Es gibt Dinge, die verantwortungsbewusste Eltern besser nicht mit ihren Kleinkindern machen sollten. Schnaps verkosten zum Beispiel, oder selbst geangelten Kugelfisch. An die Kreissäge setzen oder das Steuer. Fallschirmspringen, Speedbootrennen, Tontaubenschießen und ganz gewiss keine freihändigen Klettertouren im senkrechten Bergmassiv.

Könnte man meinen.

Dann aber setzt sich Johnny den Bergsteigerhelm auf, als sei es der fürs Fahrrad. Dann lässt er sich die Gurte umlegen und scheint vor den nächsten zwei Stunden ähnlich wenig Angst zu haben wie vorm Frühstück in der Kita zwei Tage zuvor. Dann legt er sein Leben in die Hände des fünfmal älteren Fremdlings mit dem wettergegerbten Gesicht und lacht dabei fröhlich. Dann geht es also bergan – höher, länger, steiler, krasser als die höchste, längste, steilste, krasseste Erhebung nördlich der Kasseler Berge. Und was macht Johnny, dieser alpinistische Anfänger von gerade Mal fünf Jahren? Er ruft laut "los jetzt" und es geht los.

Mitten hinein in den "Kali", einen Klettersteig für die Kleinsten im Fels, eine Art Teilkaskoversion des Bergsports. Umgeben von restschneebedeckten Gipfeln der österreichischen Ramsau können blutige, weil junge Rookies hier bis weit in den Herbst das Aufsteigen üben. Sie tun es riskant genug, damit Eltern das Gefühl kriegen, moderne Eltern zu sein, vor allem aber so ungefährlich, dass Mama und Papa nicht befürchten müssen, als Rabeneltern zu gelten. Dafür sorgt schon ein daumendickes Stahlseil an mächtigen Haken, die alle zwei, drei Meter in die Wand getrieben und zusätzlich mit Zweikomponentenkleber fixiert wurden. Dafür sorgt mehr noch besagter Fremdling mit der ledrigen Haut.

Es ist der Walcher Walter, wie er sich steirisch korrekt vorstellt – ein Bergführer vom alten Schlag: Gut 30 seiner 55 Jahre verbringt er bereits professionell in der Vertikalen. Viele der Klettersteige vor Ort hat der Pensionswirt aus dem Dorf unterm Sattelberg mitgebaut. Für Männer wie ihn ist Bergsteigen kein Beruf, es war eben schon immer einfach da, in der Steiermark. So wie er selbst ja irgendwie auch schon immer da war, im touristischen Gedächtnis dieser höhenverrückten Region.

Mit großer Routine und dieser beispiellosen Ruhe der Ennstaler Kalkalpen könnte Walter, so scheint es, selbst eingefleischten Sesselfurzern die Angst vorm Dreitausender nehmen; für einen Flachländer vorm Schuleintritt, von dem das Stahlseil 300 Stück trüge, ohne messbar nachzugeben, setzt er nicht mal seinen Helm auf. "Oiso", schnurrt er. "Pack mer’s?"

Johnny packt’s.

Hochgebeten vom tiefenentspannten Bergführer, hochgejubelt vom ziemlich euphorischen Vater geht, nein: springt Johnny in den Kali und wird fortan gut eine Stunde sein Tempo kaum drosseln. Es ist ein leichter Klettersteig, versteht sich, niedrigste Kategorie. Doch auch die hat es für einen Hamburger Jung, dessen höchste Erhebungen daheim Fahrstühle haben, in sich.