Französische AtlantikküsteBadeurlaub zwischen Baggern

Das Meer nagt an Frankreichs Atlantikküste: Strände verschwinden im Wasser, Feriendomizile sind einsturzgefährdet. Der Kampf um den Strand gleicht einer Sisyphosarbeit. von Michael Neubauer

Stürme wie dieser an der französischen Atlantikküste sorgen dafür, dass das Land zurückgedrängt wird.

Stürme wie dieser an der französischen Atlantikküste sorgen dafür, dass das Land zurückgedrängt wird.  |  © Pascal Rossignol/Reuters

Meeresrauschen mischt sich mit Baggerlärm. Lkw karren große Kalksteine an den Strand. Wenn die Steine auf die Düne fallen, bebt die Erde. Oben, am Rand der Düne, steht Pierre-Gilles Sauvaget und beobachtet die Bauarbeiten. "Wir haben im Winter über zehn Meter Land an das Meer verloren", sagt der Campingplatzchef. Jetzt entsteht unten am Strand ein Schutzwall.

"Mit den Füßen im Wasser", damit wirbt die Vier-Sterne-Camping-Kette Sandaya in der Nähe des französischen Badestädtchens Soulac-sur-Mer am Atlantik. Doch in diesem Winter hat das Motto einen bitteren Beigeschmack bekommen. Die Stürme und Wellen waren im Dezember und Januar außergewöhnlich heftig. Sauvaget stand auf seinem Zeltplatz und musste zusehen, wie das Wasser Meter für Meter Land abtrug. Tonnenweise ließ er Sand herankarren und an die Küste schütten – wohlwissend, dass das wenig hilft gegen die Wucht der meterhohen Wellen. Sauvaget ist gebürtiger Bretone, er kennt das Meer. Doch so kraftvoll wie in diesem Winter hat er es noch nie erlebt.  

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Frankreichs Region Aquitaine lockt Jahr für Jahr zahlreiche Urlauber mit Sandstränden und Dünen auf einer Länge von 238 Kilometern. Doch wenn in diesen Wochen die Touristen zu den Campingplätzen zurückkehren, werden sie manches verändert vorfinden. Vielerorts stehen Strandhütten bis zur Hälfte im Nichts, ihnen wurde buchstäblich der Boden weggezogen. Manche Stege und Wege zum Strand sind verschwunden, sanft zum Meer verlaufende Dünen zu abrupt abbrechenden, gefährlichen Sandwänden geworden, aus denen abgerissene Kabel, Plastikwasserrohre und Baumwurzeln gespenstisch ins Nichts ragen. Nur im Juli und August werden die Bagger bei Soulac-sur-Mer Pause machen – damit sie zur Hauptbadesaison die Badegäste nicht nerven.

Sauvaget deutet hinaus aufs Meer zu einigen schwarzen Punkten, rund hundert Meter entfernt. "Das sind die Bunker, die die Deutschen einst in der Düne gebaut haben." Längst sind die Betonkolosse aus dem Krieg im Meer versunken. Doch bei Ebbe werden sie zum Zeichen dafür, dass das Meer sich stetig Land einverleibt.

Dämme bringen Bewegung des Meeres aus dem Gleichgewicht

Erosion ist ein natürliches Phänomen, 50 Prozent der französischen Küsten sind davon betroffen. Steilküsten brechen ab, Stürme, Überschwemmungen und Wellen nehmen Sand mit – und bringen ihn zum Teil im Frühling und Sommer wieder zurück. In der Aquitaine weicht das Land jährlich durchschnittlich einen bis drei Meter zurück – an manchen Stellen bis zu zehn Meter.

