Es ist dieser Moment, in dem ich das Auto um die Kurve lenke, ganz langsam, denn es ist eng. Rechts die Felsen, links geht es weit hinunter. Und dann gibt die Straße den Blick frei. Der Pazifik macht atemlos, weil er so weit und so rau und so schön ist, dass so schnell kein passendes Wort dafür im Kopf zu finden ist. Ich möchte laut "Wow" sagen, tue es dann auch, obwohl niemand im Auto sitzt, der es hört. Ein Moment des puren Glücks, das von weit unten im Bauch bis in den Kopf schießt.

Alleine reisen hat etwas mit suchen zu tun. Nicht nur neue Orte, spannende Menschen, Eindrücke, sondern etwas in mir selbst. Ruhe vielleicht, Zufriedenheit. Ich weiß es noch nicht genau.

Im Radio läuft ein Lied von Brad Paisley, amerikanischer Pop-Country, wie es sich gehört, wenn man mit dem Auto durch die USA fährt, sich einfach treiben lässt. Ich schalte das Radio aus, fahre in eine Parkbucht rechts vom Highway. Ein paar Quadratmeter steiniger Boden, es staubt, vorne ein paar Holzlatten als Zaun, dahinter der kleine Weg zum Strand. Der Ozean dort unten schiebt hohe Wellen ans Ufer, es rauscht und zischt, der starke Wind hält Möwen in der Luft wie Drachen an langen Nylonschnüren.

Einfach mal nichts sagen, nur schauen und genießen. Die Küste Oregons liegt im Dunst, ein paar Felsen ragen aus dem Wasser, Strände, auf denen die Menschen wie Punkte aussehen. In der Ferne ein kleiner Vorsprung mit einem weißen, blinkenden Leuchtturm drauf.

So ähnlich wie der Jakobsweg – nur mit dem Auto

Meine Reise führt mich mit dem Auto am Meer entlang, den gesamten Küstenabschnitt von Oregon im Nordwesten der USA. In Portland im Norden, hundert Kilometer vom Meer entfernt, breche ich auf, in Seaside, nur ein paar Kilometer von der Grenze zum Bundesstaat Washington, halte ich zum ersten Mal die Füße in den Pazifik. Dann geht es in Richtung Süden. Insgesamt etwa 600 Kilometer, ich will dafür eine Woche brauchen, weil ich viel sehen und spontan sein will. Der Highway 101 schlängelt sich am Wasser entlang. Manche sagen, es sei die schönste Küstenstraße der Welt. Ich sage das auch. Es ist ein bisschen so wie der Jakobsweg, nur ohne Wanderschuhe und Rucksack, sondern mit Reisetasche und im Auto. Eine Reise, die ich mit mir schon lange machen wollte.

Die Küste Oregons ist so etwas wie das Anti-Kalifornien. Die kalifornische Küste weiter im Süden ist schön und berühmt – die Küste von Oregon ist nur schön. Die Hotels am Meer sind klein, wenn man Glück hat, verirrt man sich in ein verstecktes Bed & Breakfast und hört Geschichten über das Leben am Wasser, von Fischern und Walen. Es gibt keine Metropolen wie San Francisco und Los Angeles. Und während in Kalifornien die Surfer oben ohne auf ihren Brettern stehen, tragen sie hier am Strand Neoprenanzüge. Der Pazifik hat selbst im Sommer kaum mehr als 15 Grad.