Los Angeles : Highway der Beachcruiser

Wer Los Angeles auf Pedalen erkundet, muss verrückt sein. Außer er fährt den Pazifik entlang – denn die Strandpromenade von Santa Monica und Venice ist eine Oase für Fahrradfahrer.
In Los Angeles gehört das Radfahren genau wie das Surfen zum Lifestyle – sofern man sich in Strandnähe befindet. © Visit California

Vor drei Sommern hat es Antonio Villaraigosa erwischt. Gerade ihn, den Bürgermeister, der seine Heimatstadt zu einem Fahrradparadies machen will. Es passierte auf dem Venice Boulevard, ein Taxifahrer rammte das Mountainbike des Stadtoberhaupts, Villaraigosa prellte sich den Kopf, brach sich den Ellenbogen. Da war er wieder angekommen in der Realität seiner Millionenstadt, in der ohne das Auto überhaupt nichts zu gehen scheint.

Ein bewölkter Morgen am Strand von Santa Monica. Eric Kinderman holt sein Rad aus der Garage von Perry's Fahrradverleih. Er fährt seit ein paar Jahren mit Touristen ein paar Mal in der Woche den Strand auf und ab. "Radfahren oben in Downtown", sagt er und zeigt stadteinwärts, "vergiss es! Das machen nur die Spinner. Und wenn du Spinner sehen willst, dann kannst du auch hier am Strand entlang fahren. Spinner gibt es hier genug."

Eine Fahrradtour also. Die Pazifikküste entlang. Auf dem Fahrradweg von Santa Monica nach Venice Beach. Eric Kindermann war früher Frisör, heute ist er Rentner. Achtziger-Jahre-Schnurrbart, Ledersandalen, Sonnenbrille, immer, auch wenn, wie jetzt, die Wolken die Sonne bedecken. In Santa Monica geboren und groß geworden. Einmal im Leben ist er nach Hawaii gereist, einmal nach Mexiko, dann ist er nie mehr weg. "Warum auch?", sagt der 61-jährige Junggeselle, der mindestens zehn Jahre jünger aussieht. "Hier habe ich alles: den Strand, die Stars und die Girls, denn wo der Strand und die Stars sind, sind immer auch die Girls."  

Erik Kinderman während einer seiner Touren © Perry's Cafe & Rentals

Man setzt sich aufs Rad, will lostreten, da packt Kinderman einen an der Schulter. "Take it easy bro', hang loose", sagt er. Was hier am Pazifik so viel heißt wie: "Jetzt mach mal schön gemütlich, mein Freund." Man fährt hier nicht Rennrad, man fährt hier auf einem Beachcruiser, einem Drahtesel mit Ballonreifen und ohne Gangschaltung. Die Lenkstange hoch oben, der Sattel weit unten, der Rahmen rund geschwungen, ein bisschen wie Peter Fonda in Easy Rider, nur ohne PS und Geknatter.

Noch ist der Strand fast menschenleer. Hier unten am Meer liegt Los Angeles noch im Schlaf. Nur ein paar Volleyballspieler, eine Gruppe Taekwondo-Kämpfer, zwei Fischer am Pier. Ein Geschäftsmann, der sich aus seinem Neoprenanzug schält, das Surfbrett im Kofferraum seines SUV verstaut und ein frisches Hemd vom Beifahrersitz holt. Ein Goldsucher, der mit seinem piepsenden Gerät einen Rettungsschwimmerturm umkreist. Und dann doch ein einzelner Rollerskater, der sich von seinem Pudel an der Leine ziehen lässt. "Enjoy your stay!", sagt der Mann, dem man gerade die Vorfahrt genommen hat und lächelt. Auch daran muss man sich erst mal gewöhnen, wenn man den morgendlichen Fahrradkampf deutscher Innenstädte gewohnt ist.

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