Doch auch der Mensch hat Schuld an dem Landverlust. Der Badetourismus, das Errichten von Dämmen, Wellenbrechern und Häfen bringt die natürlichen Bewegungen von Sand und Geröll durch die Meeresströmungen aus dem Gleichgewicht. Gleichzeitig verhindern Staudämme im Hinterland, dass mit den Flüssen neues Gestein aus den Bergen ins Meer gelangt. Die Folge: Das Meer holt sich das im Sedimentkreislauf fehlende Material von den Stränden. Auch die Klimaerwärmung spielt eine Rolle: Die Stürme werden stärker, der Meeresspiegel steigt an.

Dass Frankreich schrumpft, sieht man auch auf der Strandpromenade von Soulac. Dort steht ein Geisterhaus: Le Signal heißt das fünfstöckige Wohnhaus. Alle 78 Besitzer mussten ihre Wohnungen oder Ferienresidenzen verlassen. Le Signal ist einsturzgefährdet. An einem Fenster hat jemand mit weißer Farbe in großen Lettern Schimpftiraden gegen den Bürgermeister geschrieben. 

Leserkommentare
  1. Küstenschutz ist eine fürchterlich zweischneidige Angelegenheit - was ein Bauwerk schützt, erhöht leicht den Wasserdruck an anderer Stelle und sorgt dadurch für dessen Zerstörung. Damit haben schon die Nordfriesen vor langer Zeit sehr böse Erfahrungen gemacht - zusammen mit großflächigem Torfabbau hat planloser Küstenschutz dem voranrückenden "Blanken Hans" den Boden bereitet... Was man auch nicht vergessen darf: wenn man einen Damm baut, staut sich dahinter das Wasser, und wenn der Damm bricht, hat es danach ein Vielfaches der Kraft, die es gehabt hätte, wenn es einfach nur langsam über die Wiesen gestiegen wäre, wie das zum Beispiel auf Halligen passiert. Wehlen, die oft Dutzende Meter durchmessenden Kolke hinter alten Deichbrüchen, geben einen Eindruck von der Gewalt, die das Wasser dann erreicht.

    Eine Leserempfehlung
  2. Den Klimawandel GIBT ES GAR NICHT !!!

    (sagen zumindest gläubige Republikaner)

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    • spacko
    • 18. Juni 2014 13:36 Uhr

    Zum Klimawandel steht im Artikel nur ein dünnes Sätzchen, der ist wohl nicht die Hauptursache. Republikaner?
    Aber die Gelegenheit, Ihr Weltbild prägnant zu umreissen haben Sie ganz fein genutzt - Artikelthema hin, Artikelthema her.

  3. Die sagen:

    "Ich habe keine Ahnung wovon ich rede, aber ..."
    (den Klimawandel gibt es nicht.)

    Siehe auch:
    http://nymag.com/daily/in...

    • spacko
    • 18. Juni 2014 13:36 Uhr

    Zum Klimawandel steht im Artikel nur ein dünnes Sätzchen, der ist wohl nicht die Hauptursache. Republikaner?
    Aber die Gelegenheit, Ihr Weltbild prägnant zu umreissen haben Sie ganz fein genutzt - Artikelthema hin, Artikelthema her.

    Antwort auf "Seid unbesorgt !"
  4. ...und er kommt von den Sonnenflecken!

    • nitric
    • 18. Juni 2014 15:23 Uhr

    Vielleicht sollten die Holländer zu Rate gezogen werden… die kämpfen schon seit ihrer Staatsgründung gegen das Meer und es gibt sie immer noch! ;)

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    ... die niederländische, und speziell die holländische Küste (also von Hoek van Holland nordostwärts bis Den Helder) wird derzeit sehr intensiv "ertüchtigt". Im Artikel wird ja "Aufspülen von Sand" erwähnt - in Holland wird das Problem mit Sand aus dem Meer gelöst, der im Abstand von bis etwa 1 Kilometer von der Wasserkante aus dem dort immer noch flachen Wasser abgesaugt und mit langen Rohrleitungen auf die Strände gespült wird (winters, wenn die Strände nicht sonderlich besucht / begangen sind). Dabei entsteht einerseits ein etwa 200 m breiterer Flutstrand, andererseits hat man stellenweise eine weitere, strandseitige Dünenreihe vor die bestehenden Dünen "gebaut".
    Billig ist das alles nicht, aber in Holland zahlt auch jeder Einwohner einen pro Person eher bescheidenen jährlichen Beitrag zur Wasserwehr.
    Wen ein interessantes weiteres Projekt in der Gegend interessiert, kann hier nachsehen:
    http://www.dezandmotor.nl...

