Meeresrauschen mischt sich mit Baggerlärm. Lkw karren große Kalksteine an den Strand. Wenn die Steine auf die Düne fallen, bebt die Erde. Oben, am Rand der Düne, steht Pierre-Gilles Sauvaget und beobachtet die Bauarbeiten. "Wir haben im Winter über zehn Meter Land an das Meer verloren", sagt der Campingplatzchef. Jetzt entsteht unten am Strand ein Schutzwall.

"Mit den Füßen im Wasser", damit wirbt die Vier-Sterne-Camping-Kette Sandaya in der Nähe des französischen Badestädtchens Soulac-sur-Mer am Atlantik. Doch in diesem Winter hat das Motto einen bitteren Beigeschmack bekommen. Die Stürme und Wellen waren im Dezember und Januar außergewöhnlich heftig. Sauvaget stand auf seinem Zeltplatz und musste zusehen, wie das Wasser Meter für Meter Land abtrug. Tonnenweise ließ er Sand herankarren und an die Küste schütten – wohlwissend, dass das wenig hilft gegen die Wucht der meterhohen Wellen. Sauvaget ist gebürtiger Bretone, er kennt das Meer. Doch so kraftvoll wie in diesem Winter hat er es noch nie erlebt.  

Frankreichs Region Aquitaine lockt Jahr für Jahr zahlreiche Urlauber mit Sandstränden und Dünen auf einer Länge von 238 Kilometern. Doch wenn in diesen Wochen die Touristen zu den Campingplätzen zurückkehren, werden sie manches verändert vorfinden. Vielerorts stehen Strandhütten bis zur Hälfte im Nichts, ihnen wurde buchstäblich der Boden weggezogen. Manche Stege und Wege zum Strand sind verschwunden, sanft zum Meer verlaufende Dünen zu abrupt abbrechenden, gefährlichen Sandwänden geworden, aus denen abgerissene Kabel, Plastikwasserrohre und Baumwurzeln gespenstisch ins Nichts ragen. Nur im Juli und August werden die Bagger bei Soulac-sur-Mer Pause machen – damit sie zur Hauptbadesaison die Badegäste nicht nerven.

Sauvaget deutet hinaus aufs Meer zu einigen schwarzen Punkten, rund hundert Meter entfernt. "Das sind die Bunker, die die Deutschen einst in der Düne gebaut haben." Längst sind die Betonkolosse aus dem Krieg im Meer versunken. Doch bei Ebbe werden sie zum Zeichen dafür, dass das Meer sich stetig Land einverleibt.

Dämme bringen Bewegung des Meeres aus dem Gleichgewicht

Erosion ist ein natürliches Phänomen, 50 Prozent der französischen Küsten sind davon betroffen. Steilküsten brechen ab, Stürme, Überschwemmungen und Wellen nehmen Sand mit – und bringen ihn zum Teil im Frühling und Sommer wieder zurück. In der Aquitaine weicht das Land jährlich durchschnittlich einen bis drei Meter zurück – an manchen Stellen bis zu zehn Meter.

Doch auch der Mensch hat Schuld an dem Landverlust. Der Badetourismus, das Errichten von Dämmen, Wellenbrechern und Häfen bringt die natürlichen Bewegungen von Sand und Geröll durch die Meeresströmungen aus dem Gleichgewicht. Gleichzeitig verhindern Staudämme im Hinterland, dass mit den Flüssen neues Gestein aus den Bergen ins Meer gelangt. Die Folge: Das Meer holt sich das im Sedimentkreislauf fehlende Material von den Stränden. Auch die Klimaerwärmung spielt eine Rolle: Die Stürme werden stärker, der Meeresspiegel steigt an.

Dass Frankreich schrumpft, sieht man auch auf der Strandpromenade von Soulac. Dort steht ein Geisterhaus: Le Signal heißt das fünfstöckige Wohnhaus. Alle 78 Besitzer mussten ihre Wohnungen oder Ferienresidenzen verlassen. Le Signal ist einsturzgefährdet. An einem Fenster hat jemand mit weißer Farbe in großen Lettern Schimpftiraden gegen den Bürgermeister geschrieben.