Pro-Contra KrisentourismusDarf man jetzt nach Ägypten reisen?

Während in Kairo Kämpfe toben, sonnen sich Urlauber besonders günstig am Roten Meer. Das ist verwerflich, sagt D. Schmidt. Die Aufregung ist Heuchelei, findet F. Thurm. von  und

Touristen in Scharm al-Scheich am Roten Meer

Touristen in Scharm al-Scheich am Roten Meer  |  © Peter Macdiarmid/getty

Nein: Krisentouristen handeln unmoralisch

Letzte Woche in der Uckermark: Das rituelle Gespräch mit den Freunden über den verbleibenden Urlaub und die Frage, wo man ihn am besten verbringt, fällt etwas sonderbar aus. Einer dieser Freunde, nennen wir ihn Rafael, sagt: "Ägypten! Nichts ist günstiger zurzeit, die Gelegenheit ist perfekt! Und es passiert dir dort auch nichts. Dafür sorgt schon das Militär." 

Ich schweige. Obwohl ich seinen Vorschlag empörend finde. Nur – was empörte mich genau? Dass Menschen die Gelegenheit nutzen, einen Urlaub zu machen, der sonst für sie zu teuer wäre? Ist das so verwerflich? Schließlich ändert sich an der politischen Lage des Landes wenig, ob man nun als Tourist hinreist oder bewusst fernbleibt. Die Wirtschaft Ägyptens, so könnte man argumentieren, benötigt gerade in Zeiten der Krise Einnahmen aus dem Tourismus.

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In solchem Denken drückt sich jedoch eine gehörige Portion Arroganz aus: "Ägypten braucht unser Geld!" "Ich tue nichts Falsches, wenn ich meinen Urlaub dort verbringe!" Solche Aussagen sind vorgeschoben und taktlos. Hinter ihnen verbirgt sich ein rein opportunistisches Motiv. Rafael ist da ehrlicher, er interessiert sich vor allem für seinen persönlichen Vorteil.

Ich stellte mir vor, wie er in seinem All-inclusive-Ressort in Hurghada am Strand liegt, während in Kairo auf der Straße Menschen erschossen, verprügelt oder vergewaltigt werden. "Keine Sorge, Schatz", würde er seine Freundin beruhigen, "bevor es 300 Tote gibt, sind wir schon wieder zu Hause."

Wer jetzt ans Rote Meer reist, tut das nicht, um zu helfen. In der Rechtfertigung liegt das Problem, denn sie erlaubt es, die Frage zu ignorieren, die sich eigentlich stellt: die Frage nach der Pietät. Wie wir sie beantworten, sagt etwas darüber aus, wer wir sein wollen. 

Auch wenn wir zufällig dadurch helfen, bleibt es falsch, aus dem Schaden anderer Nutzen zu ziehen. Deshalb: Sucht euch bitte ein anderes Urlaubsziel. In der Uckermark war es ganz schön.  

David Schmidt

Leserkommentare
    • edgar
    • 11. Juli 2013 15:52 Uhr

    die Diskussion kann ebenso auf genereller Basis geführt werden: inwieweit Urlaub, der nicht bestimmten Rahmen der Nachhaltigkeit genügt, überhaupt vertretbar ist, inwieweit der Tourismus den Betroffenen schadet oder ihnen nützt.

    Im Übrigen ist ist es in der Uckermark wirklich schön - die hat übrigens den Bundeswettbewerb "Nachhaltige Tourismusregion" gewonnen.

    Und wer nach Ägypten fliegt: bitte hinterher nicht weinen, wenn doch etwas passiert !

    Eine Leserempfehlung
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    Uckermark:
    Anbei die Schilderung einer Gewalttat mit rechtem Hintergrund aus einem Dorf der Uckermark.
    Da wurde ein 16- jähriger nur weil er weite Hosen angezogen und blondierte Haare hatte, als ein Jude, der sich als Arier tarnen wollte, beschimpft und erschlagen:
    http://www.opferperspekti...
    Also, wenn man der Argumentation von Herrn Schmidt folgt, kann man nirgendwo Urlaub machen, weil fast überall werden Menschen aus unsägliche Gründen umgebracht.

  1. Tourismus braucht, als westliche Arroganz brandmarken. Fragen Sie mal die Ägypter, ob die wollen, dass die Touristen wegbleiben? Selbst die Muslimbrüder werden das nicht wollen.
    Westlich arrogantes Pseudo-Gutmenschentum ist es, Menschen die Urlaub in Ägypten machen moralisch zu diskreditieren. Mit dieser Haltung bessert sich nichts für die Ägypter, im Gegenteil man schadet den Ägyptern.
    Glauben Sie wirklich, dass in Ägypten weniger Menschen sterben, wenn die Touristen ausbleiben. Mit Sicherheit passiert das Gegenteil. Also mit dieser
    moralischen Rigidität verursachen Sie Leid, Mit Ihrer Haltung sollten Sie kein gutes Gewissen haben,Her Schmidt!

