Palmenblätter ragen durch die Fenster ohne Glas, in einer Ecke hat sich ein Huhn niedergelassen. Eine mächtige Treppe führt empor zu einem halbrunden Empfangsbereich, die Steine sind bröckelig, auf der Treppe verteilt sitzt eine Gruppe von Kindern. Sie sind zwischen acht und zwölf und so etwas wie Hausbesetzer. Bis 1991 war der riesige Prachtbau auf São Tomé ein Krankenhaus, heute ist er die Spielwiese von Tutu und seinen Freunden. Die Kinder aus dem kleinen Dorf Agua-Ize an der Ostküste des Inselstaats verbringen hier einen Großteil ihrer Freizeit und müssen auch kaum befürchten, dass sie irgendjemand von ihrem paradiesischen Spielplatz mit Blick auf den Atlantik verjagt.

Verlassene Häuser wie dieses gibt es viele auf São Tomé und Príncipe. Sie erinnern an die portugiesische Kolonialzeit des Landes, das erst seit 1975 unabhängig ist – und das in Europa nicht viele kennen. Auch Claudio Corallo lebt in der Hauptstadt São Tomé in solch einem Haus aus der Kolonialzeit. Auf dem Hof steht ein alter Fiat Panda, der Atlantik ist nur wenige Schritte entfernt und Wachhund Stella passt auf, dass niemand ungefragt die kleine Schokoladenmanufaktur betritt. Der Italiener kam vor fast 20 Jahren hierher und ist neben dem Sternekoch João Carlos Silva so etwas wie die kulinarische Visitenkarte der kleinen Inselrepublik.

"Eigentlich hatte ich mit Schokolade nie etwas am Hut, ich mochte sie noch nicht einmal", sagt er. Lange Jahre war der Italiener auf Kaffeeplantagen in Zaire und später in Bolivien beschäftigt und kam 1995 nach São Tomé und Príncipe, weil die politische Situation in Zaire immer unsicherer wurde. "Als ich dann damals hier die ersten Kaffeebohnen röstete, stellte ich fest, dass der Geschmack ein ganz anderer war", erzählt Corallo. Das brachte ihn auf die Idee, sich auch die Kakaopflanzen auf São Tomé und Príncipe näher anzusehen.

Tutu (Mitte, weißes T-Shirt) und seine Freunde habe eine ehemalige Klinik aus der Kolonialzeit zum Spielplatz umfunktioniert. © Claudius Lüder

Knapp 200.000 Menschen leben in dem zweitkleinsten Staat Afrikas, gelegen auf Höhe des Äquators im Golf von Guinea. Zuckerrohr, Kaffee und Kakao ließen die Kolonialherren hier im großen Stil anbauen, ernten und verschiffen. Noch immer erinnern halb verfallene Produktionsstätten und Eisenbahnschienen an diese Zeit.

Weil er sich zwar mit Kaffee, jedoch kaum mit Kakao auskannte, besorgte Corallo sich weltweit Proben prämierter Kakaosorten, um vergleichen zu können. "Ich war überrascht, denn jede dieser Sorten hatte einen mehr oder weniger starken und unangenehm bitteren Beigeschmack." Er vermutete Fehler bei der Herstellung und startete eine Versuchsreihe in seinem kleinen Labor. "Ich wollte herausfinden, wie Kakao wirklich schmeckt."

Bitterer Kakao, sagt Corallo, sei ein großer Irrtum. Um zu demonstrieren, was er meint, nimmt er eine Kakaobohne und drückt sie mit einem schweren Kunststoffhammer auseinander. "Probier es aus, das ist reiner Kakao." Tatsächlich schmeckt die krümelige Nuss einfach nur unglaublich intensiv, würzig-kakaoig, aber nicht bitter. Was gemeinhin als Qualitätsmerkmal verkauft werde, sei eigentlich ein Mangel, so Corallo: "Reiner Kakao ist weder bitter noch schwarz." Als er dies nach vielen Experimenten mit unterschiedlichen Trocknungs- und Röstverfahren herausfand, wollte er den echten, reinen Kakaogeschmack auch konservieren und stellte eine Schokolade aus 100 Prozent Kakao her. Heute gibt es außerdem eine 75-prozentige mit Ingwer, eine 80-prozentige und auch kleine Schokoladenkugeln mit Kaffeestückchen.

Feinschmecker sind überzeugt: Corallos Schokolade zählt zu den besten der Welt, was nicht zuletzt an den idealen Bedingungen für Kakaopflanzen auf São Tomé und Príncipe liegt: Das ganze Jahr über scheint die Sonne, die Regenzeit sorgt für ein schnelles, natürliches Wachstum und die isolierte Lage schützt die Pflanzen vor schädlichen Einflüssen. Vor allem die kleinere Nachbarinsel Príncipe hat es dem 61-Jährigen angetan. Nur 7.000 Menschen leben auf der "Insel der Prinzen", und geht es auf São Tomé schon recht gemächlich zu, scheint hier die Zeit endgültig stehen geblieben zu sein. Die Menschen pflegen ihre kleinen Häuser mit Vorgärten und geschnittenen Hecken und sind stolz auf ihre Insel, die eine eigene Verwaltung, unabhängig von São Tomé, hat.