Johannes Bacher steht an der Tür seines Restaurants und schaut auf die Straße hinaus. Der warme Wind bläst Sandkörner über die Schwelle und aus der Küche strömt der Duft von Sauerkraut. "Well, you know – des is mei Leibn!", sagt er mit einer Mischung aus Tiroler Akzent und kalifornischem Slang. Vor 18 Jahren ist Bacher nach Palm Springs gekommen, hat hier ein Lokal eröffnet, es gilt als das beste weit und breit.

Auf den ersten Blick passt das alles natürlich überhaupt nicht zusammen. Johannes Bacher: 54 Jahre alt, geboren in Kössen, einem Bergkaff mit Skigebiet und wahrscheinlich mehr Kühen als Einwohnern im Norden Tirols. Palm Springs: Ein Stück Hollywood in die kalifornische Wüste verpflanzt, im August schon mal über 40 Grad im Schatten. Aber in der Stadt mit ihrer ausgreifenden Mid Century Modern-Architektur war schon immer Platz für Exzentrik. Sauerkraut in der Wüstenhitze? Why not! Pardon: Jo, warum denn net?

1774 wird das Indianerstädtchen von den Spaniern entdeckt, Mitte des 20. Jahrhunderts von Filmstars erobert, heute hat Palm Springs rund 45.000 Einwohner und ist umzingelt von Golfplätzen und Windrädern. Straßen, die Los-Olivos-Drive oder North-Sunrise-Way heißen. Eine sichtgeschützte Fußgängerbrücke für die FKK-Sonnenanbeter, die links und rechts des Highways ihre Liegewiesen haben. Luxusvillen aus viel Glas und nacktem Beton mit Marmorlöwen, die vor geschwungenen Eisengittern Wache halten. Eine über die Dächer der Villen ragende Marilyn-Monroe-Statue. Morgens eine LKW-Kolonne von Coca Cola, die Nachschub liefert. Nachts legendäre Clubpartys der Gay-Community, die sich hier ebenfalls niedergelassen hat.

Johannes Bacher stemmt seine muskulösen Unterarme auf den Tresen und erzählt, wie das alles gekommen ist – mit ihm und mit dem Städtchen in der Wüste. Österreich? Ist ihm im Kindesalter schon zu kalt gewesen. Also weg! So schnell wie möglich. Als die Kufsteiner Grenzpolizei den zwölfjährigen Knirps im Zugabteil anspricht, da sagt der: "Entschuldigen Sie, ich muss zu meinem Onkel Dieter Thomas Heck nach Saarbrücken." Onkel? "Nein, den kannte ich natürlich nur aus dem Fernsehen. Doch der wirkte immer so fröhlich, dem schien es richtig gut zu gehen." Der würde ihm die Welt zeigen. Frau Heck macht die Tür auf, eine Woche lang darf der Junge bleiben, dann muss er zurück. Aber nicht für lange, mit 14 geht er für immer.

"Dieter Thomas, wer?", fragt die Kellnerin, die an der Bar Gläser spült. Cary Grant und Elvis Presley, Zsa Zsa Gabor und Liz Taylor, die nur weiße Rosen in ihrer Nachbarschaft duldete, und immer wieder – Frank Sinatra. Das sind die Kaliber, die Palm Springs zu bieten hatte und von denen der Ort noch heute zehrt. In den späten 1950er-Jahren müssen sich die Showgrößen mit Knebelverträgen herumschlagen, die besagen, dass sie in deren Nähe bleiben müssen. Die zwei Stunden von den Studios und Bühnen entfernte Stadt wurde ihr Zufluchtsort. Ein bisschen Ruhe abseits der Trubels, hohe Hecken, ein paar Klapperschlangen, dafür im Winter angenehm mild.

Ein Rundgang durch Bachers Lokal ist wie eine Tour durch ein Österreich-Museum. An den Wänden liebevoll eingerahmte Fotos von schneebedeckten Alpengipfeln, eins vom Wilden Kaiser, dessen steile Wände Johannes Bacher als kleiner Bub von seinem Kinderzimmer aus sehen konnte. "Dabei wollt' ich das gar nicht", sagt er, "ein österreichisches Restaurant aufmachen." Bacher hat auch Kängurufleisch auf der Karte, aber keine Chance, von einem österreichischen Koch wollen die Gäste österreichisches Essen haben, oder zumindest das, was sie dafür halten. Sie bestellen Sauerkraut und Wiener Schnitzel und irgendwann dachte sich Bacher, wenn, dann richtig, und seitdem gibt es auch Leberkäse und Käsekrainer, alles von einem Metzger aus Los Angeles, der eigentlich aus Vorarlberg stammt.