Die Mehmed-Paša-Sokolović-Brücke in Višegrad wurde von 1571 bis 1577 erbaut. Seit 2007 gehört sie zum Unesco-Weltkulturerbe.

Sanft und dunkelgrün schiebt sich die Drina an Višegrad vorbei. Genauso ruhig fließt das Leben neben ihr in der Hauptstraße dahin. Auf den Terrassen der Cafés summen die Wespen um die Limonadengläser. Vereinzelt betreten Kunden das klotzige Kaufhaus am zentralen Platz. Einmal wird es laut: Ein Lastwagen kippt eine Fuhre Brennholz auf den Bürgersteig.

Die Kleinstadt im Osten Bosniens unweit der serbischen Grenze sieht aus wie ein ganz gewöhnlicher Ort der bergigen Gegend – bis man am Ende der Straße die Mehmed-Paša-Sokolović-Brücke erreicht. In elf breiten Bögen überspannt sie den Fluss und strahlt eine verwitterte Eleganz aus. Nach schweren Weltkriegsschäden wurde sie immer wieder rekonstruiert und vor sechs Jahren ins Unesco-Weltkulturerbe aufgenommen.

Nur wenige Besucher schlendern an diesem Sommernachmittag hier entlang. Ein Souvenirhändler hat seinen Stand in der Mitte aufgebaut. Er heißt Vladimir, und seine Spezialität sind selbstbedruckte Kieselsteine. Es gibt zwei Motive: die Brücke und den Schriftsteller Ivo Andrić. Um die Qualität seiner Arbeit zu demonstrieren, rubbelt er kurz mit einem der Steine über seine Shorts und zeigt ihn vor. "Kann man nicht abwischen", sagt er stolz.

Die Brücke und der Dichter sind die Stars von Višegrad. So wenig man ihre Bilder von Vladimirs Steinen wischen kann, so wenig sind ihre Namen von der Geschichte der Stadt zu trennen. Ivo Andrić, der als Sohn kroatisch-katholischer Eltern 1892 in der Nähe des bosnischen Travnik zur Welt kam, verbrachte hier seine Kindheit. Weil sein Vater früh starb und seine Mutter arm war, wuchs er bei Tante und Onkel in Višegrad auf. Sie wohnten unweit der Brücke, über die Andrić während des Zweiten Weltkrieges seinen bekanntesten Roman schrieb: Die Brücke über die Drina. Er gilt als sein Meisterwerk und brachte ihm 1961 als einzigem jugoslawischen Autor den Literaturnobelpreis ein.

Die knapp 180 Meter lange Brücke ist die Protagonistin seines drei Jahrhunderte umfassenden Panoramas, das mit der Erbauung von 1571 bis 1577 durch den in Bosnien geborenen und in Istanbul ausgebildeten Großwesir Mehmed Paša Sokolović beginnt. Višegrad wird durch sie zu einem wichtigen Verbindungspunkt zwischen Istanbul und Sarajevo. Imperien, Religionen und Kulturen treffen hier aufeinander.

Immer wieder kam es zu Gewaltausbrüchen

Andrić zeichnet eine Art Wimmelbild aus islamischen Geistlichen, serbischen Handwerkern, jüdischen Hotelbetreiberinnen und österreich-ungarischen Soldaten. Die meiste Zeit funktioniert das multikulturelle Miteinander. Doch immer wieder kommt es zu Gewaltausbrüchen wie im Sommer 1914. Über die Zeit nach dem Attentat auf Franz Ferdinand in Sarajevo heißt es im Roman: "Wer damals mit reiner Seele und offenen Augen lebte, der konnte sehen, wie sich eine ganze Gesellschaft in einem Tage verwandelte. Verschwunden war in einem Augenblick diese Stadt, die auf einer jahrhundertealten Tradition aufgebaut war".
Die mehrheitlich muslimische Bevölkerung wurde vertrieben oder getötet

So gut diese Sätze die Situation vor 99 Jahren beschreiben, so gespenstisch genau umreißen sie auch, was in Višegrad vor 20 Jahren geschah: Die Stadt verschwand ein weiteres Mal – diesmal wurden nicht Serben, sondern Muslime gejagt: Zwischen 1992 und 1995 führten serbische Paramilitärs, Polizeieinheiten und Banden einen systematischen Tötungs- und Vertreibungsfeldzug gegen die muslimische Bevölkerungsmehrheit durch. Frauen wurden massenhaft vergewaltigt. Laut Opferverbänden kamen 3000 der damals 21 000 Einwohner zählenden Gemeinde ums Leben. Auch auf und neben der Brücke wurden Menschen getötet, ihre Leichen ins Wasser geworfen.

Heute leben rund 11000 Menschen in Višegrad, fast ausschließlich Serben. Lediglich 1500 meist ältere Bosniaken (bosnische Muslime) sind in den letzten zehn Jahren hierher zurückgekehrt, sagt Bilal Memišević. Der 44-Jährige verlor seine Eltern bei den Massakern und ist heute Vorsitzender der Islamischen Gemeinde und Mitglied des Stadtparlamentes. Er setzt sich für die Rückkehrer sowie den Wiederaufbau der zerstörten Infrastruktur ein. Zwei kleine Moscheen mit Minaretten stehen bereits wieder an der Hauptstraße. Doch insgesamt geht es nur mühsam voran: "Man muss sich ständig einmischen, mit lauter Stimme sprechen, um auch nur das kleinste bisschen zu erreichen," sagt Memišević, der tatsächlich ein ziemlich energischer und kaum zu unterbrechender Redner ist. Es scheint nicht anders zu gehen in dieser Stadt, die seit dem Kriegsende zum serbischen Teil Bosniens und Herzegowinas gehört, der Republika Srpska. Sie orientiert sich an Belgrad, nicht an Sarajevo. Wie in Serbien wird das kyrillische Alphabet benutzt, die Flagge ähnelt der serbischen, man schaut serbisches Fernsehen, trinkt serbisches Bier.

Das Schicksal der Bosniaken und ihrer Häuser interessiert da weniger. Die Priorität in Višegrad liegt derzeit ohnehin auf einem anderen Bauprojekt: Auf der Landzunge zwischen der Drina und dem Rzav entsteht ein völlig neuer Stadtteil mit dem Namen Andrićgrad. Er wird zu Ehren des Nobelpreisträgers für rund 17 Millionen Euro auf dem 23 000 Quadratmeter großen Terrain des zuvor abgerissenen Sportzentrums errichtet. Die Arbeiten begannen vor zwei Jahren. Einige Restaurants, Geschäfte, Kneipen sowie ein Kino und eine Buchhandlung sind bereits eröffnet. Die Gassen sind belebt. Auf dem zentralen Platz steht eine 2,40 Meter hohe Ivo-Andrić-Statue aus Bronze. Gerade lässt sich ein Mann im Muskelshirt neben ihr fotografieren. Vom benachbarten Café Goya weht Bluesrock herüber.