Wenige Sekunden bin ich im Fluss und weiß: Kraulen klappt heute nicht. Meine Arme schlagen wenig effektiv ins Wasser, ich komme kaum vorwärts. Stattdessen schicke ich mich an, die Gudenå leer zu trinken. Ein dänischer Fluss mit unruhiger Oberfläche und Strömung ist eben doch etwas anderes als ein Berliner Stadtbad. Coolness darf hier keine Rolle spielen, ich wechsle zum altbewährten Brustschwimmen.

Nach einigen Metern stellt sich Ruhe ein. Die immer gleiche Bewegung, das milde Wasser um mich, das schilfbewachsene Flussufer. Ich beginne, den Reiz des Gudenå Open Water zu verstehen, dieser Schwimmveranstaltung, die manche als Wettbewerb, die meisten aber als großen Spaß begreifen.

Etwas Großes

Die Gudenå ist der längste Fluss Dänemarks. In Randers mündet sie in einen Fjord und fließt von dort hinaus ins Kattegat. Die Hafenstadt zählt 60.000 Einwohner. Seit 2008 findet hier Dänemarks größtes Freiwasser-Schwimmevent statt. Der dänische Schwimmverband steckt hinter dem Wettbewerb. Das muss etwas Großes sein, dachte ich zu Hause in Berlin.

Ein paar Wochen vor dem Schwimmwettbewerb sollte ich mich entscheiden, welche der Distanzen ich schwimmen will: einen Kilometer, 2,7 oder 5,2 mit der Strömung? In guter körperlicher Verfassung, aber mit wenig Erfahrung im Wasser, entschied ich mich für die kurze Strecke.

Nun heben und senken sich um mich herum dunkelblaue Badekappen. Die Schwimmbrille hält dicht, nach 50 Metern bin ich noch nicht abgehängt. Solide bewege ich mich im Hauptfeld, kann mir zwischendurch sogar ein paar kraftschonende Meter auf dem Rücken gönnen. Der Himmel über Randers ist verhangen, am Ufer trägt man Pullover. Für uns Schwimmer zählt nur die Wassertemperatur. Die gab vor dem Start Anlass zur Hoffnung: 18 Grad, raunte man sich im Teilnehmerfeld zu. Angenehm warm, wirklich.

Durchhalten

Den Vorabend des Rennens hatte ich mit dem Organisator des Schwimmevents verbracht. Befürchtungen, mein Outfit sei nicht schick genug, hatten sich erledigt, als Flemming Strand in Pulli und 7/8-Cargo-Hose in die Hotellobby stürmte und an der Rezeption nach mir verlangte. Strand war ähnlich aufgedreht wie Jim Carrey in seinen Filmen – Flemming sollte ich sagen, denn in Dänemark duzt man sich.

Das Wettschwimmen organisiert Flemming mit seinen Freunden ehrenamtlich, eigentlich ist er Klempner. Wenn sie einen Gewinn erwirtschaften, geht das Geld direkt an die lokalen Schwimmvereine. Flemming stellte mir den Wirtschaftsprofessor Jan Dich Mortensen vor, der die Idee zum Schwimmwettbewerb hatte. Vor sechs Jahren, erzählte Jan, ging er mit einem Kumpel am Flussufer spazieren. Beide große Schwimmer. "Warum eigentlich nicht im Fluss schwimmen?", hätten sie sich gefragt. Am nächsten Tag gingen sie ins Wasser, im folgenden Sommer veranstalteten sie das Gudenå Open Water zum ersten Mal.

Langsam macht sich ein Ziehen in meinen Waden bemerkbar. Wie weit es wohl noch ist? Ein kritischer Moment. Die anfängliche Euphorie weicht dem Durchhaltewillen. Ich fixiere eine der neonorangenen Bojen, die sich im Fluss wiegen, und werde zu meinem eigenen Motivationscoach. Wie schnell ich mich ihr doch nähere, toll! Das Ziel kann nicht mehr weit sein.