WestafrikaDer Duft von Gambia

Die Küste des kleinen Lands in Westafrika zieht vor allem Pauschaltouristen an. Doch wer sich von seiner Nase leiten lässt, entdeckt Fischerdörfer und Gaumenkitzel. von 

Pirogen am Strand von Tanji

Pirogen am Strand von Tanji  |  © Frida Thurm

Sonnencreme, Schweiß und Mückenspray, das ist der Duft der Touristen in Gambia. In das kleinste Land Afrikas flüchten vor allem Skandinavier, Holländer und Briten vor dem europäischen Winter. Sie wohnen in Hotels entlang der Atlantikküste, genießen die Sonne am Pool und die anderen Annehmlichkeiten Gambias: kaum Zeitverschiebung, politische Stabilität dank des despotisch herrschenden Langzeitpräsidenten Yahya Jammeh, nur sechs Flugstunden entfernt, Englisch ist Amtssprache. Und die Menschen sind freundlich zu ihnen. "The smiling coast" heißt der Slogan des Landes.

Wie ein Lächeln zieht sich auch der Fluss Gambia von einem Küstenstreifen am Atlantik ins Landesinnere. Bis auf diesen kleinen Meereszugang ist Gambia vom Senegal umschlossen. Will man das Land in seiner ganzen Länge von Westen nach Osten durchqueren, hat man zwei Möglichkeiten: man nimmt das Auto, das dauert etwas mehr als sieben Stunden; oder man besteigt ein Boot. Folgt man dem Gambia River von der breiten Mündung auf einem Holzkahn flussaufwärts, weicht die Seeluft dem sumpfig-modrigen Dunst der Mangrovenwälder. Sie säumen das Flussufer weit ins Landesinnere – so breit ist die Mündung, dass in der Trockenzeit das Brackwasser bis zu 250 Kilometer flussaufwärts reicht. An den Mangrovenwurzeln sitzen Austern, die sich bei Ebbe mit lautem Knacken öffnen. Hier leben Delfine, stromaufwärts auch Krokodile und Flusspferde, außerdem Hunderte Vogelarten.

Anzeige

Die große Masse der Touristen sucht in Gambia nichts anderes als Sonne und etwas Zeitvertreib. Für die einen bedeutet das Animation am Pool, für die anderen, vor allem ältere Frauen aus Westeuropa, seit einigen Jahren auch: Sextourismus. Doch nach Jahrzehnten, in denen europäische Reiseveranstalter und Hotels das Land im Griff hatten, wächst allmählich die Nachfrage nach alternativen Angeboten, und mit ihr die Zahl der Lodges, die auf Ökotourismus setzen.

Bis vor wenigen Jahren mussten Touristen weit ins Inland fahren, um dem Pauschaltourismus zu entkommen. Inzwischen gibt es auch Öko-Lodges an der Küste, wie die Sandele Eco Lodge. Die ist zwar auch, wie beinahe alle Hotels, nicht von Gambiern, sondern von Europäern betrieben: Geri Mitchell und Maurice Phillips sind vor 16 Jahren aus England hierher ausgewandert. Allerdings haben sie nicht, wie sonst üblich, einfach Land aufgekauft, sondern mit den Bewohnern des nahen Dorfs Kartong einen Pachtvertrag geschlossen: 25 Jahre haben die beiden Zeit, die 26 Hektar direkt am Meer nach ihren Vorstellungen für nachhaltigen Tourismus zu gestalten – danach entscheidet der Ältestenrat von Kartong.

Die Straßen sind staubig, jetzt am Ende der Trockenzeit, die Autos am Straßenrand mit einer rostroten Sandschicht bedeckt, genau wie die Wellblechdächer der Gemüsestände. In Küstennähe verschwimmen die Grenzen der einzelnen Ortschaften, es reiht sich Grundstück an Grundstück. Die Betonmauern weichen Zäunen aus Palmstrünken. Und über den Dörfern hängt der Duft der Kochfeuer, der Mangos und der gelben und roten Früchte des Cashewbaumes.

Früher wurde ein Großteil des Gemüses für die Touristen importiert, gleichzeitig konnten die Kleinbauern im Land kaum von ihrer Arbeit leben. Taniya Sonko, 28, ist Managerin von Gambia is Good, einer Kooperative, die Kleinbauern unterstützt, ihre Produkte ankauft und an die großen Restaurants und Hotels liefert. 30 bis 40 Prozent der Hotels im Land bestellen inzwischen bei ihr, schätzt Sonko. Für vier sind sie der einzige Lieferant. Sie hat in London studiert und ist vor einem halben Jahr zurück in ihre Heimat gekommen, "um etwas zurückzugeben", wie sie sagt.

