SchweizAuf der Spur des Falschmünzers

Ausgerechnet einem Fälscher hat der Schweizer Ort Saillon einen Wanderweg gewidmet. Wer ihn entlangspaziert, lernt viel über das Wallis und seine Bewohner. von 

Eine Station des Farinet-Wanderweges in Saillon

Eine Station des Farinet-Wanderweges in Saillon  |  © Pia Volk

Auf einem fast perfekten Berg thront ein Turm, dahinter erheben sich die Alpen im wilden Zick-Zack am Horizont. Unterhalb des Turms wurden Häuschen an den Berg gepfropft, getrennt durch verwinkelte Gassen. So stehen sie schon seit Jahrhunderten: Saillon wurde das erste Mal 1052 urkundlich erwähnt. Ein idyllischer Ort, an dem heute etwa 2.000 Menschen leben. Doch etwas ist anders in diesem Schweizer Dörfchen. Der Mann, den sie hier verehren, dem sie einen Pilgerpfad gewidmet haben, ist ein Gauner, der hier vor 140 Jahren seinen Geschäften nachging.

Am Fuße des Berges, an einem Parkplatz neben der Straße, die das Tal zerteilt, beginnt der Wanderweg des Falschmünzers Joseph-Samuel Farinet.

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"Mein einziges Problem ist, dass sie in Bern das gleiche Geld machen wie ich", soll Farinet gesagt haben. Er hatte sich in den 1870ern auf die Herstellung von 20-Rappen-Münzen spezialisiert, ein Privileg allerdings, dass er nach dem Gesetz nicht hatte. 20 Rappen, das entsprach dem Tageslohn eines Hirten, wovon er sich vier bis fünf Kilo Kartoffeln kaufen konnte. In den zehn Jahren seines Fälscherdaseins soll Farinet eine Viertelmillion Franken in 20-Rappen Münzen produziert haben.

Farinet war ein smarter Geselle, auf den wenigen Bildern, die es von ihm gibt, sieht man ihn im Anzug und mit Spazierstock. Den Anzug wird er irgendwann abgelegt haben, den Spazierstock wohl eher nicht. Farinet war sein kurzes Leben lang viel unterwegs, oft auf der Flucht – dabei verkleidete er sich mal als Frau, mal als Gendarm.

Statue von Joseph-Samuel Farinet am Beginn des Wanderweges

Statue von Joseph-Samuel Farinet am Beginn des Wanderweges  |  © Pia Volk

Wer verstehen will, warum die Menschen im Saillon ihn verehren, folgt dem Pilgerpfad den Berg hinauf: 21 Stationen auf 3 Kilometern erzählen von Farinets Leben. Jede Station ist einem Thema gewidmet und mit einem Bild aus Glas markiert, ähnlich Kirchenfenstern, nur kleiner. Aber es geht nicht nur um Farinet, sondern auch um das Leben in einem Schweizer Kanton, das immer wieder durch seine Sonderheiten auffällt.

Der Pfad beginnt im Tal auf einem Parkplatz, wo eine kleine Statue Farinets thront. Entlang der Talstraße reihen sich die Stationen Nr. 3, 4 und 5 aneinander. Sie heißen Kindheit, Liebe und Geld. Farinet war kein Schweizer, er war Italiener aus dem Austertal. Sein Vater war Schmied und so kam Farinet schon früh mit dem Gestalten von Metall in Berührung. Sich am Münzen prägen zu versuchen, lag da nicht so fern. An redlicher Arbeit hingegen war er weniger interessiert, mit 24 Jahren wurde er das erste Mal verurteilt – wegen Diebstahls. Es folgten Schmuggeln und das Falschmünzen. Weil er von der italienischen Polizei gesucht wurde, floh er über die Berge in die Schweiz, ins Unter-Wallis.

Farinet verstieß sein Leben lang gegen das Gesetz, so auch heißt Station Nr.7 des Pilgerpfades, auf halber Höhe zwischen Tal und dem alten Ortskern von Saillon. Der Weg schlängelt sich langsam den Hang entlang, hinein in das mittelalterliche Städtchen Saillon. Mit jedem Meter an Höhe, den der Weg erklimmt, wird die Sicht auf das Tal besser. Man kann sich vorstellen, wie Farinet von Schlucht zu Schlucht floh, wie er sich in den Höhlen versteckte, die man dort erahnen kann.

Die Menschen, die Ende des 19. Jahrhunderts in Saillon lebten, wussten von seinem Falschgeld, aber Farinet lebte in einer wilden Zeit. Die Walliser Kantonsbank stand kurz vor dem Zusammenbruch. Das von ihr ausgegebene Papiergeld verlor an Wert. Farinets Münzen hingegen gewannen an Ansehen: Weil sich das Kanton Wallis mit der Bundesregierung in Bern, die für Münzgeld zuständig war, darüber stritt, wer Farinets 20-Rappen-Stücke beschlagnahmen sollte, blieben sie lange in Umlauf, was ihnen den Anschein von Legitimität verlieh. Zudem waren die Menschen arm, und Farinets 20-Rappen waren besser als gar kein Geld.

Leserkommentare
  1. Ein echter Robin Hood?

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  • Schlagworte Schweiz | Wallis | Alpen | Bern
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