Günter Wamser ist zwischen 1994 und 2013 von Argentinien bis Alaska geritten, teilweise allein, teilweise mit Partnerin. Ursprünglich war er Flugtriebwerkmechaniker. In diesem Herbst hat der 54-Jährige sein Ziel erreicht und hält Vorträge über seine Reise in Deutschland.

ZEIT ONLINE: Herr Wamser, Sie waren mehr als 20 Jahre lang auf Reisen, konnten jeden Tag mit Ihren Pferden dorthin gehen, wo Sie wollten, niemand hat Ihnen etwas vorgeschrieben. Bitte berichten Sie von etwas, das ganz furchtbar war, damit die Sehnsucht nicht so groß wird.

Günter Wamser: Ich werde oft beneidet: 20 Jahre Urlaub! Aber mit Urlaub hat das nichts zu tun. Natürlich gibt es auch mal gefährliche Situationen, aber schlimmer ist die Bürokratie, vor allem in Lateinamerika. Mit den Tieren über die Grenzen zu kommen, hat manchmal Monate gedauert. Oft wäre es einfacher gewesen, meine Pferde zu verschenken, zu Fuß zu gehen und mir im nächsten Land neue Pferde zu kaufen. Aber für mich war von Anfang an klar, dass ich diese Reise mit denselben Pferden machen wollte.

ZEIT ONLINE: Aber das hat nicht geklappt?

Wamser: Nein, in die USA durften meine Pferde nicht einreisen, weil man in ihrem Blut bestimmte Antikörper fand. Da war ich schon elf Jahre unterwegs. Das war eine große Enttäuschung für mich.

ZEIT ONLINE: Wie sind Sie damit umgegangen?

Wamser: Ich flog nach Deutschland zurück. Gedanklich hatte ich schon abgeschlossen mit der Reise. Als ich dann ein Buch darüber schrieb, wurde mir bewusst: Mann, das ist doch mein Leben! Also reiste ich wieder in die USA und setzte die Tour mit neuen Pferden fort.

ZEIT ONLINE: Warum? Was fasziniert Sie so an diesem Leben?

Wamser: Wenn man noch nie richtig Durst hatte, weiß man das Glas Wasser nicht zu schätzen. Wenn man nie richtig fror, bedeutet einem der Sonnenschein am Morgen nicht so viel. Wenn man tagelang in nassen Klamotten rumläuft, begreift man, wie gut es tut, wieder ein trockenes T-Shirt anzuziehen. Diese kleinen Sachen empfinde ich als Bereicherung.

ZEIT ONLINE: Aber wird das nicht langweilig? Was machen Sie denn den ganzen Tag, wenn Sie da auf dem Pferd sitzen?

Wamser: Die USA durchquerten wir zum Beispiel auf einem Fernwanderweg, der über 5.000 Kilometer lang und sehr gut markiert ist. In Kanada fehlten solche Wege und wir ritten oft auf Wildwechseln oder mussten uns Wege durch die Büsche freischneiden. Man döst also nicht den ganzen Tag im Sattel, sondern versucht vorwärts zu kommen. Gerade während der vergangenen zwei Jahre im Yukon und Alaska empfand ich das Gelände als wenig pferdefreundlich. Wegen der vielen Sümpfe muss man zusehen, dass man den besten Weg findet und die Pferde nicht versenkt.

ZEIT ONLINE:
Sie waren mit insgesamt sechs Pferden auf der Reise. Gab es auch Tiere, die Sie gar nicht mochten, mit denen Sie eigentlich gar nicht weiterreiten wollten?

Wamser: Ja, gleich am Anfang hatte ich ein Pferd, das habe ich "Rebelde" genannt, Rebell. Mit dem hatte ich vom ersten Tag an meine Probleme. Erst warf er mich ab, dann ging er mir als Packpferd durch und ich musste den verlorengegangenen Ausrüstungsteilen hinterhergelaufen. Eigentlich wollte ich ihn tauschen. Aber dann dachte ich: Hey, ich behalte dich. Du beruhigst Dich schon, und wenn das bis Kolumbien dauert. Da waren wir in Argentinien. Tatsächlich dauerte es Jahre – als hätte er gewusst, wie weit es nach Kolumbien war.

ZEIT ONLINE: Wussten Sie etwas über Pferde und die Natur, bevor Sie 1994 gestartet sind?

Wamser: Ich habe erst mit 30 Jahren angefangen zu reiten. Bevor der große Ritt losging, wanderte ich probehalber 3.300 Kilometer durch Deutschland und lernte, Hufe zu beschlagen. Aber ich wusste nicht, wie man Pferde einfängt und lief dem Packpferd mit meiner Fotoausrüstung deswegen einmal zwei Stunden lang hinterher, bis es irgendwann auf einen Zaun stieß. Vielleicht war ich ein wenig leichtsinnig.