Während Gambia is Good ein von England aus initiiertes Projekt ist, haben inzwischen auch gambische Geschäftsmänner und -frauen an der Einnahmequelle Tourismus teil. Ida Cham profitiert von dem Wunsch der Besucher, hinter die Fassade zu schauen und ein Gefühl für Gambia zu bekommen. Im mosaikgefliesten Innenhof ihres Hauses gibt sie Kochkurse, hier lernen ihre Gäste das typische Domoda auf einem Holzofen zuzubereiten: Fisch oder Fleisch in einer dicken Erdnusssauce. "Gambische Küche ist nicht kompliziert", sagt Cham, "sie braucht nur Zeit". Sie hat jahrelang als Managerin in großen Hotels gearbeitet, bevor sie sich selbstständig machte. Sie Erfahrung mit dem, was Touristen anspricht.

Und so dürfen diese im Schatten von Chams Mangobaum Zwiebeln in einem großen Holzmörser stampfen, Okra, Aubergine und Tomaten schnippeln und Chilis waschen. Den Fisch übernimmt die Hausherrin selbst. In Gambia, erklärt sie, wird nicht mit vielen unterschiedlichen Gewürzen gekocht. Zwiebeln, Knoblauch, Chili, das sind die wichtigsten.

Die Zutaten haben die Gäste zuvor auf dem Markt eingekauft, gewandet in traditionelle gambische Hemden und Kleider mit bunten Mustern. Hier dürfen sie sehen, riechen und schmecken, was für die Einheimischen Alltag ist. Die Erinnerungen, die so entstehen, sind der eigentliche Grund für den Erfolg ihrer Kurse.

Leserkommentare
    • Ron777
    • 29. August 2013 18:49 Uhr

    Gambia war vor einigen Jahren der Newcomer im Afrikareisegeschäft. Viele deutsche Touristen sind damals kurzentschlossen losgejettet, um das angeblich schöne kleine Land kennenzulernen. Der Hype war dann wenige Jahre später Vorbei, die Ernüchterung bei vielen Touristen verständlich: Gambia ist ein bettelarmes, kleines afrikanisches Land, das mit modernem Tourismus und europäischen Touristenwünschen überfordert ist. Es gibt kaum Sehenswürdigkeiten, keine Großtiere und eine Bevölkerung, die sich im Kontakt mit den Touristen Vorteile verspricht. Legen Sie sich an den Strand, keine 2 Minuten später sitzt ein Einheimischer ungefragt mit auf ihrer Liege und textet sie dicht. Das Gleiche in jedem Dorf. Auch die Hotelanlagen haben die Veranstalter wenig im Griff. Ständig sickern Fremde ein, die sie ansprechen, um Adressen und Telefonnummern bitten, plötzlich bei ihnen mit auf der Veranda sitzen. Ein böses Wort und sie sind der Rassist. Also tun Sie sich den Gefallen und reisen woanders hin.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • marxo
    • 29. August 2013 20:44 Uhr

    Nun kann das in ärmeren Ländern durchaus passieren. In Marokko sind das die Strandgigolos, in Mallorca die Alkoholiker aus Deutschland, in Deutschland die Polizei, die ausländische Touristen an jedem Bahnhof nach dem Pass fragt.

    Was wollen aber Touristen wie sie? In ein Land reisen, das, wie sie sagen, bettelarm ist, und dann aber von dieser Armut nichts hören, sehen, fühlen? Seien sie froh, dass diese Ansprachen friedlich ablaufen. In kaum einem westafrikanischen Land werden sie ausgeraubt als Tourist, in Ghana trug man mir Koffer hinterher, die ich im Bus vergessen hatte. In 8 Monaten Ghana wurde mir im ärgsten Gewimmel kein Gepäckstück aus dem Reisebus geklaut, in Frankfurt passiert das dauernd.

    Aber hier nimmt man es den Afrikanern übel, dass sie ihr Glück versuchen.

    Ja, es ist mitunter nervig, aber auch lustig. Man muss sich ein paar Sprüche zurecht legen, so tun, als sei man schon zum 3ten mal da, und freundlich auf Landessprache tschüs oder tomorrow sagen.

    Mehr bringt es aber, wenn man einen oder zwei wirklich nette vielversprechende Leute zu Freunden macht, sie einlädt und sich von ihnen das Dorf zeigen lässt, Zutaten für ein Dinner einkauft und dann bei der Familie zu Abend isst. Die halten einem allzu viele weitere Bittsteller vom Leib. Man hat dann seine Pflicht getan.

    Wer keine sozialen Kontakte wünscht, sollte nach Mauritius oder Balkonien. Wen die Welt interessiert, der geht nach Afrika.

