BrightonIt's Playtime!

London-by-the-sea nennen die Engländer Brighton, weil es genauso wild ist, aber am Meer liegt. Die Stadt ist ein riesiger Spielplatz. Für Erwachsene. von 

Brighton Party Pier

Am Pier erholt sich das Partyvolk von der letzten Nacht.  |  © Pia Volk

Im Proud Cabaret ist es Zeit für ein neues Styling. Die erste Freiwillige hat auf der Bühne Platz genommen. Zu Techno-Pop-Musik, die klingt wie Abba Remixes mit zu viel Bass, umkreist eine mit Haarspray und Kamm bewaffnete Dragqueen, die junge Frau. Immer höher wird der Turm aus toupiertem Haar, bis das Mädchen aussieht, wie die Leningrad Cowboys in ihren besten Tagen. Und die nächsten Clubgäste drängeln schon. Ein Beehive – in Brighton nicht dämlich, sondern das nächste große Ding? 

Ruth Allsop wundert das überhaupt nicht. "Die Pop Kraft Partys von Boogaloo Stu sind legendär", sagt die Mittvierzigerin. Sie ist im Proud Cabaret Stammgast. Der Club war früher mal ein Mausoleum. Unter der Kuppeldecke hängt eine Muttergottesfigur, die einem Hindugott ähnelt. Allsop ist in den 1990ern nach Brighton gezogen. "Aus Versehen", sagt sie. "Ich hatte hier Freunde, und immer so viel vor, dass ich wochenlang nicht in meine Londoner Wohnung zurückgekehrt bin." Irgendwann hat sie ihre restlichen Sachen geholt und ist geblieben. Bevor sie Mutter wurde, hat sie selbst Partys wie die im Proud Cabaret veranstaltet. Nun besucht sie stattdessen öfter mit ihren Kindern den Rummelplatz am Pier, der nie abgebaut wird. "Aber Erwachsene brauchen eigene Spielplätze, genau wie Kinder", sagt sie. Die Club-Nächte von Boogaloo Stu scheinen das zu bestätigen.

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Der Gastgeber trägt ein hautenges, goldenes Latexkostüm, das über dem Po offen ist. Auch der Jongleur, der eben noch vor dem DJ-Pult seine Künste gezeigt hat, trug neben seinem eindrucksvollen Kaiser-Wilhelm-Zwirbel-Schnauzer nicht viel mehr als ein paar Hüte. "Die Menschen lieben Unsinn und bei mir bekommen sie den größten geboten", sagt Stu. Er lebt in Brighton und hätte vermutlich nie etwas anderes werden können, als das, was er ist: Der bekannteste Entertainer der Stadt. "Ich zeige auch Shows in London", sagt Stu, "aber dort habe ich das übliche schwule Publikum. In Brighton kommt einfach jeder."

Brighton Party

Behave? Beehive!  |  © Pia Volk

In der Stadt ist das Schräge Teil des Mainstream geworden. Im Hove Museum, einer Villa aus dem 19. Jahrhundert, werden neben Kunstwerken aus drei Jahrhunderten auch Gameboys und Monchichi-Puppen ausgestellt. "Wizard's Attic", der Dachboden des Zauberers heißt die Ausstellung unter dem Dach, die zu den bestsortierten Spielzeugausstellungen des Landes zählt. An der Strandpromenade stehen Straßenkünstler in wilden Kostümen und malen, musizieren und spucken Feuer – nicht nur für Kinder. "Sogar die Kraken im Aquarium haben ihr eigenes Spielzeug", sagt Ruth Allsop. Und wirklich: die achtarmigen Tintenfische, die in den viktorianischen Hallen des Sea Life Centers hinter Glas leben, verbringen ihre Zeit mit Plastikspielzeug, das sie drehen und durch das Becken schieben.

Leserkommentare
    • cmim
    • 14. September 2013 10:24 Uhr

    wie immer. Vergessen Sie das wunderschöne Hinterland nicht. Ein Katzensprung zu Cornwall, Stonehenge und überhaupt: Hügel, Haselnusssträucher und Cottages. Sicherlich mehr als einen Tagesausflug wert, und für die Einbettung des Textes bestimmt lohnend

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    Eine Leserempfehlung
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    ... aber wer Cornwall und Stonehenge zum "Hinterland" von Brighton zählt, sollte warten, bis die Wirkung nachläßt ... – warum nicht gleich die North ork Moors oder Ben Nevis (die Hügel ...)?

  1. ... aber wer Cornwall und Stonehenge zum "Hinterland" von Brighton zählt, sollte warten, bis die Wirkung nachläßt ... – warum nicht gleich die North ork Moors oder Ben Nevis (die Hügel ...)?

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    Eine Editierfunktion wär' wirklich schön ...

  2. Eine Editierfunktion wär' wirklich schön ...

    Antwort auf "Halten zu Gnaden, ..."

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