Kinder überleben, weil ihre Eltern sie lieben. Wenn es mit dem Urvertrauen und der Bindungsbildung geklappt hat, stimmt dieser Satz auch in Flugzeugen. Doch für die Elternliebe ist der Flug mit dem Nachwuchs eine Härtesituation: Wer hat nicht schon in die schreckgeweiteten Augen der anderen Passagiere geschaut, wenn er mit einem Kleinkind auf dem Arm durch die Reihen zu seinem Sitz ging. "BITTE LASS SIE SICH NICHT NEBEN MICH SETZEN" steht im Weiß ihrer Augäpfel.

Ich kann sie gut verstehen. Ich würde mich jetzt auch gerne drei Stunden in ein gutes Buch vertiefen. Stattdessen spielen wir: Wie habe ich Spaß, ohne mich zu bewegen und ohne ein Geräusch zu machen?

Damit das nicht zu einfach wird, gelten verschärfte Rahmenbedingungen: Der Flugzeugsitz ist grau, die Vordersitzlehne ist grau, die Rückenlehne ist grau, der Teppich ist dunkelgrau und der Passagierraumhimmel hellgrau. Seitdem wir die Wolkendecke durchstoßen haben, scheint draußen zwar die Sonne auf herrliche Zuckerwatteberge, aber Rausgehen ist verboten.

Manchmal sind wir richtig gut in dem Spiel. Manchmal haben wir trotz Bilderbüchern und iPad-Apps schon verloren, bevor die Anschnallzeichen erlöschen.  

Ende der neunziger Jahre forderte der Economist, es solle kinderfreie Zonen in Flugzeugen geben. Mittlerweile bieten zwei Airlines in Asien solche an – gegen einen Aufpreis. Und die Mehrheit der britischen Reisenden wünscht sich noch mehr dieser Zonen. Manche mögen das als Diskriminierung ansehen, ich halte es für sinnvolle Stressreduzierung aller Reisenden. Denn noch anstrengender, als das Kind davon abzuhalten, mit seinen Füßen gegen den Vordersitz zu stoßen, ist die Angst davor, das Kind könnte mit seinen Füßen gegen den Vordersitz stoßen. Schließlich weiß man, wie lästig das ist, und man möchte es keinem normalnetten Mitreisenden zumuten.

Die sind das eigentliche Problem: die überwältigende Mehrheit der Normalnetten. Sie sind kinderlieb, reichen gerne dem süßen Fratz ein Hustenbonbon rüber, wollen aber keinen Lendenwirbelschaden. Sie lieben meine Kinder nicht bedingungslos. In Situationen, in denen ich der einzige Mensch bin, der meine Kinder noch lieben kann, helfen ausgewiesene Schutzzonen. Den Mitreisenden und den Eltern.