Als das Motorboot in weitem Bogen in die Bucht einschwenkt, eröffnet sich den Neuankömmlingen eine fast unwirklich schöne Naturkulisse. Selbst der Frau, die während der knapp zweistündigen Fahrt von Myanmars südlichster Provinzstadt Kawthaung nach Macleod Island ihre Mitreisenden detailliert über ihre vergangenen Reiseabenteuer informiert hat, verschlägt es für einen Moment die Sprache. Wie ein weißes Band zieht sich der Strand zwischen dicht bewaldeten Hügeln und dem türkisfarbenen Meer entlang. Adler kreisen über der Bucht, ein Boot schaukelt auf den Wellen, am Himmel nicht eine Wolke. "Wir sind im Paradies", verkündet die Globetrotterin fröhlich und macht sich für den Landgang bereit.

Macleod ist eine von rund 800 zumeist unbewohnten Inseln im Mergui-Archipel, das sich auf einer Länge von über 300 Kilometern vor der Küste Südmyanmars in der Andamanensee erstreckt. 2005 wurde hier das Myanmar Andaman Resort eröffnet – neben dem direkt vor Kawthaung gelegenen Andaman Club die bislang einzige Ferienanlage im gesamten Archipel. 22 Bungalows mit allem, was man auf einer einsamen Insel zum Überleben braucht: Klimaanlage, Klo, Kühlschrank. Adrian Zdrada, den wegen seiner dunklen Locken und den markanten Gesichtszügen jeder für einen Italiener hält, ist Pole und seit knapp zwei Jahren für die Vermarktung des Resorts zuständig. "Man könnte aus Macleod etwas ganz Besonderes machen", sagt er, "ein Fünf-Sterne-Hotel, das sich in die Landschaft einfügt, nachhaltig und umweltfreundlich."

Doch die burmesischen Investoren wollen in ihrem Dschungelcamp erst einmal alles so lassen, wie es ist. "Ich habe den Eindruck, sie wissen nicht so recht, was sie mit der Insel anfangen sollen", sagt Adrian. Selbst seiner Idee, einige Sonnenmodule zur Stromerzeugung zu installieren, konnten sie nichts abgewinnen. Also bläst der Generator, der in einem Verschlag hinter den Holzhütten der etwa 40 Angestellten vor sich hinrattert, weiter 150 Liter Diesel pro Tag in die andamanische Luft. Auch die Abfallbeseitigung ist noch nicht ganz ausgereift. Bislang wird der anfallende Müll im Wald verbrannt und irgendwo vergraben. "Ohne Vision entwickelt sich das hier irgendwann zu einem zweiten Phuket", sagt Adrian mit Verweis auf die 200 Kilometer weiter südlich gelegene thailändische Ferieninsel. "Aber wer braucht schon ein zweites Phuket?" Ende der Saison will der 39-Jährige seine Koffer packen: "Ich habe die Nase voll."

Andere dagegen entdecken gerade ihre Liebe zu Myanmar. Nachdem die Chinesen wegen der vom Westen verhängten Sanktionen lange Zeit konkurrenzlos im Land ihren Geschäften nachgehen konnten, melden sich nun auch Europäer und Amerikaner zurück. In der ehemaligen Hauptstadt Rangun, dem Herz und wirtschaftliche Zentrum Myanmars, explodieren die Immobilienpreise. Die Mieten für Büroräume sind heute zum Teil höher als in Bangkok, Hanoi oder sogar Singapur, berichtet die Myanmar Times. Gerade hat Starbucks seine Markenrechte angemeldet.

Während sich in manchen Landesteilen Regierungstruppen und Aufständische weiter Gefechte liefern und laut UN-Flüchtlingshilfswerk knapp eine halbe Million Menschen in Auffanglagern leben, kommen immer mehr Touristen ins Land. 2012 waren es erstmals mehr als eine Million. Nichts im Vergleich zum benachbarten Thailand mit seinen 22 Millionen Besuchern, doch Myanmar holt auf: Die Zuwachsraten liegen bei rund 30 Prozent pro Jahr. Beliebteste Reiseziele sind derzeit Rangun, Bagan, der Inle-See, Kyaikhto, Mandalay und Ngapali. Die Inselwelt im Süden dagegen ist auf der touristischen Landkarte noch ein weitgehend weißer Fleck.

Der Touristenführer Okyawj bietet Schnorcheltouren an. © Frank Stern

Außer für die Deutschen. Sie machen bisher zwar nur fünf Prozent aller Myanmar-Touristen aus – die meisten kommen aus China und Thailand –, auf Macleod aber stellen sie die größte Gruppe. Briten, die man als ehemalige Kolonialherren hier eher vermutet hätte, sucht man vergeblich. Ab und zu verirren sich ein paar Franzosen in die Gegend, auch Italiener und Schweden, Spanier oder den einen oder anderen Australier hat es schon auf das 40 Seemeilen von Kawthaung entfernte Eiland verschlagen. Doch die Mehrheitsgesellschaft auf Macleod spricht Deutsch.

Es sind vor allem Paare zwischen 35 und 45 auf der Suche nach dem Besonderem, die nach Macleod kommen, sagt Adrian. Wobei das Management auf der Webseite des Resorts freimütig vor allzu hohen Erwartungen an Luxus und Unterhaltung warnt. Wer Rundum-Animation, Restaurants, Clubs und Boutiquen sucht, der sollte die Anreise besser nicht auf sich nehmen, heißt es da. Wer dagegen Robinson-Feeling erleben will, unberührte Strände und eine spektakuläre Unterwasserwelt, für den halte Macleod viel bereit.