Beruf FahrdienstleiterFluglotsen auf Schienen

90 Züge pro Stunde und teilweise mehr als 50 Stunden Arbeitszeit pro Woche – so sieht der Alltag für 12.000 Fahrdienstleiter der Deutschen Bahn aus. Ein Porträt von Marc Weber

Ein Fahrdienstleiter der Deutschen Bahn im Elektronischen Stellwerk in Arnstadt. (Archivfoto)

Ein Fahrdienstleiter der Deutschen Bahn im Elektronischen Stellwerk in Arnstadt (Archivfoto)  |  © Hendrik Schmidt dpa/lth

Wenn Werner Hartung auf seinem Stellwerk arbeitet, stehen jeden Tag Zehntausende Menschen auf den Bahnsteigen – und doch bleibt Hartung für sie unsichtbar. Stattdessen thront er in zweihundert Meter Entfernung im Stellwerk-Turm. Von dort aus steuert er fast 250 Weichen, drei Dutzend Gleise für Güterzüge und ein Dutzend für den Personenverkehr. Bis zu 700 Züge täglich fahren durch den Bahnhof. Die Stadt, in der Hartung arbeitet, hat etwa halb so viele Einwohner wie Mainz. Werner Hartung heißt eigentlich anders, doch er möchte nicht mit Namen genannt werden, um freier von einem Alltag erzählen zu können, der für die rund 12.000 Fahrdienstleiter bei der Deutschen Bahn immer stressiger wird.

"Vor allem die unregelmäßigen Arbeitszeiten werden mit den Jahren zu einer starken Belastung", sagt Hartung. "Man hat nicht fünf Tage am Stück Nachtdienst und dann fünf Tage die frühe Schicht, sondern arbeitet zum Beispiel vier Tage von 6 bis 13 Uhr, am Samstag von 13 bis 20 Uhr, am Sonntag von 6 bis 18 Uhr, dann mehrere Tage nachts von 20 bis 6 Uhr." Durch Ruhe- und Pausenregeln entstehen komplizierte Arbeitspläne und Wochenarbeitszeiten, die zwar im Schnitt bei 39,5 Stunden liegen, aber von 28 bis zum Extremfall von 55 Stunden reichen können.

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Auch während der Schichten bleibt kaum Zeit für Pausen: Fast 100 Kilometer Streckennetz behalten Hartung und sein Kollege auf einer rund 15 Quadratmeter großen Wand im Auge. Kontinuierlich müssen sie rechnen, um Züge, Weichen, Baustellen und ständige Verspätungen aufeinander abzustimmen. "Für jeden einzelnen Zug müssen wir die Signale auf Fahrt setzen – wir lassen ihn einfahren, anhalten, rausfahren – und sofort merken, dass etwas nicht stimmt, wenn der eine Zug um 8.15 Uhr durchfährt und der andere um 8.17 Uhr auf das selbe Gleis will."   

Dann müssen Hartung und seine Kollegen umplanen, Bahnfahrer von einem zum anderen Gleis schicken, Bauarbeiter an der Strecke zu kurzen Pause auffordern, sich mit der Transportleitung im nächstgrößeren Ort über Änderungen in der Zugreihenfolge abstimmen und schließlich die betroffenen Lokführer über alle ihre Entscheidungen in Kenntnis setzen. "Sicher 50 Mal pro Stunde klingelt das Telefon", schätzt er. "Ich muss immer eine halbe Stunde vorausdenken. Das ist wie Schach. Sehr schwieriges Schach", sagt der Fahrdienstleiter. "Letztlich ist unser Beruf mit dem des Fluglotsen gleichzusetzen: Wir überwachen ein bestimmtes Gebiet und steuern Züge oder Flugzeuge hindurch."

All das wird zunehmend anstrengender. "Die Technik nimmt immer mehr Raum ein", sagt er. "Kleinere Stellwerke wurden dicht gemacht. Die Bereiche eines einzelnen Fahrdienstleiters werden immer größer." Konsequenz: Der Bahnhof in Mainz bekommt Anweisungen aus Frankfurt, und aus Hannover wird eine Ecke nahe Bremerhaven per Fernsteuerung bedient. "Es gibt in jedem großen Stellwerk Fahrdienstleiter, die Bahnhöfe steuern, in denen sie noch nie gewesen sind", sagt Hartung. "Wenn die Technik funktioniert, ist das alles kein Problem, aber sobald Störungen auftreten, ist der Stress dreimal so groß – und irgendeine Störung gibt es immer."

