NaturschutzprojektSpanien verwildern!

An der prähistorischen Fundstätte Atapuerca sollen alte Tierarten wie Konik-Pferde und Auerochsen Steinzeit-Flair verbreiten und Nordspanien ein bisschen wilder machen. von Brigitte Kramer

Rückgezüchtete Auerochsen, wie dieser in Frankreich, sollen in Spanien ausgesetzt werden.

Rückgezüchtete Auerochsen, wie dieser in Frankreich, sollen in Spanien ausgesetzt werden.  |  © JEAN-CHRISTOPHE VERHAEGEN/AFP/Getty Images

Die Legende vom Wilden Westen wollen drei Spanier neu beleben. Nicht in den USA, sondern in Europa: Seit ein paar Wochen grasen zwei kleine Herden von Przewalski- und Konik-Pferden auf der nordspanischen Hochebene, bald sollen Auerochsen und Wisente, europäische Bisons, dazukommen. "Wir wollen die Fauna einführen, die der Atapuerca-Mensch gejagt hat", sagt Umweltschützer Benigno Varillas, "die Besucher sollen die Tiere nicht nur als Fossilien sondern auch in freier Wildbahn sehen."

Die prähistorische Fundstätte Atapuerca, wo seit mehr als 30 Jahren gegraben wird, soll ab Herbst um eine Attraktion reicher sein. Touristen sollen nicht nur Ausgrabungen, sondern auch die gottverlassene Gegend darum herum kennenlernen. Die Tiere des Projekts "Lebendige Altsteinzeit" werden der Landschaft die Form geben, die sie etwa zu Zeiten des Homo heidelbergensis vor 500.000 Jahren hatte – als der Mensch noch jagte und sammelte. Bei entsprechender Grasfresserdichte werden aus jetzt brachliegenden Feldern und ungepflegten Wäldern wieder Dehesas, lichte Eichenwälder, sagt Tierarzt Fernando Morán: "Unsere ursprüngliche Vegetationsform hier." Das ist nicht nur romantisch, sondern auch praktisch: Waldbrände breiten sich schwerer aus, die Regionalverwaltung könnte bei Feuerwehr und Zivilschutz Geld sparen.

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Die Tiere, die ausgewildert werden sollen, stammen aus Zuchtstationen in den Niederlanden, Frankreich, Deutschland und Südspanien. Przewalski-Pferde, die einzige ungezähmte noch lebende Pferderasse, und Wisente sind vom Aussterben bedroht; Konik-Pferde und Auerochsen sind Rückzüchtungen, die ausgestorbenen Arten ähneln.

Die Herden werden nicht versorgt, nur die stärksten Individuen sollen überleben und sich fortpflanzen. Das Projekt ist Teil von "Rewilding Europe", Europa neu verwildern: Umweltgruppen wollen Landstriche in Portugal, Spanien, Rumänien, Polen, in der Slowakei und in Kroatien mehr und mehr sich selbst überlassen.

Tatsächlich geht es in der Gegend recht wild und einsam zu: Sie liegt 250 Kilometer nördlich von Madrid in der Region Kastilien und León. Handys haben keinen Empfang. Wind streift durch Eschen und Eichen, ein Bach plätschert, Vögel zwitschern. Ab und an bellt in der Ferne ein Hofhund. Frösche quaken. Zugewucherte Feldwege führen ins Dickicht, leere Straßen zu ausgestorbenen Dörfern. Dass der Homo sapiens der letzte seiner Art ist, spürt man hier schnell. Die Jungen ziehen weg, in die Provinzhauptstadt Burgos. Sie ist in den vergangenen 20 Jahren schöner geworden und zieht Kulturtouristen an, seitdem Paläontologen in den 1990er Jahre die ersten spektakulären Fossilien freigelegt haben.

