Januar 2000: Noch arbeite ich jeden Tag von morgens 7 Uhr bis abends 7 Uhr in einem Pharma-Unternehmen. Dort habe ich Arzneimittelprüfungen an Patienten zu organisieren – keine Zeit also für irgendwelche Spirenzchen.

Da schickt mich mein Chef zu einem Kundenbesuch gen Düsseldorf. Es stehen Vertragsverhandlungen an. Weil die Sonne so herrlich scheint, fahre ich nicht auf der Autobahn, sondern auf der Landstraße durchs Rheintal. Hier sieht man mehr, und auf Schnelligkeit kommt es mir nicht an: Wiesbaden – Rüdesheim – Assmanshausen ...

Bevor ich nach Lorch komme, muss ich mich besonders auf die Fahrbahn konzentrieren – zu gefährlich ist es, im Rheintal einfach alles fahren zu lassen, das mussten schon die alten Schiffer lernen, als sie dem Gesang der Loreley lauschten!

Was stand da?

Ich muss umdrehen – ein gefährliches Unterfangen auf der Bundesstraße 42, aber es muss einfach sein: Da führt eine niedrige Unterführung unter einem Bahndamm hindurch, und ein Schild weist in Richtung "Camping Suleika – Historischer Freistaat Flaschenhals".

Auf der anderen Seite des Bahndamms halte ich erst mal an und studiere die Landkarte. Im Moment befinde ich mich am Eingang des Bodentals in unmittelbarer Nähe des Rheins – von einem Freistaat keine Spur. Und wieso Flaschenhals?

Ich erinnere mich an meine Idee, alle höchsten Berge eines jeden europäischen Staatsgebildes zu besteigen, warum habe ich von diesem Staat also noch nichts gehört? Spontan verlege ich meinen Termin in Düsseldorf. Stattdessen fahre ich die enge Straße weiter talaufwärts und lande nach 300 Metern beim Empfang des Campingplatzes.

Alles macht einen verschlossenen Eindruck: Außer ein paar unverwüstlichen Dauercampern sind so gut wie keine Campinggäste anwesend, auch das Empfangshaus macht nicht den Eindruck, als sei man auf Gäste eingestellt. Eine Frau schaut vom Balkon herunter: "Kann ich Ihnen helfen?"

Ja, sie kann. Sie bittet mich hereinzukommen und holt ihren Mann, der mir alles erklärt. Frank Sulek ist der Besitzer des Campingplatzes, was auch erklärt, warum der Platz nach Goethes Suleika benannt ist. In der Gaststube hängen die Wände voller Requisiten und Landkarten.

Die zweite Botschaft in Berlin ist bereits in Planung

Herr Sulek nimmt sich viel Zeit. Er ist Mitglied der Lorcher Freistaat-Flaschenhals-Initiative und erklärt mir, dass das, was sich heute wie ein launiger Scherz anhören mag, noch vor nicht einmal 100 Jahren ein einzigartiger Kleinstaat war, entstanden in den Nachwirren des Ersten Weltkriegs. Er existierte vom 10. Januar 1919 bis zum 25. Februar 1923. Wie es dazu kam? Die westlich des Rheins gelegenen Provinzen Deutschlands waren von den alliierten Armeen besetzt. Um auch östlich des Rheins militärisch präsent zu sein, wurden von den Siegermächten mit Zirkelschlag bei Köln, Koblenz und Mainz halbkreisförmige Brückenköpfe mit einem Radius von je 30 Kilometern eingerichtet. Die Linien schnitten den Rhein unmittelbar südlich von Bodental beziehungsweise am Rossstein gegenüber von Oberwesel, liefen dann von beiden Punkten taunuseinwärts, um sich bei Laufenselden fast zu berühren.

Die Besetzung durch alliierte Truppen hatte für die Bevölkerung eine noch eingeschränktere Lebensmittelversorgung zur Folge, da die Soldaten mit verpflegt werden mussten. [...]

Kreise, die sich nicht ganz berühren, hinterlassen einen freien Raum. So geschah es mit den Zirkelschlägen von Koblenz und Mainz. Die Kreise schufen ein unbesetztes Gebiet in Form eines Flaschenhalses. Dieses "freie" Gebiet war nur durch einen schmalen, wenige Hundert Meter breiten Korridor mit dem deutschen Kernland verbunden. Aber nur geografisch! Verkehrstechnisch war der Flaschenhals völlig abgeschnitten, denn es führte damals keine Straße durch den Korridor.

Ob es sich um eine absichtlich eingerichtete Pufferzone oder um einen Vermessungsfehler handelte, lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen. Jedenfalls wählten die Abgeschnittenen der insgesamt zehn betroffenen Orte den Lorcher Bürgermeister Edmund Pnischeck zu ihrem "Präsidenten" – und der rief am 10. Januar 1919 den grotesken "Freistaat Flaschenhals" aus und organisierte eine Eigenverwaltung.

Unter chaotischen Umständen etablierte sich ein Gebilde, begrenzt durch die Brückenköpfe Mainz und Koblenz, den Rhein und das Kontinuum eines mehr oder weniger undurchlässigen Flaschenhalspfropfens zwischen Egenroth und Laufenselden, abgeschnitten von seinen Kreis- und Gerichtsorten, abgeschnitten auch von seiner Bezirks- und Gerichtshauptstadt Wiesbaden. "Verwaltungssitz", Hauptstadt sozusagen, war Lorch. Durch die unterbrochene Verbindung zum unbesetzten Deutschland blühte dort der Schwarzmarkt. Dabei handelte es sich vor allem um Lebensmittel und Heizmaterial, alles, was zum Überleben notwendig war, zudem wurden heimlich Postsendungen befördert. Als Gegenleistung hatte der Flaschenhals Wein anzubieten.

