Fritzi liebt das Meer. Sie kann sich stundenlang beschäftigen, wenn wir einmal dort sind, möchte sie nicht wieder weg. Meine vierjährige Tochter wirft Sand oder Steine ins Wasser, sammelt Muscheln oder schaut einfach nur in die Wellen.

Ich war schon häufiger in Israel, beruflich und auch privat. Als ich letztes Jahr dort war, kam meine Mutter nach Berlin, um auf Fritzi aufzupassen. Fritzi war davon nicht sehr begeistert. "Ich will auch mal mit nach Israel", sagte sie, als ich zurück war und wir zusammen meine Fotos anschauten. Dieses Jahr fliegen wir zu zweit. Ich weiß nicht, ob Israel das beste Reiseziel für einen Urlaub mit Kind ist. Zumindest stehen für Fritzi aber drei Meere zur Auswahl.

Ich bekomme eine E-Mail von der israelischen Fluggesellschaft El Al. Die Grenze zwischen Israel und Ägypten sei in der letzten Zeit Ziel von Angriffen gewesen. Um die Sicherheit der Passagiere nicht zu gefährden, gebe es keine andere Wahl, als unseren Flug zwischen Tel Aviv und Eilat zu streichen. Es sind noch zwei Wochen bis zu unserem Urlaub und der Nahostkonflikt ist für einen kurzen Moment in unserem Wohnzimmer angekommen. 

Im Zug nach Israel © Fritzi König

Fritzi sitzt neben mir und malt ein Bild. "Schau mal, Mami", ruft sie. Seit sie etwa zwei Jahre alt ist, nennt sie mich "Mama" oder "Mami". Ich habe sie nie korrigiert. Wie hätte ich ihr damals erklären sollen, dass sie als einziges Kind in der Kita ihre Hauptbezugsperson anders nennen soll, als alle anderen? Irgendwann hat sich das verselbstständigt und mittlerweile lachen wir beide manchmal darüber, wenn sie "Mama" zu mir sagt. "Schau mal, Mami", ruft sie mich und zeigt mir ihr Bild: "Das bist du. Und das bin ich. Da sitzen wir zusammen im Zug nach Israel."

Seit ihrer Geburt lebe ich mit meiner Tochter Fritzi alleine in Berlin. Fritzi sieht ihre Mutter regelmäßig, aber zusammen haben wir schon vor der Geburt entschieden, dass unsere Tochter überwiegend bei mir leben soll. Mittlerweile ist sie vier Jahre alt. Vor ein paar Monaten habe ich diesen Flug gebucht, wir machen Urlaub zu zweit. Ich bin aufgeregt, ob ich alles hinbekomme.

Am Morgen unserer Abreise nach Israel wecke ich Fritzi um fünf Uhr. Aufstehen, anziehen, Zähne putzen, ich schmiere ein paar Brötchen, Gepäck auf den Rücken und los zum Flughafen. Berlin-Tegel – Tel Aviv. Wir übernachten in einem Hostel im antiken Stadtteil Jaffa. Als wir einchecken, schaut der Mitarbeiter an der Rezeption ein paar Mal an uns vorbei die Treppe herunter. Kommt da nicht noch jemand? Nein, wir sind wirklich nur zu zweit.

In unserem Zimmer werfen wir nur unser Gepäck ab und gehen direkt zum Strand: Mittelmeer. Eigentlich wollten wir nach Israel, um die mediterrane Sonne zu genießen. Nun regnet es und wir gehen dick eingepackt in unseren Winterjacken am Meer spazieren. Israel erlebt den kältesten Winter seit langer Zeit.

Dass darauf kaum jemand eingestellt ist, erleben wir am nächsten Tag: Wir wollen mit dem Bus einen Tagesausflug zum Toten Meer machen. Etwas weiter südlich, im Landesinnern und eigentlich ein See – aber hoffentlich wärmer. Als wir im Bus sitzen, brüllt ein Angestellter des Busunternehmens etwas auf Hebräisch durch die geöffnete Tür. Einige Fahrgäste beschweren sich, diskutieren mit dem Mann. Schließlich fahren wir los. Ich frage unsere Sitznachbarin, was los war. Sie erklärt uns, dass wegen des vielen Regens eine Straße gesperrt sei und der Bus deshalb nicht über Jerusalem fahre, sondern einen Umweg mache. Statt zwei Stunden sitzen wir nun also drei Stunden im Bus, bis wir gegen Mittag am Toten Meer ankommen. Am Abend müssen wir auf gleichem Weg wieder zurück. Für einen Nachmittag am Toten Meer sechs Stunden auf der Straße. Fritzi beschwert sich kaum. Ich bin begeistert von ihrer Geduld.

Doch baden können wir auch am Toten Meer nicht. Es ist zu kalt. Um unsere Badesachen nicht umsonst eingepackt zu haben, bleibt als letzte Chance das Rote Meer, ganz im Süden. El Al hatte unseren Flug von Tel Aviv dorthin ja gestrichen. Wir fliegen deshalb mit einer israelischen Billigfluglinie. Sicherer macht das die Strecke nicht. Ich schiebe meine Bedenken beiseite. Wir fahren am nächsten Tag mit dem Bus zum Bahnhof, von dort wollen wir mit dem Zug zum Flughafen. Als wir aus dem Bus aussteigen, irren wir ein wenig umher und ich muss ein paar Leute auf der Straße fragen, bis wir den Bahnhof gefunden haben.

Fritzi trägt ihren Kuschelhasen im Arm und ist völlig unbeeindruckt von meiner Anspannung. Der Hase sei ihr kleiner Bruder, erklärt sie mir. Am Eingang des Bahnhofs winkt uns ein Sicherheitsbeamter zu sich. Er kontrolliert unsere Reisepässe und fragt uns, wo wir hin möchten. Der Zug zum Flughafen falle aus, sagt er uns. Wegen des vielen Regens und der Überschwemmungen. Es gebe einen Ersatzbus. Der fahre aber nicht hier, sondern vom Hauptbahnhof. Mittlerweile ist die Zeit knapp. Ich werde immer unruhiger. Fritzi ist damit beschäftigt, ihren Hasen in ihre Jacke einzuwickeln. Ich fordere sie auf, etwas schneller hinter mir herzukommen. "Babyleo ist gerade eingeschlafen. Sei ruhig!", schimpft sie mit mir. Ich versuche, mich wieder zu beruhigen und setze mich neben Fritzi auf eine Treppenstufe. Dann nehmen wir ein Taxi zum Flughafen.