Sicht auf Český Krumlov © Petr Josek/Reuters

Als den "turmigsten Turm", den er je gesehen habe, bezeichnete der tschechische Autor Karel Čapek einst den Schlossturm von Český Krumlov. Fürwahr: Wie er da so in den blitzblauen Frühlingshimmel ragt, altrosa, gelb und pistaziengrün bemalt, mit reichem Freskenschmuck, umlaufender Galerie und goldblinkenden Zipfelspitzen, mutet er an wie das märchenhafte Urbild eines mitteleuropäischen Schlossturms. Nicht ganz von dieser Welt, eher einem Kinderbuch oder Ritterroman entsprungen.

Das gilt auch für die Mantelbrücke, die den angrenzenden Burggraben überspannt – ein höchst unwahrscheinlich anmutendes, barockes Wunderwerk mit zwei geschlossenen Etagen und einem offenen Bogengang: Brückiger geht’s nicht. Der Blick hinunter – ebenfalls märchenhaft: Die Altstadt von Český Krumlov schmiegt sich dort in eine Doppelschleife der Moldau, ein malerisches Patchwork aus spitzen Türmen und barocken Giebeln, zu schön fast, um wahr zu sein.

Und so geht es weiter: Wer zum ersten Mal durch die kopfsteinbepflasterten Gassen der Altstadt schlendert, weiß gar nicht, wohin er gucken soll, so viele Postkartenblicke bieten sich mit jedem Schritt. Die Fresken und Sgraffiti an den Renaissancefassaden, minutiös restauriert, künden von Ruhm und Vergänglichkeit der einstmaligen Bewohner, von Sagen und Anekdoten der Stadtgeschichte, an den Außenwänden der Schlosshöfe und prächtigen Bürgerhäuser entfalten sich gar ganze alchemistische Bildprogramme.

Die Häuser wie aus Marzipan, die Plätze wie gezeichnet – man möchte es kitschig nennen, übertrieben, einen Themenpark - allein: Es ist alles echt. Sogar die örtliche Brauerei stammt aus der Renaissance, das altmodisch gekachelte Sudhaus mit seinen Kupferkesseln liegt hinter hohen Bleiglasfenstern.

Und dennoch: "Český Krumlov ist kein Freilicht-Museum, auch wenn manche Leute das denken", sagt der Historiker Ivan Slavik, Vizedirektor am Regionalmuseum. "Es wohnen auch noch ganz normale Menschen hier. Die Stadt hat einfach 700 Jahre lang Glück gehabt und ist nie zerstört worden. Nicht vom Zweiten Weltkrieg, nicht vom Ersten, noch nicht mal vom Dreißigjährigen Krieg." Auch Brandkatastrophen, so Slavik, habe es nicht gegeben. Das Gebäude seines Regionalmuseums sei so ziemlich das Neueste, was die Altstadt zu bieten habe. Errichtet wurde es 1650.

Den Grund für die so außergewöhnlich gut erhaltene Pracht sieht Slavik darin, dass die Stadt über Jahrhunderte am Schnittpunkt von Handelswegen im Zentrum Europas lag. Um sich dann, nach dem Zweiten Weltkrieg, in einer Randlage wiederzufinden, nur wenige Kilometer entfernt vom Eisernen Vorhang. "In dieser Zeit lag die Altstadt brach", sagt Slavik, "und das war gut so: Nichts wurde abgerissen, noch nicht einmal entkernt." Nach dem Ende der sozialistischen Ära war Český Krumlovs Altstadtkern zwar grau und heruntergekommen – "aber in der Substanz absolut authentisch."


Im Übrigen soll man sich, so Slavik, vom Renaissance- und Barock-Look Český Krumlovs nicht in die Irre führen lassen: "Das sind neumodische Fassaden aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Dahinter ist alles gotisch."

Manchmal aber auch japanisch. Wer an der Tür der Pension "Adalbert" klingelt, dem öffnet der japanische Besitzer und führt ihn stolz durch Räume, die einer Stifter-Novelle entsprungen scheinen: Dunkles Holz, Spitzengardinen, blütenweiße Bettwäsche, Biedermeier-Sofa. Ein kleines Sushi-Restaurant hat er aber auch in seinem Haus untergebracht – beim Essen hört die Experimentierlust seiner Kundschaft auf.

Außerdem: Böhmische Knödel gibt es in den anderen Herbergen der Stadt zur Genüge.