Selbstgezeichnete Landkarten"In jeder Karte steckt ein Weltbild"

Ein Archiv gezeichneter Weltkarten will der Grafiker Benjamin Pollach zusammentragen. Jeder, der möchte, kann sein Bild von der Welt einreichen. Egal, wie schräg es ist. von 

So sieht Julian Gross aus Amerika die Welt.

So sieht Julian Gross aus Amerika die Welt.  |  ©World Map Archive / Julian Gross

ZEIT ONLINE: Herr Pollach, was fasziniert sie an Weltkarten?

Benjamin Pollach: Ich habe schon als Kind in Atlanten gelesen. Die fand ich spannender als Romane.

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ZEIT ONLINE: Atlanten enthalten aber doch kaum Text.

Pollach: Das stimmt. Die Geschichten denkt man sich selbst aus, während man sich überlegt, wie man eigentlich am besten zu einem bestimmten Punkt kommen könnte.

ZEIT ONLINE: Und zu welchem Punkt würden sie gerne mal gelangen?

Pollach: Nach Mexiko. Das ist eigentlich gar nicht so schwierig. Ich müsste nur ins Flugzeug steigen. Aber irgendwie schaffe ich es nicht, dorthin zu kommen. Vielleicht habe ich Angst, dass es nicht so schön ist, wie ich es mir ausmale, wenn ich die Landkarte betrachte.

ZEIT ONLINE: Weil die Bilder, die wir uns von Orten machen, oft mehr mit uns zu tun haben als mit der Realität?

Pollach: Genau. Es macht keinen Unterschied, ob man etwas in die Karten hinein interpretiert oder etwa aus ihnen heraus liest. Die Idee, andere Menschen um selbst gezeichnete Karten zu bitten, kam mir nicht, weil ich nach maßstabsgetreuen Projektionen der Erdkugel auf Papier suchte. Mich interessieren die Weltbilder, die in den Karten stecken. Jeder zeichnet die Welt anders und man kann nie wissen, was dabei herauskommt.

ZEIT ONLINE: Aber die Karten auf ihrer Webseite sehen alle relativ ähnlich aus.

Pollach: Weil ich gerade erst angefangen habe, zu sammeln. Die meisten der 150 Zeichnungen stammen aus Deutschland. Das wird sich aber hoffentlich bald ändern. Schon jetzt sind die Unterschiede zwischen Karten aus Ecken wie Peru, Bangladesch und Japan deutlich zu erkennen. Auf den Karten der Europäer ist Europa immer viel zu groß dargestellt und Afrika zu klein. Je nachdem, wo die Zeichner herkommen, verschieben sich die Proportionen. Es gibt ein Weltbild eines Amerikaners, auf dem nur die USA drauf sind und zwei Anhängsel, die den Rest der Welt darstellen sollen.

ZEIT ONLINE: Das bestätigt nur die Klischees.

Pollach: Nein, nicht immer. Grade habe ich eine Karte einer 52-jährigen Amerikanerin aus dem Briefkasten gefischt, die hat mir eine Karte per Post geschickt. Da ist die ganze Welt drauf, sehr abstrakt, aber vorhanden.

ZEIT ONLINE: Unddiese Karte hat einen weiten Postweg hinter sich. Vielleicht ist ihre Urheberin  besonders viel gereist und weiß deshalb, wie die Welt außerhalb der USA aussieht?

Pollach: Darüber stand in dem Brief nichts. Man sollte das nicht pauschalisieren. Es gibt Menschen, die reisen sehr viel und können trotzdem keine Karten zeichnen, und es gibt Menschen, die verbringen Urlaube in ihrem Wohnzimmer und beherrschen es perfekt.

ZEIT ONLINE: Wie sieht denn die perfekte Weltkarte aus?

Pollach: Die gibt es nicht. Selbst die Karten in unseren Atlanten sind ja nur konstruierte Bilder von einer Kugel auf eine Fläche und können deshalb nie ein genaues Abbild sein. Dieses Abbild haben wir in unseren Köpfen gespeichert. Und wie wir verändert es sich im Laufe unseres Lebens. Meine Lieblingskarte stammt von Ali Dowlatshahi. Sie sieht auf den ersten Blick sehr wirr aus, aber er hat mir erklärt, dass für ihn die Welt aus mehreren Schichten besteht, die übereinander liegen. Und so hat er sie eben gezeichnet.

ZEIT ONLINE: Aber eigentlich braucht man das in Zeiten von GPS und Google Streetview nicht mehr, oder?

Pollach: Doch. Die Bilder sind ja nicht da, um Reisende zu leiten. Sie wurden nicht gemalt, um anderen einen Weg zu beschreiben. Obwohl es Situationen gibt, in denen sie nützlich sein könnten. Ich war vor Kurzem in Neapel und habe zum ersten Mal versucht, mich per Smartphone durch die Stadt zu navigieren. Nach einem Tag war der Akku leer. Ich musste wieder Karten nutzen und Passanten fragen.

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    • Quelle ZEIT ONLINE
    • Schlagworte GPS | USA | Urlaub | Zeichnung | Afrika | Europa
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