Das Reisebüro Sappho Travel auf Lesbos gehört zu den Organisatoren des jährlichen Frauenfestival auf der Insel © LOUISA GOULIAMAKI/AFP/Getty Images

Wird Jörg Argelander nach einem Reiseziel für lesbische Kundinnen gefragt, empfiehlt er die Insel La Réunion. "Auf La Réunion wird die Regenbogenfahne nicht einfach nur nach draußen gehängt. Die Anbieter dort engagieren sich wirklich, um den weiblichen Gästen einen angenehmen Urlaub zu ermöglichen." Die Insel im Indischen Ozean hat, ähnlich wie Argentinien, sogar einen staatlich finanzierten Reiseführer herausgegeben, der ausgewählte Hotels, Touren, oder Events für ein schwul-lesbisches Publikum vorstellt. Die Insel wirbt darüberhinaus ebenso sehr um weibliche wie um männliche Reisende. Eine Ausnahme, sagt der Leiter des queeren Reisebüros Over the Rainbow in Berlin. Denn obwohl immer mehr Länder gezielt homosexuelle Touristen ansprechen, richten sich die meisten Angebote an Männer.

2012 brachte Dertour, einer der größten deutschen Reiseveranstalter, seinen Gay Travel-Katalog heraus. "Etwa 90 Prozent des Inhalts bezieht sich jedoch auf schwule Männer und nur etwa zehn Prozent auf lesbische Frauen," sagt Philipp Eicker vom Reisemagazin Queer Travel. Es mangele an speziellen Zielen, an Lesben-Hotels und an auf Frauen zugeschnittene Touren, sagt Jens Reinhardt, Produktleiter von Dertour. "Wir konnten dieses Jahr zwar Destinationen wie Lesbos und verschiedene Events aufnehmen, die sich ausschließlich an die lesbische Zielgruppe richten, aber es gibt generell weniger Produkte für Lesben als für Schwule."

Aber lesbische Frauen reisen anders als schwule Männer, zum Beispiel weil sie wegen ihres Geschlechts stärker Gefahr laufen, diskriminiert zu werden. Und sie reisen auch anders als heterosexuelle Frauen: ihre sexuelle Orientierung bestimmt ihr Reiseverhalten mit. Für lesbische Reisende ist es wichtig, sich im Urlaub sicher zu fühlen und ihre Sexualität nicht verstecken zu müssen.

Die schwule Zielgruppe wird vor allem als kontaktfreudig und ausgehlustig wahrgenommen und von den Reiseanbietern entsprechend angesprochen. New York, Toronto oder Wien positionieren sich als Party-Destinationen für das ganze Jahr. Andere Städte locken mit Pride Partys, Inseln wie Gran Canaria, Ibiza oder Mykonos gelten als Treffpunkte der internationalen Gay-Community. Hierhin reist man, um in den Bars zu flirten und im Design-Hotel Gleichgesinnte kennenzulernen. Die Interessen von Touristinnen – frauenfreundlich und sicher – lassen sich nicht so leicht in coole Marketing-Slogans packen.

Für Frauen seien Partys nicht so wichtig, sagt Eicker von Queer Travel. Ruhe, Erholung und Natur spielten eine größere Rolle. "Lesbische Frauen sind eher auf der Suche nach Selbsterfahrung in der Natur. Sie genießen es, in einer Gruppe von Frauen zu reisen – ohne den 'Checkermann'." Also ohne dominante männliche Mitreisende oder einen männlichen Tourguide. Das bestätigt Eva Veith, Gründerin von Frauen Unterwegs, einem Berliner Reiseunternehmen, das seit 29 Jahren Gruppenreisen für Frauen anbietet. Natur und Kultur, gutes Essen, Genuss und Gesundheit kämen gut an. "Wir achten darauf, dass unsere Ziele in schönen Landschaften gelegen sind. Wir halten Abstand vom Massentourismus, bieten kleine Unterkünfte statt Bettenburgen und legen Wert auf Ökologie und den Kontakt zu den Einheimischen." Das könnten Wanderreisen zu einem Kloster sein, Wellnessreisen an die Ostsee oder ein Segel-Trip um Mallorca herum.

Zu Veith kommen lesbische und heterosexuelle Frauen, die eine Reise buchen wollen. Sie bietet Frauenreisen an, keine Reisen für Lesben. Frauenreisen, sagt sie, seien als feministische Tradition stärker etabliert. "Vor 30 Jahren war es noch undenkbar, dass Frauen alleine reisen. Dazu musste ein Ehemann oder der Familienverbund her. Eine Frau alleine an der Hotelbar war ein Skandal. Sie wurde als Prostituierte abgestempelt", sagt sie. "Wir wollten deswegen Angebote schaffen, die es Frauen ermöglichen, selbstbestimmt unterwegs zu sein." Dank der Frauenbewegung seien solche geschützten Räume heute nicht mehr zwingend nötig. Das Interesse an Reisen in reinen Frauengruppen bestehe aber weiterhin. Auch generationenübergreifend. Spannend sei, dass sich dabei ganz unterschiedliche Frauen begegneten und Spaß miteinander hätten. "Wir haben sehr viele Stammkundinnen und hören oft, dass während einer Tour neue Freundschaften entstanden sind."

Allerdings können jüngere Lesben mit solchen traditionellen Frauenreisen oft nichts anfangen, sagt Betti Keese. Sie ist Inhaberin der neugegründeten Berliner Reiseagentur Go Beyond und ist stolz, "die einzige Veranstalterin zu sein, die sich speziell an Lesben richtet". Keese hat ihre Masterarbeit über den lesbischen Reisemarkt geschrieben. Die Ergebnisse ihrer Studie haben sie bewogen, ein eigenes Reisebüro zu gründen. Gerade jüngere Frauen hätten wenig Bezug zur feministischen Reise-Tradition, sagt sie. Party machen und Flirten sei für sie ähnlich wichtig wie für die schwule Zielgruppe. Und sie seien auch bereit, Geld dafür auszugeben. "Lesbische Frauen buchen mehr Urlaubs- und Kurzurlaubsreisen als heterosexuelle Frauen; für sie hat die Sicherheit des Reiseortes einen höheren Stellenwert", sagt die Unternehmerin. Sie empfiehlt ihren Kundinnen bevorzugt Kroatien oder Skandinavien, auch eine Tour durch Alaska hat sie im Programm. Destinationen, die traditionell eher mit ihrer Natur als ihrem Nachtleben werben.