Wer verstehen will, warum sich dieser Stress immer stärker auch auf Körper und Geist der Fahrdienstleiter auswirkt, muss sich die Laufbahn von Hartung ansehen. Inzwischen steht er kurz vor der Rente, doch seine Karriere ist typisch für jene, die zur Deutschen Bahn kamen, als diese noch Deutsche Bundesbahn hieß und dem Staat gehörte. Nach einer Handwerkerlehre begann Hartung in den siebziger Jahren als Quereinsteiger. Er arbeitete in einem halben Dutzend Provinzbahnhöfen, in denen an manchen Tagen kein einziger Zug hielt. Schließlich kam doch die Anfrage des Vorgesetzten: Ob er sich nicht vorstellen könne, in die nahe 150.000-Mann-Stadt zu wechseln? Bedingung: Neue Schulungen und das Bestehen einer dreistündigen mündlichen Prüfung. "Es gibt sicher an die 40 'Gesetze', die man parat haben muss, um in Extremsituationen schnell reagieren zu können. Manche dieser Vorgaben sind bis zu 450 Seiten dick." Nun steht er wie viele seiner Kollegen über 60 vor dem Problem, am Ende der Karriere die größte Leistung bringen zu müssen. "Der Altersschnitt bei uns auf dem Stellwerk liegt bei Mitte fünfzig", sagt er. Nach fast vierzig Dienstjahren zehrt bei vielen der Mitarbeiter die Schichtarbeit am Körper. Auch wenn er frei habe, könne er nachts kaum mehr als vier Stunden am Stück schlafen, sagt der Fahrdienstleiter.

Die von DB-Netz-Vorstandschef Frank Sennhenn angekündigten 600 neuen Fahrdienstleiter stellt Hartung dann auch kritisch infrage: "Kein Mensch will zur Eisenbahn, weil man zu unmöglichen Zeiten aufstehen muss, weil man am Wochenende und an vielen Feiertagen arbeiten muss, weil man im Nachtdienst arbeiten muss und immer dann, wenn andere feiern, hat man Dienst." Der Lohn für diese Arbeit liegt in manchen kleineren Bahnhöfen bei rund 1.800 Euro brutto. Auf den Stellwerken für die erfahrenen Kollegen wie Hartung liegt der Verdienst bei etwa 3.400 Euro, immerhin noch in den lukrativen alten Beamtenverträgen mit geringen Abzügen.

Und auch, dass die Planung dieser Jobs so wie in Mainz schiefgeht, wundert Hartung nicht. "Den Urlaubsplan für das kommende Jahr gibt es Ende November. Der ist dann genehmigt und die Leute buchen Urlaub, dann sind die weg", sagt er. Kommen Krankmeldungen dazu, beginnen die Probleme. Einfach Kollegen von anderen Bahnhöfen zu holen, so wie Bahn-Infrastrukturvorstand Volker Kefer es als "mobile Reserve" am Montagabend in der ARD vorgeschlagen hat, hält er für schwierig. Rund 3.400 Stellwerke gebe es. "Jedes braucht seine Einarbeitungszeit, es gibt gut 20 Bauformen und Arten von Signalanlagen, mit denen gearbeitet wird, dazu hat jeder Bahnhof andere örtliche Besonderheiten." Für einen Bahnhof wie den in Mainz seien sicher zwei Monate Eingewöhnung nötig, schätzt Hartung.

Der Autor schreibt hier unter Pseudonym.

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Leserkommentare
  1. für ein Job mit der Verantwortung?

    Da sollte sich bitte keiner der Pfeifen in Nadelstreifen wundern wenn Personal Mangelware ist!

    So lange die Bahn statt dessen lieber wahnwitzige Immobilienprojekte durchführt, bin ich froh ein Auto zu besitzen...

    13 Leserempfehlungen
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    Zählen Sie diese doch bitte mal auf. Eins reicht mir schon!

  2. 1800 brutto sind bei einem kinderlosen Single gerade einmal läppische 1255 Euro!!! Und das für so einen verantwortungsvollen Job, der durchaus mit dem eines Fluglotsen zu vergleichen ist.

    Der nette Herr Grube bekommt für sein Missmanagement übrigens bescheidene 2,4 Millionen im Jahr. Unglaublich!

    http://www1.deutschebahn.com/ecm2-db-de/gb_2011/vs_ar/corporate_governan...

    11 Leserempfehlungen
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    • sozio
    • 13. August 2013 20:45 Uhr

    läppische 1255 Euro? Manche wären froh, so viel zu verdienen, und haben noch weitaus verantwortungsvollere Berufe.

    • sozio
    • 13. August 2013 20:37 Uhr

    9 Bewohner zu waschen in 2 Stunden, ein bis zwei davon zu duschen. So sieht der Alltag aus für Altenpfleger. Willkommen in der Wirklichkeit, ZEIT.

