ZEIT ONLINE: Herr Breier, Sie haben eine Reiseführer-App für Ihre Heimatstadt Bremen konzipiert, mit der man Zeitreisen unternehmen kann. Wie funktioniert das?

Jan Breier: Meine App ist eine Mischung aus Reiseführer und Augmented Reality. Sie macht Dinge sichtbar, die man sonst nicht sieht. In der Innenstadt liegt zum Beispiel ein Friedhof unter dem Pflaster. Der wurde vor 200 Jahren zugeschüttet. Man sieht überhaupt nichts davon. Heute ist dort mehrmals wöchentlich ein Blumenmarkt. Hätte man die App auf dem iPad, könnte man über den Markt gehen und dabei durch das Kopfsteinpflaster gucken.

ZEIT ONLINE: Was würde man dann sehen?

Breier: Tote Menschen. Es existieren Fotos früherer Ausgrabungen, die in der App zu sehen sein könnten.

ZEIT ONLINE: Ihre App gibt es bisher nur als Konzept – was soll sie außerdem können?

Breier: Ich habe Bilder-Slider konzipiert, die, wenn man darüberwischt, sichtbar machen, wie ein Ort heute aussieht und wie das vor 200 Jahren war. Man kann die exakten Ausschnitte vergleichen. Außerdem kann man auf Details einer Fassade klicken und bekommt mit alten Fotos die bauliche Entwicklung des Gebäudes angezeigt – oder die Baupläne für die Zukunft. Ich wollte nicht nur die Vergangenheit sichtbar machen, sondern habe auch ein paar Orte in der Bremer Innenstadt gewählt, die erst noch gebaut werden sollen.

ZEIT ONLINE: Die Idee für die App ist aus Ihrer Bachelorarbeit in Medieninformatik entstanden. Wie kamen Sie zu dem Thema?

Breier: Für Geschichte und Reisen interessiere ich mich privat, und während des Studiums habe ich bei einer Firma ein Praktikum gemacht, die Ausgrabungen digitalisiert. Und da kam mir schon die Idee, eine App zu entwickeln, die diese 3-D-Aufnahmen der Ergebnisse zeigt. Daraus meine Bachelorarbeit zu entwickeln, war die richtige Entscheidung: Meine Kommilitonen haben über ihren Arbeiten geflucht. Und mir hat das so viel Spaß gemacht.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie denn die Informationen zusammengetragen?

Breier: Ich habe im Bremer Stadtarchiv gesessen und sehr viel recherchiert. Ich habe mit Tourguides aus Bremen gesprochen, um rauszufinden, was für spannende Orte es noch gibt. Und mir dann zu überlegen, wie ich das grafisch umsetzen kann, war auch super. Das Schreiben war dann nicht mehr ganz so toll.

ZEIT ONLINE: Sie haben sich auch bestehende Reiseführer-Apps angesehen, um zu analysieren, was es schon auf dem Markt gibt. Was ist Ihnen während der Recherche aufgefallen?

Breier: Meine Abschlussarbeit ist ja jetzt schon zwei Jahre alt, aber noch immer bringen die größeren Verlage fast nur die Inhalte ihrer gedruckten Reiseführer aufs iPad. Man hat vielleicht auch mal ein Bild, das sich bewegt, die Orte können auf einer Karte angezeigt werden und so ein iPad ist ein bisschen leichter ist als ein 500-Seiten-Buch. Ansonsten gibt es keinen Mehrwert. Das finde ich enttäuschend.

ZEIT ONLINE: Was denken Sie denn, warum die Verlage da eher schwerfällig sind?

Breier: Ich verstehe es nicht. Es gibt so viele App-Entwickler, die tolle Spiele machen. Vieles davon ließe sich in einen Reiseführer integrieren, um ihn interaktiver zu machen. Aber ich habe es auch selbst bei der Arbeit bemerkt: Wenn man es gut machen will, ist es ein riesiger Rechercheaufwand, selbst für eine kleine Stadt wie Bremen. Und das Ganze dann noch schön aufzubereiten, das dauert einfach.

ZEIT ONLINE: Gibt es denn in Ihrer App auch Tipps wie die zehn besten Cafés?

Breier: Nein, das ist überhaupt nicht vorgesehen. Es geht wirklich um spezielle Themen. Ich habe versteckte Orte gewählt, weil mich das interessiert: Was gibt es hier in Bremen, in meiner Heimatstadt, das man einfach nicht sieht? Fußgängertunnel zum Beispiel, die in den letzten Jahren dichtgemacht wurden. Oder ein Nebenarm der Weser, der mitten durch die Innenstadt floss. Von dem sind nur noch ein paar Markierungen übrig, auf denen Balge steht. Selbst viele Bremer wissen gar nicht, warum da etwas auf dem Pflaster steht.

ZEIT ONLINE: Ist das also eher ein Reiseführer für Insider?

Breier: Er ist auf jeden Fall nicht für den Touristen, der für einen Tag nach Bremen kommt und den Dom, den Roland und die Bremer Stadtmusikanten sehen möchte. Es ist eher für jemanden, der drei, vier Tage da ist. Und für Bremer, die denken, sie würden ihre Stadt schon kennen.