Schriftsteller Henry de MonfreidImmer vor dem Monsun her

Perlentauchen und Opium rauchen: Erstmals ist ein Buch des französischen Abenteurers Henry de Monfreid auf Deutsch erschienen. In Frankreich war es 1931 ein Bestseller. von Brigitte Kramer

Dhau Hafenstadt Kiowa Kisiwani Tansania

Eine hölzerne Dhau liegt vor den Ruinen der Hafenstadt Kilwa Kisiwani in Tansania.  |  © REUTERS/Stringer

"Was soll ich mich zu einem Leben zwingen, das mir zum Zuchthaus wird? Warum nicht der Verlockung des blauen Horizonts erliegen, dahin fahren, wohin der Monsun mich treibt...?" Recht hat er, denkt man zu Beginn der fabulösen, autobiographischen Erzählung Die Geheimnisse des Roten Meeres von Henry de Monfreid (1879-1974). Was spricht schon dagegen, für immer die Sachen zu packen? Einzig die Angst. Unsereiner lässt sich von der Angst durchs Leben treiben, ein wahrer Abenteurer vom Monsun.

Henry de Monfreid, aufgewachsen am Golf von Lyon, soll Ingenieur werden, scheitert, arbeitet als Lebensmittelchemiker bei Maggi. Schließlich versucht er sich 1911 im damaligen Abessinien als Angestellter eines Kolonialwarenhändlers, ist aber zu nachlässig bei Buchhaltung und Lagerverwaltung. Er flieht vor dem Naphthalinmief des Büros ans Rote Meer. 1913 lässt er sich an der Küste in Dschibuti nieder und heiratet seine Elsässer Freundin. Dann, mit Anfang 30, kauft er eine Dhau und sucht sich eine kleine Besatzung. Auf dieser Scholle mit trapezförmigem Segel beginnt er sein wahres Leben, inmitten von afrikanisch- und arabischstämmigen Seeleuten, Händlern, Piraten und Perlentauchern. Später legt er sich einen motorbetriebenen Einmaster zu, mit dem er das Rote Meer unzählige Male durchpflügen wird. "Ich bin damals aufgebrochen, weil ich das kleinbürgerliche Europa satt hatte", sagt er 1968 in einem Interview, "Äthiopien hat mich interessiert, dort suchte ich alles."

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Glücklicherweise kann de Monfreid gut segeln und schreiben. Er überlebt alle Unwetter und stirbt mit 95 Jahren im tiefsten Zentralfrankreich. Dort schreibt er die meisten seiner mehr als 70 Abenteuerbücher. Animiert hat ihn dazu sein Freund Joseph Kessel, an den einige der 3.000 Briefe adressiert sind, die de Monfreid verfasst. Schon vor Ort schreibt, malt, fotografiert er, nach der Rückkehr nach Frankreich koloriert er seine Fotos, schneidet eigene Filme, sortiert Briefe. De Monfreids Versuch, die lahme Technik zu beleben und den Fotos einen Hauch Farbe zu verleihen, verrät seine Begeisterung für die Region und ihre Menschen. Die Nachwelt sollte zumindest erahnen, wie schön das alles war. De Monfreid hatte vier Kinder. Sein Nachlass ruht in der französischen Nationalbibliothek. Besonders die Filme gelten heute als Schätze: Man sieht darauf dunkelhäutige Seeleute bei der Haarpflege, beim Backen von Fladenbrot, beim Entern anderer Schiffe. Man sieht, wie sie ins Wasser fallen, im Seichten (stumm jauchzend) kraulen, faul im Sand liegen. Zweige wedeln im Wind, Wolken ziehen übers Wasser, alles ein wenig zu schnell, tonlos und schwarz-weiß.

36 Jahre lebte de Monfreid am Horn von Afrika, von 1911 bis 1947. Jetzt kann man erstmals auf Deutsch in seinem Leben lesen. Die Geheimnisse des Roten Meeres, publiziert 1931, wurde damals ein Bestseller. Das Buch ist spannend, lehrreich und anschaulich erzählt. De Monfreid schildert darin, wie er das Glück herausfordert, sich gegen jemenitische Piraten zur Wehr setzt, Freunde gewinnt und Feinde erkennt, zum Islam konvertiert und sich Abd-el-Haï, Sklave des Lebendigen, nennt. Bald erringt er den Respekt der Muslime, steigt in den Perlenhandel ein, kommt zu Geld, verliert es wieder.

Leserkommentare
  1. ... zumal in der Übersetzung von Gerhard Meier, der – ich habe es miterlebt – um jeden Satz und um jeden maritimen Ausdruck gekämpft hat. Herausgekommen ist ein kongenialer Text, dessen jedes einzelne Wort das Lesen lohnt.

  2. wenn mich meine Arabischkenntnisse nicht völlig im Stich lassen, wird Abd doch aber eher mit "Sohn" übersetzt?

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    Neinnein, der Sohn ist der "Ibn", der Sklave der "Abd" - Abdullah ist also der Sklave/Diener Gottes. Alles andere wäre ja auch eine Anmaßung. ;)

  3. Neinnein, der Sohn ist der "Ibn", der Sklave der "Abd" - Abdullah ist also der Sklave/Diener Gottes. Alles andere wäre ja auch eine Anmaßung. ;)

    Antwort auf "Abd al Haï"
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    Lang ist's her.

  4. 4. Ah ja

    Lang ist's her.

    Antwort auf "Sklaven und Söhne."

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  • Schlagworte Schriftsteller | Fischfang | Kautabak | Waffenhandel | Eritrea | Frankreich
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