Highclere Castle nähert man sich am besten zu Fuß. So kann man die Schönheit dieses englischen, in einer weitläufigen Parklandschaft gelegenen Schlosses, voll auskosten. Folgt man dem Weg unter den Libanon-Zedern, überlagern sich Film und Wirklichkeit. Hier beginnt jede Folge der Fernsehserie Downton Abbey, knirscht der Kies unter den Schuhen von Robert Crawley, dem Earl of Grantham. Gerahmt von den über 300 Jahre alten Ästen sieht man das Anwesen durch die Augen des fiktiven Hausherren: seinen ganzen Stolz; seinen drohenden Ruin.

Fiktion und Realität sind nicht weit voneinander entfernt. Highclere Castle bröckelt. Doch das stört die Fans nicht, die der Serie wegen in die Grafschaft Hampshire kommen. Das Schloss ist für sie zum Synonym für Lieben und Leiden der adeligen Crawleys geworden. Für eine Welt, deren Hierarchien an Bedeutung verlieren, in der Menschen um ihren Platz in dieser neuen Ordnung kämpfen, aber selbst, wenn sie am Boden liegen noch jemanden finden, auf den sie heruntersehen können. Wer Downton Abbey liebt, ist in seinem Herzen ein Snob.

Wie raffiniert gefilmt wurde! Wenn man direkt vor dem Eingang steht, wirkt der vom Renaissance-Stil inspirierte Bau mit seinen vielen Türmen kleiner als im Fernsehen. Auch der Empfang gestaltet sich weniger pompös als in der Adelssaga. Statt in bodenlangem Kleid aus Samt und Spitze begrüßt Hausherrin Fiona, Gräfin von Carnarvon, die Gäste im violetten Angorapullover, vermutlich von Marks and Spencer, und im schwarzen Hippie-Zipfelrock. Nicht der Butler wartet neben ihr, sondern ihr Golden Retriever.

Die Hausherrin Fiona, Gräfin von Carnarvon © Annette Walter

Hier regiert kein Dresscode mehr, wie in der Adelswelt zur Zeit des Ersten Weltkriegs. Die Serie dagegen lebt von den Konventionen, denen sich die Protagonisten beugen. Als Lord Grantham (Hugh Bonneville), Familienoberhaupt der Fernsehfamilie Crawley, es wagt, beim Dinner mit weißer statt schwarzer Fliege zu erscheinen, stichelt seine Mutter Violet (Maggie Smith): "Ich dachte, Du wärst der Kellner."

Lady Carnarvon mag es dagegen leger. Von ihren kurz geschnittenen Fingernägeln blättert roter Lack. Ihre halblangen, blond gesträhnten Haare sind kaum frisiert. Man glaubt ihr aufs Wort, wenn sie erzählt, sie sei mit ihrer Assistentin Amy kürzlich über den weitläufigen Landsitz geradelt und beide seien schlammbespritzt zurückgekehrt.

Eigentlich will Carnarvon an diesem Spätsommertag ihr zweites Buch Lady Catherine und das wahre Downton Abbey präsentieren. Doch die meisten der geladenen Gäste aus Deutschland, den USA, Frankreich, Holland und Spanien drängeln sich an diesem Tag ins Schloss, weil sie den Drehort der Serie sehen wollen. Denn der wahre Star des TV-Epos um die adelige Familie Crawley und ihre zahlreichen Bediensteten ist das Gebäude: eine Autostunde westlich von London gelegen, erbaut von 1839 bis 1842 von niemand Geringerem als Charles Barry, dem Architekten der Houses of Parliament in London.

Den Crawleys bietet es unentwegt Anlass zur Sorge. Denn natürlich ist der Stammsitz der Familie mehr als ein Bauwerk. Er ist die Festung einer Klasse, deren Privilegien und Traditionen im Lauf von bislang vier Staffeln schwer erschüttert wurden. Die älteste Tochter, Lady Mary (Michelle Dockery), findet lange keinen standesgemäßen Ehemann, mit dem die Nachfolge ihres Vaters, Lord Granthams, gesichert wäre. Und dann verschleudert Papa mit einer leichtsinnigen Investition das Vermögen seiner Gattin Cora (Elizabeth McGovern). Man hat es nicht leicht als Adeliger im Vereinigten Königreich nach 1900.

Eine Gräfin wie Fiona Carnarvon muss sich heute mit Immobilienproblemen herumschlagen: Das Dach leckt, der Putz krümelt, das Personal will seinen Lohn. 2012 waren angeblich 11 Millionen Pfund für Reparaturen am Schloss und seinen Nebengebäuden fällig. Zwischen 40 und 50 Schlafzimmer in den oberen Etagen sind zurzeit nicht nutzbar. Während der Führung werden natürlich nur die Räume gezeigt, die Carnarvon in den letzten Jahren nach und nach renovieren ließ. Sie liebt Hollywood, sagt sie. Die US-Studios zahlen gut. Stanley Kubrick etwa, der hier die Sexorgie für seinen letzten Film Eyes Wide Shut drehte. Britische Sender wie BBC oder ITV – letzterer produziert Downton Abbey – sind weniger großzügig.