Atapuerca hat Potenzial. Bis zu 70 internationale Wissenschaftler verschiedener Disziplinen untersuchen dort jeden Sommer mit Studenten das Erdreich. 150.000 Besucher kommen jährlich, um im aufgeschlagenen Buch unserer Stammesgeschichte zu lesen: Fossilien von vier menschlichen Arten – dem bislang ältesten Europäer, vorübergehend Homo sp genannt, dem Homo antecessor, dem Heidelbergmensch, dem Homo sapiens – liegen massenweise vergraben, versiegelt in dicken Sedimentschichten, manche in schwer zugänglichen Kalksteinhöhlen, andere im Erdreich bis zu 16 Meter tief. Auch Spuren des Neandertalers werden vermutet. 800.000 Jahre alte, menschliche Fossilien, 500.000 Jahre alte, komplett erhaltene Skelette wurden gefunden, auch Reste von Säbelzahntigern, Nilpferden, Elefanten, Pferden, Büffeln oder Hirschen mit Geweihspannen von drei Metern. Die Knochen erzählen, wie das Leben auf dem Alten Kontinent in den vergangenen eine Million Jahren verlief.

Im sogenannten Eisenbahngraben darf man drei Fundstätten besichtigen. Sie sind an der Oberfläche, beziehungsweise an den Seitenwänden der breiten Schneise, die Gleisarbeiter Anfang des 20. Jahrhunderts in die Hügelkette von Atapuerca getrieben haben. Der Graben ist ein Querschnitt der Erdgeschichte, der nur per Zufall freigelegt wurde. Während Archäologen oder Biologen den Besuchern mit reproduzierten Schädeln und plastifizierten, abgegriffenen Bildern anschaulich machen, wie die Menschenarten vor uns lebten, was sie taten, wie ihr Gehirn funktionierte, glaubt man hie und da Knochen in der rötlichen Erde zu sehen – oder sind es doch nur Steinchen? Man möchte selbst auf das Gerüst steigen und im gepressten Erdreich ein bisschen kratzen, klopfen, pinseln.

Leserkommentare
    • AvisFu
    • 16. August 2013 19:33 Uhr

    ...aber Auerochsen sind und bleiben natürlich ausgestorben. Die Rückzüchtung, die so ähnlich aussieht wie ein Auerochse wird Heckrind genannt. Es laufen auch Züchtigungsversuche, die aus Hühnervögeln per Zucht über kurz oder lang raptorähnliche Tiere zu bekommen. Das wären dann aber trotzdem Hühnervögel und keine Raptoren, die bleiben ausgestorben.

    4 Leserempfehlungen
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    • welll
    • 16. August 2013 19:46 Uhr

    Genau genommen ist das Heckrind allerdings auch keine Rückzüchtung ;)

    • nik--
    • 17. August 2013 0:24 Uhr

    oder Züchtigung? LOL

    • welll
    • 16. August 2013 19:46 Uhr

    Genau genommen ist das Heckrind allerdings auch keine Rückzüchtung ;)

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Schöner Artikel"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • AvisFu
    • 16. August 2013 20:30 Uhr

    für die Info :-)

    • AvisFu
    • 16. August 2013 20:30 Uhr
    3. Danke

    für die Info :-)

  1. als er den deutschen schwestern und brüdern 'blühende landschaften' versprochen hat ,-)))

    => spanien stand nicht im focus. obwohl, vielleicht klappt es ja im osten und im südwesten von europa.

    • AvisFu
    • 16. August 2013 22:17 Uhr

    Sehr spannendes Video über die Möglichkeiten, Merkmale der Vorfahren in heutien Tieren zu aktivieren und so einen Hühnersaurier mit Zähnen, Schwanz und 3-Finger Hand zu schaffen.

    http://www.ted.com/talks/jack_horner_building_a_dinosaur_from_a_chicken....

  2. Im Land der geplatzten Immobilienblase mit seinen unzähligen Bauruinen ist das ein hehres Ziel. Ich überlege gerade, welche Tiere man dort ansiedeln könnte.

    Trotzdem ein interessantes Projekt und ein schöner Artikel!

  3. Wehe euch Westvergessenen! Wisset aber, liebe Brüder, dass seit Jahrzehnten im Neanderthal die Auerochsen und allerlei anderes Getier grasen.

    Einen Helmuth Kohl kannte die Welt da noch nicht, Der Zusammenhang mit blühenden Landschaften ist lediglich der, dass es blüht und die Erde sich dreht, unabhängig von Regierungen.

    • nik--
    • 17. August 2013 0:24 Uhr

    oder Züchtigung? LOL

    Antwort auf "Schöner Artikel"

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  • Schlagworte Spanien | Tier | Welterbe
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