Wie Treibgut ragt das Haus aus der Loire, eingesunken im Schlick, umspült von Wasser. Selbst vom Radweg am anderen Ufer, über den 300 Meter breiten Fluss hinweg betrachtet, wirkt es imposant. Es hat drei Stockwerke, zwei Schornsteine und so, wie es im Wasser steht, tummeln sich zumindest in der ersten Etage Welse unter dem Mobiliar. "Wenn Sie denken, das hier sei verrückt, dann warten Sie mal ab, bis Sie nach Cordemais kommen", sagt ein Passant mit Walrossbart, der seinen Hund am Ufer spazieren führt. "Dort steht ein Haus auf einem Schornstein!"

Das Haus im Wasser, La Maison De La Loire des Franzosen Jean-Luc Courcoult, sieht aus wie viele Bauten der Jahrhundertwende in der Region, doch bewohnt war es nie. Es ist eines der 29 Werke der Estuaire, eines Kunstparcours zwischen den Städten Nantes und Saint-Nazaire. In drei Wellen – 2007, 2009 und 2012 – hat das Projekt Estuaire, französisch für Mündung, zeitgenössische Kunst in die Region getragen. 

Nicht alle Installationen wurden von den Einheimischen als Bereicherung betrachtet, doch inzwischen ist die Mehrheit stolz auf die Kunstwerke: Sie haben nicht nur die Moderne, sondern auch Touristen in eine Landschaft gebracht, die von Werften und Kraftwerken zerschnitten ist. Bucht man in Nantes eine Passage mit dem Boot zum Atlantik, kommt man an einigen der Werke vorbei. Wer alle sehen will muss, zumindest streckenweise, zu Fuß gehen. Oder das Rad nehmen.

Im Canal Saint-Felix lockt das Model Laetitia Casta als "Nymphéa" von Ange Leccia. © Ivan/Le Voyage à Nantes

Seit dem frühen Morgen drückt die Hitze auf die Region Pays de la Loire, es soll der heißeste Tag des Jahres werden und es wäre schön, es dem Haus gleich zu tun und sich hinaus ins Wasser zu wagen. Einzudösen und sich von der Loire zum Atlantik tragen zu lassen, statt bis an den Strand zu radeln. Denn der ist noch mindestens 40 Kilometer entfernt. Rechnet man die Um- und Nebenwege ein, die man nehmen muss, um die Kunstwerke entlang der Estuaire zu sehen, eher 60. Und die Füße sind – frei nach Max Beckmann – genau wie die Kunst: verflucht schwer.

Doch weiter, vorbei an Couëron Richtung Le Pellerin. "Itinéraire Provisoire", provisorische Streckenführung, steht auf den gelb-schwarzen Schildern, die hier den Radweg Eurovélo 6 markieren. Der Radwanderweg führt durch mehrere europäische Länder vom Atlantik bis zum Schwarzen Meer. Eine seiner beliebteren Etappen ist die gut ausgebaute und mit Schlössern geschmückte Route durch das Loiretal. Doch hinter Nantes, entlang des letzten Stücks zur Mündung, radeln nur wenige. "Nicht einmal die Einheimischen hat die Gegend interessiert", hatte David Moinard am Vortag bei einem Kaffee erzählt. Der künstlerische Leiter der Estuaire hat das Projekt von der Planungsphase im Jahr 2004 bis zur Fertigstellung der letzten Werke im Jahr 2012 begleitet. "Als ich von Paris nach Nantes zog, wollte ich mit einem Freund einen Spaziergang am Fluss entlang machen", sagt er. "Aber ich fand den Weg nicht, und niemand konnte mir sagen, wie ich am besten zum Ufer komme." Die Idee, einen kilometerlangen Kunstparcours anzulegen, entstand aus diesem Mangel heraus.