Leserartikel

VenedigTheater statt Touristenströme

Wenn es ihr auf der Rialtobrücke in Venedig zu voll wird, flüchtet sich Leserin Andrea Hebig vor den Touristenmassen in das nahegelegene Teatro Goldoni. von Andrea Hebig

In Venedig ist das Gedränge auf den Straßen nirgends so dicht wie in der Gegend um die Rialtobrücke. Kaum jemand weiß, dass es nur ein paar Meter entfernt einen wunderbaren Zufluchtsort vor den Touristenmassen gibt: das Teatro Goldoni.

Von außen leicht zu übersehen, lockt das Innere des 800 Plätze umfassenden Theaters mit historischer Ausstattung und zeitgenössischem Programm. Der rote Plüsch wirkt alt, doch das täuscht. Die Venezianer lieben die Dinge, wie sie waren. Deshalb erscheint das Theater bis heute trotz wechselvoller Geschichte und mehrfacher Zerstörung im Glanz des frühen 18. Jahrhunderts, ist aber originalgetreu restauriert.

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Im Publikum sitzen immer nette Leute, spontane Besuche lohnen schon wegen der bequemen Sessel, und gerade nachmittags findet man immer einen freien Platz (allerdings haben die Nachmittagsvorstellungen einen Nachteil: Statt eines Glas' Sekt wird lediglich die Tagesausgabe der Lokalzeitung gereicht). Wie viel man von den italienischen Texten versteht, ist nebensächlich. Auf die Atmosphäre kommt es an.

Bei einem meiner Besuche steht Bertolt Brecht auf dem Programm: Den Aufhaltsamen Aufstieg des Arturo Ui verlassen einige Zuschauer mitten in der Vorstellung. Zwei Italiener wünschen den Bleibenden "Mut für den zweiten Teil". Nicht alle sehen das so. Einer der frei gewordenen Plätze geht sofort an die Dame von weiter hinten, die einen besseren Blick auf die Bühne haben will.

Übersetzungshilfe aus dem dritten Rang

Der Dame gefällt es. Sie findet alles sehr modern. "Nein, nein", widerspricht eine andere Dame im Sessel nebenan kopfschüttelnd. "Bloß, weil die Schauspieler zu schnell sprechen, ist es nicht modern. Ich bin Ungarin, habe zwölf Jahre in Wien gelebt. Ich spreche Deutsch und Italienisch. Ich lebe hier seit 1949. Das ist ein viel zu schnelles Italienisch."

"Es ist ein Brecht-Cocktail, Arturo Ui trifft auf Mackie Messer", erwidert eine Touristin aus Deutschland, als sie nach ihrer Meinung gefragt wird. Sie ist glücklich über Musik und Gesang. Das Lied von Mackie Messer wird dreimal gespielt.

An einem anderen Tag kommt Ferdinando von Annibale Rucello zur Aufführung. In dem Stück geht es um einen jungen Mann, der zwei liebeshungrige Damen hinters Licht führt und sie sogar zum Mord antreibt. Die Schauspieler rezitieren auf Neapolitanisch. Mich stört das nicht, weil die ausdrucksvollen Gesten der Schauspielerinnen und die liebenswürdige Übersetzungshilfe aus dem dritten Rang die Handlung verständlich machen.

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Wer kaum oder kein Italienisch versteht, ist an diesem Tag in guter Gesellschaft. Auch die Venezianer in den Sesseln nebenan haben mit dem neapolitanischen Dialekt zu kämpfen. Und während sich draußen die Touristenströme durch die Gassen wälzen, sorgt drinnen die gemeinsame Überwindung sprachlicher Hürden dafür, dass sich auch ausländische Touristen für kurze Zeit ein bisschen wie Venezianer fühlen.

Das Teatro Stabile del Veneto Carlo Goldoni, wie das Goldoni mit vollem Namen heißt, liegt wenige Meter südöstlich der Rialtobrücke. Lageplan und Programm-Informationen (auf Italienisch) gibt es auch online.

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Leserkommentare
  1. Man könnte das Theater ja auch nutzen, um Touristenmassen in die Städte zu locken. Leider ist das bei Bremer Brecht-Inszenierungen nicht immer der Fall. Erst kürzlich musste die Metronom-Eisenbahngesellschaft auf 2 Fahrgäste verzichten und die Stadt HB auf 1 Touristen, weil mal wieder das Konzept der "selektiven Sichtbarkeit" um sich gegriffen hatte.

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  • Quelle Leserartikel
  • Schlagworte Theater | Venedig | Bertolt Brecht | Dialekt | Gesang | Glas
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