Es war Jakob Kreidls letzte wichtige Amtshandlung. Kurz bevor der Miesbacher CSU-Landrat – bei der bayerischen Kommunalwahl im März nach diversen Affären abgewählt – sein Amtszimmer räumen musste, gab er Anfang April noch grünes Licht für ein umstrittenes Projekt: die Modernisierung des Sudelfelds, eines der ältesten und größten deutschen Skigebiete. Auch ein riesiger Speichersee für die geplante, vollautomatische Beschneiungsanlage soll angelegt werden.

Die Tinte unter der Genehmigung war noch nicht trocken, da rollten schon die Bagger an und verwandelten einen Teil des Oberen Sudelfelds in eine Mondlandschaft. "Die Zeit drängt", sagt Harald Gmeiner, der Tourismuschef von Bayrischzell und einer der vehementesten Verfechter des Großprojekts, das in den kommenden 30 Jahren den Wintertourismus sichern soll und damit eine der wichtigsten Einnahmequellen des traditionsreichen Urlaubsorts. Dem Klimawandel zum Trotz.

Schon zur Wintersaison soll ein Teil der neuen Anlagen in Betrieb gehen. Schließlich will man nicht noch einmal eine solche Pleite erleben wie in diesem Jahr. Der lauwarme, extrem schneearme Winter brachte den Liftbetreibern des Sudelfelds ein Umsatzminus von 45 Prozent. Bereits durchgängig beschneite Skigebiete auf vergleichbarer Höhe seien noch mit einem blauen Auge davongekommen oder hätten sogar ihren Umsatz gesteigert, sagt Gmeiner, etwa die Steinplatte in den Chiemgauer Alpen. "Die hatten zehn Prozent mehr, trotz Rekordwärme."

Seit vor ein paar Jahren erste Pläne zum Ausbau des Sudelfelds bekannt geworden waren, laufen Naturschützer allerdings Sturm gegen das Vorhaben. Mit dem Großprojekt vor den Toren Münchens – Investitionssumme bis zu 25 Millionen Euro – sehen sie eine "rote Linie" überschritten. Für Hubert Weiger, den Chef des einflussreichen Bund Naturschutz (BN), ist der Sudelfeld-Ausbau der "bisherige Höhepunkt der Zerstörung und Hinrichtung der Alpen".

Gleich vier Naturschutzorganisationen wollen das Projekt mit einer Klage doch noch zu Fall bringen oder zumindest einen Baustopp erreichen. In diesen Tagen entscheidet das Münchner Verwaltungsgericht. Unter den Klägern ist erstmals auch der mächtige Deutsche Alpenverein, der neben seiner Rolle als Bergsportverein eine anerkannte Naturschutzorganisation ist. "Was dort passiert, geht über alle hierzulande bekannten Dimensionen hinaus und hat Signalwirkung für die gesamte Region", sagt dessen Vizepräsident Philipp Sausmikat. "Es ist wichtig, ein klares Zeichen zu setzen. Ein Zeichen gegen umweltschädlichen, teuren und nur kurzfristig wirksamen Aktionismus." Nach Meinung der Umweltverbände hätte Ex-Landrat Jakob Kreidl einen solch massiven Bau in einem gültigen Landschaftsschutzgebiet nicht einfach per Bescheid durchwinken können, sondern hätte den Kreistag mit einbeziehen müssen.

Einer Studie zufolge, die der Alpenverein in Auftrag gegeben hat, haben die meisten bayerischen Skigebiete keine Chance, das nächste Vierteljahrhundert zu überleben. Künstliche Beschneiung könne nur eine Übergangslösung sein, um Zeit für neue Tourismuskonzepte zu gewinnen, schreiben die Autoren. Und je wärmer es werde, je mehr Schnee erzeugt werden müsse, umso gravierender seien die Folgen für den Naturhaushalt, etwa wegen der benötigten Wassermengen oder des gigantischen Energieverbrauchs für die Schneekanonen-Armada.