[...]

Der unabhängige Geist der Flaschenhälser lebt heute in der Freistaat-Flaschenhals-Initiative fort, in der auch Herr Sulek Mitglied ist. Sogar eine Botschaft hat die Initiative bereits eröffnet: passend zu ihrem Hauptexportartikel, dem Wein, in einem Lokal in Mainz. Doch die Freistaatler planen eine zweite Botschaft in Berlin! Zur Einweihung wollen sie die Botschafter von Australien bis Zypern einladen.

Herr Sulek gibt auch Reisepässe für 15 Euro aus, mit Gutscheinen für Gasthäuser und Wirtschaften im Flaschenhals! "Beim Besuch im Freistaat darf eine kleine Tour ins Hinterland nicht fehlen", steht da auch. Das bringt mich auf eine Idee: Warum nicht meine Tour zu den Höchsten aller europäischen Staaten hier und heute beginnen? Zusammen mit Herrn Sulek beuge ich mich über Wanderkarten und Messtischblätter. Weiter hinten, dort, wo der Flaschenhals sich nach Nordosten hin verjüngt, muss ich suchen. Zwischen Egenroth und Laufenselden entdecken wir schließlich in einem Waldgebiet mit dem Namen Kemeler Heide einen scheinbar namenlosen Punkt 537 in der Gewann Gesteinteheck. Das ist er.

Dort muss ich hin.

Ich bin froh, dass ich nicht in Düsseldorf beim Kundenbesuch bin. Klinische Prüfungen und Verträge ade! Von meinem viel wichtigeren, spontanen "Termin" mit Herrn Sulek begebe ich mich auf die Fahrt zu Punkt 537. In Lorch biege ich auf die Wispertalstraße ein und von dort bald nach links in das Tal des Tiefenbachs hinein. Durch dichten Wald führt die Straße nach Sauerthal, einem kleinen, versteckten Dorf im engen Talgrund. Hoch über Sauerthal thront stolz die Sauerburg.

Weiter geht die Fahrt über Ransel, Wollmerschied und Lipporn nach Strüth. Mir scheint, ich bin in einem der ärmsten Teile Deutschlands. Die Ortschaften auf der Hochfläche machen einen vernachlässigten, verlassenen, müden Eindruck – nichts bewegt sich mehr in diesem vergessenen Winkel.

[...]

Je weiter ich in den Flaschenhals vordringe, desto enger wird mein Blick: Wie mit Scheuklappen stürme ich meinem Ziel entgegen. Der nächste Ort ist auf ziemlich direktem Weg zu erreichen: Zorn.

Zu Zeiten des Flaschenhalses war es hier so eng, dass es überhaupt keine Verbindungen zu Nachbardörfern gab. Schlagbäume und Verbotsschilder in Deutsch und Französisch versperrten alles. Die Algenrother Kinder, die seit jeher zur Zorner Schule gingen, konnten den Unterricht nicht besuchen. Die Post war über längere Zeit stillgelegt, die Bauern hatten keinen Zugang zu ihren Feldern. Wie alle anderen neutralen Orte wurde Zorn provisorisch dem Landratsamt Limburg unterstellt. Nachts kam es hier zu lebhaftem, geheimnisvollem Tauschverkehr. Das sonst so verträumte Dörfchen blühte zu merkwürdiger Betriebsamkeit auf – von der heute nichts mehr zu spüren ist.

Ich fahre vier Kilometer weiter durch den Wald, überquere die Bundesstraße 260 und falle in den Wald gegenüber ein, in dem die Landesstraße 3031 weiterzieht. Von den "Treibjagd"- Schildern lasse ich mich gar nicht stören. Nach einem Kilometer macht die Straße eine sanfte Rechtskurve, vor der links ein Waldweg abzweigt, in dem ich meinen Dienstwagen abstelle.

Ganze 47 Höhenmeter bis zum Gipfel

Von jetzt ab gerät meine Tour zu einer richtigen Bergbesteigung – ganze 47 Höhenmeter habe ich zu überwinden. Durch den Buchenwald steige ich auf dem nach Nordwesten hin ansteigenden Waldweg bis an dessen höchste Stelle. Von dort schlage ich mich auf der linken Seite durch das Dickicht bis zu einer Freifläche von etwa 50 mal 50 Metern, mit einem Hochsitz im Eck. Das könnte der Gipfel sein. Könnte. Solange mir niemand das Gegenteil beweist, werde ich behaupten, ich sei hier auf dem höchsten Punkt des Flaschenhalses gewesen. In der Kemeler Heide. Kann eine Dienstreise so skurril enden?

Genauso sollen alle meine Fahrten zu den höchsten Punkten Europas und seiner autonomen Gebiete verlaufen: nicht akribisch vorbereitet, mit Aufgeschlossenheit gegenüber allem, was ich entlang des Weges sehe, und wenn ich auf Geheimnisse und Rätsel stoße, will ich gleich an Ort und Stelle geeignete Leute fragen oder nach meiner Rückkehr vom Schreibtisch aus nachforschen.

Das ist also das Resultat meines ersten Gipfelversuchs. Ich pfeife auf die Dienstreise, ja sogar auf die ganze Arbeitsstelle und erkläre meinem Chef, dass ich ihn höherer Ziele wegen verlassen und mich nach 28 Jahren Fron in der Pharmaindustrie in den Vorruhestand absetzen werde. Ganz unpassend scheint ihm das nicht gekommen zu sein: "Hm", war seine einzige Reaktion.

Auf geht’s! Die wahre Reise meines Lebens kann endlich beginnen.