    • lonny
    • 30. August 2013 11:13 Uhr

    Ich kann Ihrem Kommentar, dass Leute sich selbst auf den Dörfern nur Vorteile von Touristen versprechen, nicht zustimmen.

    Erst kürzlich reiste ich drei Wochen durch das Land. Abseits der touristischen Küstenregion habe ich die Leute aus freundlich und aufgeschlossen erlebt. Sie waren interessiert, luden uns zum Essen ein, wir schauten gemeinsam Fussball oder kickten mit den Kids.

    Dass man den ein oder anderen Dalasi an Polizei, Militär oder Sonstiges abgeben muss, damit einem die Weiterfahrt gewährt wird, oder der Grenzübergang zu Senegal etwas "schneller" vorangeht, ist angesichts der Armut doch bereits vor Reiseantritt zu antizipieren.

    Küstenregion unbedingt vermeiden. Kein Schöner Strand, viele Bumster, aufdringliche Geschäftsleute etc etc. Aber bitte nicht verallgemeinern.

    • marxo
    • 29. August 2013 20:44 Uhr
    2. Texter

    Nun kann das in ärmeren Ländern durchaus passieren. In Marokko sind das die Strandgigolos, in Mallorca die Alkoholiker aus Deutschland, in Deutschland die Polizei, die ausländische Touristen an jedem Bahnhof nach dem Pass fragt.

    Was wollen aber Touristen wie sie? In ein Land reisen, das, wie sie sagen, bettelarm ist, und dann aber von dieser Armut nichts hören, sehen, fühlen? Seien sie froh, dass diese Ansprachen friedlich ablaufen. In kaum einem westafrikanischen Land werden sie ausgeraubt als Tourist, in Ghana trug man mir Koffer hinterher, die ich im Bus vergessen hatte. In 8 Monaten Ghana wurde mir im ärgsten Gewimmel kein Gepäckstück aus dem Reisebus geklaut, in Frankfurt passiert das dauernd.

    Aber hier nimmt man es den Afrikanern übel, dass sie ihr Glück versuchen.

    Ja, es ist mitunter nervig, aber auch lustig. Man muss sich ein paar Sprüche zurecht legen, so tun, als sei man schon zum 3ten mal da, und freundlich auf Landessprache tschüs oder tomorrow sagen.

    Mehr bringt es aber, wenn man einen oder zwei wirklich nette vielversprechende Leute zu Freunden macht, sie einlädt und sich von ihnen das Dorf zeigen lässt, Zutaten für ein Dinner einkauft und dann bei der Familie zu Abend isst. Die halten einem allzu viele weitere Bittsteller vom Leib. Man hat dann seine Pflicht getan.

    Wer keine sozialen Kontakte wünscht, sollte nach Mauritius oder Balkonien. Wen die Welt interessiert, der geht nach Afrika.

    5 Leserempfehlungen
    Antwort auf "VORSICHT!"
  1. Danke Marxo, sehr gutes Statement dem ich nur zustimmen kann. Ich hatte die selben Erfahrungen in Ghana, Togo, Côte d’Ivoire, Burkina Faso und Marokko gemacht.

    Wenn man natürlich Pauschaltourismus und touristische Infrastruktur erwartet, ist man dort falsch. Derjenige wird dort auch nicht glücklich. Dem würde ich auch eher Gran Canaria (afrikanisches Wetter aber europäischer Service), Mauritius oder ein paar bestimmte Orte in Kenia oder Südafrika ans Herz legen. Dort ist man eher unter sich und hat man wenig soziale Kontakte, aber ich denke das wollen diese Reisenden auch nicht.

    Eine Leserempfehlung
    • lonny
    • 30. August 2013 11:13 Uhr

    Ich kann Ihrem Kommentar, dass Leute sich selbst auf den Dörfern nur Vorteile von Touristen versprechen, nicht zustimmen.

    Erst kürzlich reiste ich drei Wochen durch das Land. Abseits der touristischen Küstenregion habe ich die Leute aus freundlich und aufgeschlossen erlebt. Sie waren interessiert, luden uns zum Essen ein, wir schauten gemeinsam Fussball oder kickten mit den Kids.

    Dass man den ein oder anderen Dalasi an Polizei, Militär oder Sonstiges abgeben muss, damit einem die Weiterfahrt gewährt wird, oder der Grenzübergang zu Senegal etwas "schneller" vorangeht, ist angesichts der Armut doch bereits vor Reiseantritt zu antizipieren.

    Küstenregion unbedingt vermeiden. Kein Schöner Strand, viele Bumster, aufdringliche Geschäftsleute etc etc. Aber bitte nicht verallgemeinern.

    Antwort auf "VORSICHT!"
    • lonny
    • 29. September 2013 12:39 Uhr

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Gambia | Fisch | Hotel | Kochkurs | Sextourismus | England
Service