollem Schwung wieder hinunterläuft – und sich dann kopfüber ins Wasser stürzt. Mit Perücke! Im Paillettenkostüm! Mit Playback-Einsatz im Pool!

Von Manhattan aus zwei Stunden Entschleunigung

Es sind solche unvorhergesehenen Momente, die einen Besucher mit der Insel versöhnen. Denn über zwei Dinge muss sich der gewöhnliche Tourist im Vorfeld klar sein: Es ist ziemlich mühselig, auf Fire Island zu gelangen, und es ist verdammt kostspielig, dort zu bleiben. Auf der Insel sind keine Autos erlaubt. Von Manhattan aus gibt nur eine Umsteige-Zugverbindung nach Sayville, einem Fährhafen auf Long Island, von wo aus Schiffe nach Cherry Grove oder The Pines übersetzen. Das sind zwei Stunden Entschleunigung, die am Freitagnachmittag zur Qual werden können – wenn die Erholungssuchenden aus den Büros zur See wollen.

The Pines, schwules Paar mit Hund auf dem Weg Richtung Strand/Meer. © Ulf Lippitz

Auf der Insel erwartet die meisten New Yorker ein share – ein gemeinsam geteiltes Haus, oft mit fünf bis sechs Schlafzimmern, das sie für mehrere Wochenenden pro Saison mieten. Wenn man ein Zimmer für sechs Wochenenden im Sommer bucht, zahlt man bis zu 2.750 Dollar. Leider sind die Preise in den wenigen Hotels keine Alternative. In der Hochsaison fallen schon mal 400 Dollar für ein Zimmer mit leicht verschimmelten Wänden an. Da hilft nur, Freunde zu beschwatzen, sich eventuell ein Haus teilen – oder im New Yorker The Out wohnen, dem einzigen schwulen Stadthotel, und einen Tagesausflug auf die Insel unternehmen. Im Sommer bietet die Zuggesellschaft Long Island Railroad (LIRR) Wochenend-Tagestickets an, die sowohl Zug als auch Shuttle zur und Fahrt auf der Fähre berücksichtigen (32 anstatt 51 Dollar).

Im New Yorker Nachtleben findet man schnell Zeitzeugen, die von den ausschweifenden siebziger Jahren auf Fire Island berichten. Patrick, ein 59-jähriger Manager, erzählt in einem namenlosen Kellerklub an der East Houston Street, dass er 1978 das erste Mal auf der Insel war. "Damals konnte man nackt in den Inselladen gehen, und niemand hätte sich gestört", erinnert er sich. Er schwärmt von "dieser Party am Ende des Sommers 1996", als die Droge GHB gerade auf die Insel kam, die House-Musik aus den Kiefernhainen schallte, und er "den besten Dreier meines Lebens" hatte. Inzwischen zeigt sich kaum jemand nackt in den beiden Orten, höchstens am Strand – und das unter missbilligenden Blicken der Jungs, die teuer ihre Dolce-&-Gabbana-Badehosen erstanden haben.  

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@harek Schwules Reisen

Was für die moderne Frau die Frauen-Bratwurst ist, ist für den modernen Schwulen DERTOUR GayTravel....:=) :

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