Nadine Wollschlägers Fahrrad steht auf einer der runden Bodenmarkierungen, die irgendwann mal für die Maschinenbetankungen gedacht sind. Die 24-jährige Gruppenleiterin stellt eine Quizfrage in die Runde ihrer zwei Dutzend Radler: Warum gibt es am Nordpier keine Fluggastbrücken? "Die wurden vergessen", sagt einer. Und alle lachen.


Nein, diesmal hat die Flughafengesellschaft mit ihrem Konglomerat von hunderten Bausubunternehmen nichts verkehrt gemacht. Am Nordpier laufen die Passagiere später mal aus Kostengründen am Boden zum Low-Cost-Carrier, "und je schlechter das Wetter ist, desto besser für die Airlines", dann beeilen sich alle und es gibt schnelle Umschlagzeiten, erklärt die Airport-Mitarbeiterin.

Wildkräuter auf dem Taxiway

Es gibt doch immer wieder was zu lernen und zu erleben auf der Baustelle des BER. Erst recht, wenn man eine der beliebten geführten Fahrradtouren mitmacht, die die Flughafengesellschaft diesen Sommer anbietet. Aus der Radlerperspektive sieht man jedes Wildkräuterbüschel, das inzwischen aus einem der 10.000 Autoparkplätze oder auf den Taxiways Alpha und Bravo wuchert. Man fühlt den Staub auf den Sandsäcken, die die Planen-Sperrkreuze auf der Start- und Landebahn beschweren. Wollschläger sagt: "Wir kriegen ja immer mal Anfragen von Piloten." Aber nichts da, hier rollen keine Flugzeuge, sondern Radler.

Am BER wird die Not zur Tugend: Die Anreiseroute für die Radtouristen zum Startpunkt am Infotower führt über den Autobahnzubringer von der A 113. "Es war schon ein komisches Gefühl, da langzuradeln, aber noch fährt ja nichts", sagt Barbara Schröder, 63, sie ist extra aus Lichtenrade hergestrampelt.

Hin geht es über den leeren Autobahnzubringer

Am Wegesrand hin zum Wolkenkuckucksheim der Lüfte liegen die Toiletten bei Burger King: leer und sauber. Die Autowaschkabinen an der verwaisten Total-Tankstelle: Immer eine zu kriegen. Barbara Schröder und ihr Mann Rainer hatten "genug von der Meckerei über den BER", sagen sie, "wir wollten uns selbst ein Bild machen".

So geht es entlang unter den Autobahnschildern, auf denen das Airport-Logo sicherheitshalber durchgestrichen ist und der BER noch BBI heißt. Und, wie ist Ihr Eindruck? "Es ist ein richtig toller Flughafen, der sieht wirklich klasse aus." Und er ist auch völlig ungefährlich zu befahren, die Vorfahrtsregeln des Straßenverkehrs gelten – nur Maschinen haben generell Vorfahrt. "Aber es sind wenige Fahrzeuge zu befürchten, das wird ganz entspannt, bitte folgen Sie jedoch meinen Anweisungen und halten sie nicht eigenständig, ich bin heute ihr Boss", sagt die Radtour-Leiterin aus Friedrichshain freundlich. Jetzt tuckert von hinten ein motorisierter Rasenmäher vorbei, und der Wind treibt den Duft von gemähter Wiese heran. Dann ist es wieder ganz still. Nächster Halt Feuerwache. Ein Beamter döst im Schatten. Drei Wachen werden später den BER sichern, denn innerhalb von drei Minuten müssen Löschmittel auf dem 2.000 Fußballfelder großen Gelände ausgebracht werden können, erläutert Wollschläger. Der Flugzeugwartungshangar hat sogar eine Fußbodenheizung.

"Wenn ich richtig in die Pedale trete, hebe ich ab"

Heiß ist es auch heute, "wie in der Sahara", ruft einer. Ihm wird das Lunchpaket helfen, das zum Ende der zweistündigen Tour jeder bekommt, mit Getränk und Vollkornstulle, Pudding und Süßriegel. Aber auch vorher, bittet Wollschläger, solle jeder von seinem mitgebrachten Drink immer mal einen Schluck nehmen. "Wenn ich jetzt richtig in die Pedale trete, hebe ich hab", sagt einer und grinst. Und ein anderer sieht das Glück im Unglück: "Irgendwie gut, dass der Flughafen noch geschlossen ist, sonst könnte man so eine coole Tour nicht machen." Auch Tempelhof sei geschlossen so ein Erlebnis. Der BER ist neuer Treff der Radlerszene, auch eine große ADFC-Truppe radelt herum, die dürfen aber allerdings gerade nicht rein wie unsereins. Möglich macht das Nadine Wollschlägers Geländeausweis, der im Fahrtwind baumelt, für den sind sogar die Venen in ihren Handinnenflächen gescannt worden.

Majestätisch, der Terminal!

Jetzt scannen aber alle den Airport, machen Erinnerungsbilder: Ich und mein Rad genau vorm Tower! Wie majestätisch sich die Terminals in der Weite dahinstrecken! In welch’ architektonisch reizvollem Ambiente man sich mal an dem jetzt testweise sprudelnden Brunnen Abschiedsküsse geben wird! "Die Straßenschilder müssen sie dann aber noch mal nachmalen", sagt Barbara Schröder und zeigt hoch. Die Dellen, da muss ein Baufahrzeug gegen gescheppert sein.