Noch ist alles ruhig. Es ist sechs Uhr morgens, langsam taucht die Sonne hinter den Palmen auf, Fischer kehren in ihren Holzbooten von ihrem nächtlichen Fang zurück. Dann durchbricht das Knattern eines kleinen Motorbootes die Stille auf dem Wasser. Am Steuer steht Saide Abukar, 38, die Schirmmütze tief in die Stirn gezogen, das Handy ans Ohr gedrückt. Seine Augen suchen den Horizont ab. "Hast Du welche gesehen?", brüllt er auf Suaheli in den Hörer. "Wo?"

Saide Abukar ist auf der Suche. Seit einer halben Stunde fährt er schon vor den weißen Sandständen Kizimkazis herum, einem Fischerdorf im Süden von Sansibar. Mit ihm an Bord sind sein Bruder Ali und vier Touristen aus Großbritannien. Mit jeder Minute sinkt deren Hoffnung, das zu sehen, wofür sie um fünf Uhr aufgestanden sind: Delfine.

Kizimkazi ist dafür bekannt, dass man hier mit Delfinen schwimmen kann. Rund 150 Große Tümmler leben am Rand der Korallenriffe. Hierhin kommen sie, um zu fressen, ihre Kälber großzuziehen, um sich auszuruhen und zu spielen. Hier fahren die Fischer täglich mit Touristen hinaus aufs Meer.

Früher töteten sie die Delfine, für ihr Fleisch, Öl und ihren Speck. Heute ist die Südküste Sansibars eine der wenigen Gegenden auf der Welt, in denen der Delfintourismus die Jagd komplett abgelöst hat – ein großer Erfolg für den Tierschutz. Vielen Touristen kommt gar nicht in den Sinn, dass auch ihr Wunsch, den Delfinen nahezukommen, den Tieren schaden könnte.

Auf der Jagd mit Schnorchel und Taucherbrille

Plötzlich sind sie da. Ein anderer Fischer hat eine Gruppe von Delfinen gesichtet, fünf bis sechs Tiere, sagt er am Telefon. "Schnell, schnell", ruft Saide Abukar den Touristen zu, "macht euch bereit." Abrupt wendet er das Boot und fährt in die andere Richtung, so schnell, wie der Außenbordmotor es zulässt. Die Touristen ziehen sich die Flossen über die Füße, spucken in die Taucherbrillen, damit diese nicht beschlagen. Erwartungsvoll blicken sie nach vorne. Doch was sie sehen, sind keine Delfine, sondern Boote. Jedes ebenfalls voll besetzt mit Touristen. Sie fahren mit hoher Geschwindigkeit aufeinander zu.

Da tauchen die Delfine auf. Für wenige Sekunden ragen ihre Rückenflossen aus dem Wasser, dann sind sie wieder verschwunden. Neun Fischerboote jagen ihnen hinterher, kreisen sie ein. Abukar drosselt den Motor. "Jump, jump, jump", ruft er, und die Touristen springen. Einer nach dem anderen klettern sie über den Bootsrand, lassen sich ins Wasser fallen. "Look down", sagt Abukar, "schaut nach unten." Doch dort gibt es außer Wasserblasen und umherschnorchelnden Menschen nichts zu sehen. Die Delfine sind längst abgetaucht.

Eine Studie belegt den Stress für die Tiere

Die Delfine lassen sich kurz in der Nähe der Boote sehen. © Isabelle Buckow

Mehr als 100 Menschen kommen in der Hauptsaison jeden Tag nach Kizimkazi, um die Delfine zu sehen. An manchen Tagen fahren bis zu 15 Boote gleichzeitig einer Delfingruppe hinterher. Für Fischer wie Saide Abukar sind die Touren eine unverzichtbare Geldquelle. Nachts zieht er Thunfische, Tintenfische, Langusten und Krabben aus seinen Netzen. In den frühen Morgenstunden fährt er dann mit Touristen ein bis zwei Kilometer hinaus aufs Meer. Ohne das zusätzliche Geld, sagt er, könnte er seine vier Kinder nicht zur Schule schicken. Ob die Touren den Delfinen schaden? Nein, sagt er, das glaubt er nicht. "Die Delfine können ja wegschwimmen."