    4 Leserempfehlungen
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    Redaktion

    Sehr geehrte/r sozio,

    es geht in diesem Text um die Gehälter der Fahrdienstleiter. Dass es auch andere Berufe gibt, in denen die übernommene Verantwortung nicht angemessen entlohnt wird, steht außer Frage. Es ist nicht nötig, den Autor oder die Redaktion darauf hinzuweisen. Sie werden zu diesem Thema zahlreiche Texte auf unserer Seite finden.

    Viele Grüße aus der Redaktion.

    • sozio
    • 13. August 2013 20:45 Uhr
    4. oh je.

    läppische 1255 Euro? Manche wären froh, so viel zu verdienen, und haben noch weitaus verantwortungsvollere Berufe.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • sinta
    • 13. August 2013 20:51 Uhr

    Persönlich finde ich es nicht gut, wenn ein verantwortungsvoller Beruf gegen einen anderen verantwortungsvollen Beruf ausgespielt werden soll. Es ist bei beiden schlicht zu wenig, vielleicht kann man sich darauf einigen?

    • malox
    • 13. August 2013 20:54 Uhr

    Die "armen Menschen in Afrika" haben gar keinen Beruf und müssen mit 1$ pro Tag auskommen.

    Dann kann man ja froh sein, wenn man als Altenpfleger (oder welchen verantwortungsvollen Beruf man auch hat) *überhaupt* was verdient und arbeiten kann und darf.

    (Achtung: Der Beitrag könnte Spuren von Ironie enthalten.)

    die sind gewerkschaftlich gut organisiert, und sorgen mit ihren Streiks schon für eine exzellente Entlohnung.

    • malox
    • 13. August 2013 20:46 Uhr

    Respekt für diese wichtigen Leute im Hintergrund und für die Übernahme der großen Verantwortung.

    1.800 Euro brutto ist - auch wenn man "nur" in einem kleinen Stellwerk beschäftigt ist - wirklich bitter.

    Wer noch ein bißchen in den Job reinschauen möchte, hier ist ein Berufs- bzw. Ausbildungsportrait:

    http://www.br.de/fernsehen/br-alpha/sendungen/ich-machs/im-fahrdienstlei...

    3 Leserempfehlungen
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    • sinta
    • 13. August 2013 21:38 Uhr

    Man sollte auch dazu erklären, was es bedeutet auf einem 'kleinem Stellwerk' zu arbeiten: Die Fahrdienstleiter arbeiten dort alleine. Sie müssen zusätzlich oft noch mindestens drei Bahnübergänge per Monitor mit überwachen. Das bedeutet: du musst auch noch ein Auge darauf haben, dass kein Auto noch schnell durchfährt, wenn die Schranke runtergeht - der Auslöser, der die Schranke runter gehen lässt, wird oft vom Zug selber ausgelöst, aber der Fahrdienstleiter muss schauen, dass das geregelt wird, falls doch ein Auto oder Fußgänger sich dazwischen befindet und manuell eingreifen. Gerade in kleineren Dörfern hat es gerne mal mehrere Bahnübergänge. Wir hier liegen auf der Strecke Frankfurt-Würzburg - viel Güterverkehr und natürlich IC und Nahverkehr. Ich kenne hier auch ein Stellwerk, die sollen dort auch noch die Durchsagen für zwei, drei andere kleine Bahnhöfe tätigen, zusätzlich zu dem eigenen kleinen Bahnhof - was meistens nicht geschieht, denn wenn der Zug durchfährt, muss man viele andere Dinge machen, Durchsagen ob ein Zug verspätet kommt, oder ein IC, oder Güterzug nur einfach durchfährt, steht da dann nicht ganz oben auf der Prioritätenliste (dies nur mal als kleine Info, für all die, die sich ärgern, dass es kaum Durchsagen auf kleinen Bahnhöfen gibt - ich ärgere mich da auch gerne mal, wenn es mal wieder keine Durchsage gab, obwohl ich es eigentlich besser weiß).

    • malox
    • 13. August 2013 20:54 Uhr

    Die "armen Menschen in Afrika" haben gar keinen Beruf und müssen mit 1$ pro Tag auskommen.

    Dann kann man ja froh sein, wenn man als Altenpfleger (oder welchen verantwortungsvollen Beruf man auch hat) *überhaupt* was verdient und arbeiten kann und darf.

    (Achtung: Der Beitrag könnte Spuren von Ironie enthalten.)

    5 Leserempfehlungen
    Antwort auf "oh je."

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Bahnhof | Bahn | Mainz
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