Als wir das erste Mal bemerken, wie trickreich der Lykische Pfad sein kann, ist es vier Uhr nachmittags, und von Westen zieht Gewitter auf. Wir blicken in ein Tal aus schroff abfallenden Kreidewänden, in dem Mandelbäume wachsen und ein Bach rauscht. Doch dafür ist jetzt keine Zeit, denn wir sind auf der Suche nach den rot-weißen Streifen: den Erkennungszeichen unseres Wegs auf Steinen, Felsen und Bäumen. Wir haben sie irgendwo während unseres Aufstiegs verloren und wissen nicht weiter.

Es ist der dritte Tag und bisher haben wir Segelschiffe im Hafen schaukeln sehen, sind steil bergan über Felsen gestiegen, haben Rast unter Kirschbäumen gemacht, Echsen durchs Gestrüpp und Schildkröten über Feldwege balancieren sehen. Es war toll, aber jetzt erleben wir das Outdoor-Paradox: Die Wildnis macht eben nur solange Spaß, bis sie zu wild wird, dann verdirbt sie einem den Tag. Neun Kilometer sind noch zu gehen, dunkel wird es in den Bergen um halb acht – wir müssen uns beeilen. Meine Freundin sagt: "Da lang" – und nach zwei Kilometern haben wir Glück: Das Gewitter zieht vorbei, und wir finden einen Wegweiser, der uns doch noch den Weg nach Phellos zeigt, eine alte römischen Bergstadt, in deren Schatten wir übernachten wollen.

Eine Woche wollten wir laufen, am Ende werden es fünf Tage. Den Lykischen Pfad entlang, einen Weitwanderweg im Süden der Türkei, der über 500 Kilometer von Fethiye nach Antalya führt. Die Sunday Times kürte den Pfad zu einem der zehn schönsten Wanderwege der Welt. Freunde sagten, es wird wild und schön, und einsamer als auf den ausgelaufenen und von Pilgern verstopften Trampelpfaden Europas. Sie behalten recht: Wir treffen fast niemanden, die Bergpfade sind einsam, die Hochebenen grün und voller bizarrer Felsen, und der atemberaubende Blick von den hohen Felsklippen auf die Mittelmeerküste begleitet uns den ganzen Weg lang. Aber wir sind auch überrascht, wie weh unsere Beine am Abend tun. Eigentlich hielten wir uns für gut in Form.

Wir starten in Kalkan, früher ein Fischerstädtchen, heute eher ein Touristenort, der Mitte April aber noch schlummert. Vom kleinen Felsenstrand sieht man die steilen Felsen, die sich im Hinterland erheben: Auf den ersten und zweiten Bergrücken werden wir die Küste langwandern. Unsere Rucksäcke sind leicht, das Wetter ist im April angenehm mild. Das Wasser schöpfen wir aus Zisternen am Wegrand. Wir laufen den Teil des Weges, auf dem es Pensionen und Bauernhäuser am Ende jeder Etappe gibt – das Zelt und die Schlafsäcke sind zu Hause geblieben. Unser Wanderführer sagt: Wer den ganzen Pfad laufen will, muss auch mal unter Bäumen, auf Hochebenen und in den Kieselstrandbuchten an der Küste schlafen. Unsere Betten sind ein Privileg.

Dass wir überhaupt vorwärts kommen, haben wir einer sehr fleißigen Britin namens Kate Clow zu verdanken. Sie lief Ende der neunziger Jahre monatelang die Strecke ab und setzte die rot-weißen Wegmarken, die wir heute zwischen Bäumen suchen. Wer aus Deutschland kommt, wandert nach dem Führer von Michael Hennemann, der einen bisweilen etwas kryptisch über Trampelpfade, Flussbette und weitgestreckte Olivenhaine führt. Wir lernen: Wer hier länger wandert, braucht bessere Ausrüstung als wir  – einen Kompass, vielleicht einen GPS-Tracker. Man findet den Weg nicht immer leicht.

Ausgerechnet in der ersten Nacht schlafen wir so fürstlich wie dann während der ganzen Reise nicht mehr: im renovierten Bauernhaus der Schottin Pauline, die im Bergdorf Bezirgan oberhalb von Kalkan vier Zimmer anbietet. Als die Sonne versinkt, entfachen wir im Zimmer ein Feuer im Ofen und essen mit anderen Gästen an einer langen Tafel im holzgetäfelten Haupthaus, vor dem der vermutlich größte Rosmarin-Strauch der Türkei wächst. Am nächsten Morgen machen wir uns früh auf nach Gökceoeren. 21 Kilometer sind es bis dort, mit einigen Umwegen werden es vielleicht 24. Eine sagenhafte Strecke mit steilen Abstiegen und Aufstiegen, vorbei an Ziegenherden und kleinen Bauerndörfern. Hin und wieder bitten Hirten uns auf eine Tasse Tee ins Haus. Müde stolpern wir ins Ziel.

Unser Gastgeber am Abend ist der Taxifahrer und Bauer Hüsseyin, der spärliche Zimmer vermietet und Lamm in Olivenöl und frische Schafsmilch auftischt. Im Bett, draußen bellen die Hunde, lesen wir Geschichte: Der Lykische Pfad trägt seinen Namen wegen des Volkes der Lykier, von dem die ersten Spuren bis auf Homer zurückgehen, ein Seevolk, das an der Küste zahlreiche Städte baute: Xanthos, Phaselis oder Myra, der Geburtsort des Heiligen Nikolaus. Manche Pfade, über die wir laufen, stammen noch aus dieser Zeit. Später in der Nähe von Kaş werden wir alte Sarkophage der Lykier sehen, die in den Felswänden die Toten bewahrten.

In den nächsten fünf Tagen werden wir weiter staunen: über Felsformationen, die sich rechts und links des Weges erheben, über Schreiadler, Feigenbäume, Jasminsträucher. Es ist sehr schön und sehr anstrengend. Nach einem Abstieg entlang einer Felsklippe an der Küste angekommen, springen wir ins Meer. Wir entscheiden, dass es erst mal genug ist, finden ein Restaurant, das guten Fisch anbietet und machen kleine Wanderungen in die Buchten der Umgebung. Kurz vor Schluss begegnet uns doch noch ein Deutscher, der die ganze Strecke bis nach Antalya laufen will, sechs Wochen ist er unterwegs. Wir zollen Respekt und nehmen den Bus. Vielleicht machen wir es ihm bald nach – dann aber mit viel mehr Zeit.

Wo Wanderer sind, ist auch ein Weg: auf dem Lykischen Pfad