Doch dass der Delfintourismus tatsächlich schädlich für die Tiere ist, zeigt eine Studie, die britische Meeresbiologen der Universität Newcastle vor der Südküste Sansibars durchgeführt haben. Die Forscher haben festgestellt, dass die Touristenboote die Delfine in ihrer natürlichen Verhaltensweise stören. Sobald Boote in der Nähe sind, werden die Tiere unruhig. Sie schwimmen vor ihnen davon, kommen nicht mehr dazu, sich auszuruhen und zu fressen. Die Folge: Sie sind rastlos und erschöpft, kümmern sich weniger um ihre Kälber und Artgenossen.

Sansibars Ministerium für Fischerei und Marinewirtschaft hat deshalb Regeln veröffentlicht, nach denen Touristen warten sollen, bis die Tiere sich den Booten von alleine nähern. Doch weil das bislang niemand kontrolliert, hält sich auch kaum jemand daran. Die Fischer nicht. Und auch nicht die Touristen. Viele wollen den Delfinen so nah wie möglich sein, sie im besten Fall auch anfassen. Dafür haben sie bezahlt.

So kommt es zu Szenen, die eher an ein Wettschwimmen erinnern als an eine friedliche Begegnung mit der Natur: Menschen, die ins Wasser springen, wild mit den Schwimmflossen schlagen; Männer und Frauen, die nicht zurück an Bord kommen, weil sie versuchen, den Delfinen hinterherzukraulen. Eine Stresssituation, nicht nur für die Delfine.

"Das ist so traurig", sagt Tom Gentle, 24, Dokumentarfilmer aus Glasgow, als er sich über die Reling hievt, zurück ins Boot. Viermal waren er und die Touristen aus Abukars Gruppe im Wasser. Jetzt hat er genug. "Das gleicht einer Hetzjagd", sagt er, "ich fühle mich wirklich schlecht dabei." Die anderen im Boot nicken. Keiner will mehr weitermachen. Gentle streift die Taucherbrille ab, er ist enttäuscht. Am Anfang, sagt er, habe er noch den Eindruck gehabt, dass die Delfine Kontakt aufnehmen wollten. Aber dann wurde es einfach zu viel: zu viele Boote, zu viele Menschen, zu viel Lärm. Er sagt: "Die Delfine sind vor uns geflüchtet. Sie wollten eindeutig nicht in unserer Nähe sein."

Einige Guides versuchen es auch mit sanften Touren

Solche Beschwerden hat Khamis Pandu schon häufig von Touristen gehört. Er sagt: "Viele sind unglücklich mit der Situation." Auch Pandu, 29, bietet Delfintouren an. Doch er will zeigen, dass es auch besser geht. Als einer der wenigen Anbieter ist er Mitglied der Kizimkazi Dolphin Tourism Operators Association (Kidotoa), die sich für einen tierfreundlicheren Delfintourismus einsetzt und Aufklärungskurse für Anbieter solcher Touren veranstaltet. Pandu sagt: "Delfintouren können dazu beitragen, die Tiere zu schützen. Aber wir brauchen eine verbindliche Regelung."

Nur drei Kilometer liegen zwischen Kizimkazi und dem Nachbardorf Dimbani, von wo aus Pandus Touren starten. Hier steht er im Restaurant Jambo und zeigt auf eine Informationstafel an der Wand. Neben Fotos und Fakten zu Delfinen und anderen Meerestieren hat er Richtlinien für seine Touren gepinnt: Delfine anfassen, mit Muttertieren und Kälbern schwimmen, ins Wasser springen – verboten. Stattdessen: ruhig ins Wasser steigen und die Tiere nicht bedrängen. Wer Delfine sieht, sollte den Bootsfahrer rechtzeitig bitten, das Tempo zu drosseln.

Diese Regeln erklärt Pandu allen Touristen, dann erst geht es zu den Booten und rauf aufs Wasser. Kosten: umgerechnet 25 Euro, für zwei Stunden. Knapp zehn Euro mehr als bei der Konkurrenz. Aber dafür, versichert Pandu, ist das Erlebnis besser. Auch Reiseführer raten, Touren nur mit zertifizierten Guides wie Pandu zu machen. Doch bislang ist an seinem Strandabschnitt noch deutlich weniger los als bei den Anbietern, die weiter südlich die hautnahe Begegnung mit den Delfinen versprechen.