    8 Leserempfehlungen
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    "Pseudo-Gutmenschentum"

    Wie überzeugend! Ich bin immer wieder erstaunt darüber, wie gut manche Menschen argumentieren können. "Pseudo-Gutmenschentum", das hat mir die Augen geöffnet. Von einer solchen Eloquenz können manche nur träumen.

    Ich hasse zwar den Begriff "Gutmensch" und die politische Einstellung der Leute, die ihn benutzen, allerdings stimme ich zu. Der Tourismus ist wichtig und gut für dieses Land, denn letztendlich ist die wirtschaftliche Lage doch der Hauptgrund für die extreme Unzufriedenheit, die wiederum zu Gewalt führt.

    • Yommy
    • 11. Juli 2013 16:04 Uhr

    Ich war weit vor dem arabischen Frühling in Ägypten im Urlaub (im Jahr 2000) aber schon damals haben mich die dortigen Zustände erschreckt.

    Nachdem ich in Hurghada gelandet bin, wurde ich abgeholt. Die Fahrt ging ca. 100 km südlich nach El Quseir. Während der Fahrt gab es immer wieder Straßensperren der Armee. Soldaten mit der AK47 im Anschlag standen grimmig dreinschauend da, kontrollierten die Autos und das wiederholte sich alle 20 km. Ich fand das beängstigend.

    In den Ortschaften, die besucht wurden, lebten die Menschen meist in nicht viel mehr als einem "Erdloch" und sobald Touristen auftauchten, stürzte sich ein Masse Einheimischer auf diese und versuchte ihnen etwas zu verkaufen. Ein Mitreisender, der seine blondhaarige Tochter dabei hatte, wurde von einer Horde aus 20 Personen verfolgt wenn sie mit dem Fahrrad die Gegend erkundeten. Die liefen den beiden die ganze Zeit hinterher und veranstalteten einem Höllenlärm. Die beiden Personen (besonders die Tochter) taten mir sehr Leid denn sie konnten sich dort nicht frei bewegen und wurden ständig bedrängt und belästigt.

    Ich fand das damals so erschreckend, dass ich dort nie wieder hingereist bin und es auch in Zukunft nicht mehr tun werde.

    Schöne Strände gibt es zum Glück auch woanders.

  2. Der erste Text ist wohl aus der bequemen Perspektive des fernen Beobachters geschrieben.

    Der massive Einbruch des Tourismus seit der Revolution 2011 ist eine absolute Katastrophe für die Menschen. Für viele ist der Tourismus die einzige Einnahmequelle und seit seinem Wegfall geht es vielen Leuten verdammt dreckig.
    Darüber hinaus sollte man vielleicht mal erwähnen, das Ägypten aus mehr besteht als nur Hurghada (und Kairo). Wenn der einzige Ägypter, den ich zu Gesicht bekomme derjenige ist, der mir an meinem Privatstrand den Cocktail reicht, dann kann ich auch nach Rimini fahren.

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  3. Uckermark:
    Anbei die Schilderung einer Gewalttat mit rechtem Hintergrund aus einem Dorf der Uckermark.
    Da wurde ein 16- jähriger nur weil er weite Hosen angezogen und blondierte Haare hatte, als ein Jude, der sich als Arier tarnen wollte, beschimpft und erschlagen:
    http://www.opferperspekti...
    Also, wenn man der Argumentation von Herrn Schmidt folgt, kann man nirgendwo Urlaub machen, weil fast überall werden Menschen aus unsägliche Gründen umgebracht.

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    sind in der Uckermark die Preise gesunken und der Urlaub kostete deutlich weniger? Ich glaube, Herr Schmidt wollte primär darauf hinaus, dass Menschen, die jetzt gerade Urlaub machen, einen egoistischen Nutzen aus der herrschenden Armut ziehen, welche sich nach den wilden Revolitionsjahren breit gemacht hat. Ähnliches gibt es massenhaft zu beobachten, wie z.B. Sextourismus zeigt. Auch da wird die wirtschaftliche Situation massiv ausgenutzt. Auf der anderen Seite kann man nicht jedem Ägyptenurlauber dies unterstellen.
    Am Balkan, in Griechenland, Spanien, es gibt viele Länder die den Tourismus durchaus benötigen, mit wirtschafltichen Schwierigkeiten, oder den Folgen von Kriegen (ehemaliges Jugoslawien) zu kämpfen haben und in denen Menschen Urlaub machen, weil es billig ist. Es gibt aber auch genug, die aus wirklichem Interesse reisen und darum sollte man nicht so pauschal urteilen und Ihr Vergleich mit dem Mord in der Uckermark geht dabei eigentlich gänzlich am Thema vorbei.

    • edgar
    • 11. Juli 2013 16:40 Uhr

    da die benannte Quelle mittlerweile mehr als 10 Jahre alt ist ...

  4. "Pseudo-Gutmenschentum"

    Wie überzeugend! Ich bin immer wieder erstaunt darüber, wie gut manche Menschen argumentieren können. "Pseudo-Gutmenschentum", das hat mir die Augen geöffnet. Von einer solchen Eloquenz können manche nur träumen.

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