Wie jeder weiß, gibt es eine Fernsehserie, die Der Bergdoktor heißt, auch wenn es jeder zweite Kommentator unter diesem Text bestreiten wird. Die Serie spielt am Wilden Kaiser in Tirol. Und wenn man den Bildern glaubt, die darin gezeigt werden, strahlt in der Region die Sonne wie Hansi Hinterseer auf Dope, und die Berge sehen aus wie von Bob Ross gemalt. Es ist so schön am Wilden Kaiser, dass man entweder geblendet und überzuckert abschalten muss oder nicht aufhören kann hinzustarren.

Die Deutsche Presse-Agentur berichtet über einen "riesigen Fan-Rummel" am Drehort und den "gigantischen Werbefaktor" der Serie für die Region. Aber was bedeutet Der Bergdoktor tatsächlich für den Tourismus am Wilden Kaiser? Lukas Krösslhuber, der Geschäftsführer des Tourismusverbands Wilder Kaiser, sagte der dpa: "Die Serie wird im Winter ausgestrahlt, wenn die Menschen ihren Sommerurlaub planen. Das ist für uns natürlich ideal."

Gibt es also einen Fernsehserieneffekt für den Tourismus, einen Werbeeffekt für eine Region durch Fiktion? Und wenn ja, ist er messbar?

Gibt es einen Schwarzwaldklinik-Effekt?

Die Schwarzwaldklinik, eine andere Schnapspralinenserie neben dem Bergdoktor, ist schon deshalb ein Höhepunkt der deutschen Fernsehgeschichte, weil sie quasi unschlagbare Einschaltquoten hatte: Im Schnitt rund 24 Millionen Zuschauer saßen regelmäßig vor den Fernsehgeräten. Der Bergdoktor wirkt dagegen wie ein Nischenprogramm mit seinen fünf bis sieben Millionen pro Folge, allerdings gehört eine solche Quote heute zu den besten.

Der sogenannte Schwarzwaldklinik-Effekt existiert tatsächlich. Die ZDF-Serie bescherte der Region, in der die Serie gedreht wurde, dem Glottertal, von 1985 an "einen enormen Imagegewinn und einen Bekanntheitsgrad, der durch keine noch so teure Werbeaktion hätte erreicht werden können", wie Andrea Würzburger aus dem Glottertaler Tourismusbüro sagt. 

Touristen fotografieren 2011 den Drehort der ZDF-Serie "Die Schwarzwaldklinik". © Rolf Haid dpa/lsw

In Zahlen: Die Schwarzwaldklinik wurde von Herbst 1985 an ausgestrahlt. Die Zahl der Übernachtungen im Glottertal stieg nach Informationen des Tourismusbüros zwischen 1984 und 1986 von 93.000 auf 110.000. Zum Ende der Serie, 1989, verzeichnete das Tal 123.000 Übernachtungen.

Allerdings lag die Übernachtungszahl auch 1980 schon einmal bei 109.000, bevor sie bis 1984 fiel. Dazwischen lag der Beginn der Debatte über das Waldsterben, die 1981 mit einer Spiegel-Titelgeschichte Fahrt aufnahm. Andrea Würzburger sagt über die Schwarzwaldklinik: "Die Serie kam damals wohl zur rechten Zeit. In den Medien war von Baumsterben und toten Wäldern die Rede, und jetzt sieht man heile Welt, intakte Landschaft und dazu schöne Menschen im Fernsehen."

1991 übrigens waren es 128.000 Übernachtungen: der Wiedervereinigungseffekt. Von 1994 an gingen die Zahlen wieder zurück.

Gibt es einen Bergdoktor-Effekt?