  5. ... die niederländische, und speziell die holländische Küste (also von Hoek van Holland nordostwärts bis Den Helder) wird derzeit sehr intensiv "ertüchtigt". Im Artikel wird ja "Aufspülen von Sand" erwähnt - in Holland wird das Problem mit Sand aus dem Meer gelöst, der im Abstand von bis etwa 1 Kilometer von der Wasserkante aus dem dort immer noch flachen Wasser abgesaugt und mit langen Rohrleitungen auf die Strände gespült wird (winters, wenn die Strände nicht sonderlich besucht / begangen sind). Dabei entsteht einerseits ein etwa 200 m breiterer Flutstrand, andererseits hat man stellenweise eine weitere, strandseitige Dünenreihe vor die bestehenden Dünen "gebaut".
    Billig ist das alles nicht, aber in Holland zahlt auch jeder Einwohner einen pro Person eher bescheidenen jährlichen Beitrag zur Wasserwehr.
    Wen ein interessantes weiteres Projekt in der Gegend interessiert, kann hier nachsehen:
    http://www.dezandmotor.nl...

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    - die Niederländer haben auch den Bewohnern der deutschen Nordseeküste schon mehr als einmal den Hals gerettet, und es kam immer wieder gute Technik von dort, von Deichbau bis Sperrwerken. - Bei letzteren ist allerdings die Technik nicht immer nach dem besten Stand übernommen worde, das Eidersperrwerk, zum Beispiel, hatte von Anfang an Probleme mit extremen Auskolkungen und unterdimensioniertem Stahlbeton. So etwas wird schnell zum Millionengrab - genauso wie die Sandaufspülungen auf Sylt jedes Jahr - das dürfte leider in Frankreich ähnlich laufen. Mit Stein - und Betonbefestigungen als Dünenschutz wie auf dem Bild auf der zweitenSeite hat man dort sehr schlechte Erfahrungen gemacht, das sinkt ein und befördert Kolke.
    - Gerade das Meer ist ein Teil der Natur, der uns Menschen immer wieder zeigt, dass er stärker ist, Klimawandel hin oder her - und wenn man technisch überhaupt etwas tun kann, muss man es sehr gut berechnen und konsequent durchziehen, sonst geht der Schuss bös nach hinten los.

  6. - die Niederländer haben auch den Bewohnern der deutschen Nordseeküste schon mehr als einmal den Hals gerettet, und es kam immer wieder gute Technik von dort, von Deichbau bis Sperrwerken. - Bei letzteren ist allerdings die Technik nicht immer nach dem besten Stand übernommen worde, das Eidersperrwerk, zum Beispiel, hatte von Anfang an Probleme mit extremen Auskolkungen und unterdimensioniertem Stahlbeton. So etwas wird schnell zum Millionengrab - genauso wie die Sandaufspülungen auf Sylt jedes Jahr - das dürfte leider in Frankreich ähnlich laufen. Mit Stein - und Betonbefestigungen als Dünenschutz wie auf dem Bild auf der zweitenSeite hat man dort sehr schlechte Erfahrungen gemacht, das sinkt ein und befördert Kolke.
    - Gerade das Meer ist ein Teil der Natur, der uns Menschen immer wieder zeigt, dass er stärker ist, Klimawandel hin oder her - und wenn man technisch überhaupt etwas tun kann, muss man es sehr gut berechnen und konsequent durchziehen, sonst geht der Schuss bös nach hinten los.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Atlantik | Frankreich | Klimawandel | Meeresspiegel | Badeurlaub | Campingplatz
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