Wohl schon. Der Bergdoktor-Effekt für den Tourismus zeigt sich aber ein wenig anders. Lukas Krösslhuber vom Tourismusverband Wilder Kaiser sagt, wenn gesonderte Veranstaltungswochen für Fans angeboten würden, sei der Anstieg der Bettenbuchungen eindeutig; über das ganze Jahr betrachtet könne man allerdings nicht von einem kausalen Zusammenhang zwischen Serie und Übernachtungszahlen sprechen. "Da spielen viele andere Faktoren mit rein, der Schneefall zum Beispiel." Im Winter habe man konstant Übernachtungen etwa zwischen 950.000 und einer Million. Im Sommer seien es derzeit etwa 850.000 Übernachtungen.

Die Zahlen würden nach einem Knick in den späten Neunzigern seit etwa 2005 steigen, Der Bergdoktor wird aber erst seit 2008 ausgestrahlt (wobei es in den neunziger Jahren schon einmal eine gleichnamige Serie bei Sat.1 gab). Krösslhuber sagt, er führe die Steigerung eher auf den Trend zum Nahurlaub und den Ausbau der Infrastruktur zurück.

In absoluten Zahlen lässt sich demnach kein klarer Zusammenhang ausmachen. Wohl aber in Marktanteilen: Im Frühjahr 2013, als das ZDF die damalige Staffel nicht – wie der ORF in Österreich – von Januar bis April zeigte, sondern erst im November und Dezember, habe der Wilde Kaiser gegenüber den konkurrierenden Tourismusgebieten der Region an Marktanteilen verloren, Krösslhuber spricht von 2,8 Prozent. Für das Jahr 2014 dagegen, in dem die Bergdoktor-Staffel wie gewohnt im Januar startete, erwarte er ein Wachstum von vier bis sechs Prozent.

Gibt es einen Bulle-von-Tölz-Effekt?

Vermutlich. Ja, sagt jedenfalls Klaus Pelikan, der persönliche Referent des Bürgermeisters von Bad Tölz. Aber er sei mit Zahlen nicht eindeutig zu belegen. Das liege daran, dass der Start der Sat.1-Serie Der Bulle von Tölz 1995 und die Gesundheitsreform, bei der Leistungskürzungen bei Kuren beschlossen wurden, zeitlich etwa zusammengefallen seien. Für Kurorte habe das "allgemein starke Einbußen" bedeutet, "aber durch die Serie ist der Bekanntheitsgrad der Stadt noch gestiegen."

Gibt es einen Tiere-bis-unters-Dach-Effekt?

Nein. Die ARD-Familienserie Tiere bis unters Dach wird, wie Die Schwarzwaldklinik, im Glottertal gedreht. Hier, sagt Andrea Würzburger vom Tourismusbüro, "spüren wir keine Auswirkungen auf die Übernachtungszahlen." Wir halten fest: Wenn die Serie bekannt ist, ist es für den Tourismus dann vielleicht schon besser.

Gibt es einen Breaking-Bad-Effekt?

Dass der Drehorttourismus nicht nur von Menschen betrieben wird, denen man üble Dinge wie Bügeln, Kreuzworträtsel und Lockenwickeln beim Fernsehen nachsagt, sieht man in Albuquerque in New Mexico, wo die Serie Breaking Bad gedreht wurde. Sie trug Albuquerque überhaupt erst in die geistige Landkarte vieler Zuschauer ein. Sie lief in den USA von 2008 bis 2013. Im Jahr 2012 gab es in New Mexico 32 Millionen Übernachtungen, die "höchsten Zahlen aller Zeiten", jubelte man in Albuquerque. Der Zusammenhang mit Breaking Bad ist nicht eindeutig: Auch 2008 waren es bereits einmal 31,4 Millionen. Die Berichte einzelner Dienstleistungsanbieter deuten aber darauf hin, dass sich viele Touristen durchaus speziell für die Stadt als Breaking Bad-Drehort interessieren. José Rivera, der Manager des Imbisses Twisters – dem Drehort der fiktiven Hähnchenbraterei Los Pollos Hermanos – wird in verschiedenen US-Medien zitiert, täglich kämen 30 bis 40 Fans aus aller Welt vorbei. Macht knapp 1.000 mehr Gäste pro Monat.