ReisekatalogeBlauer wird's nicht

Reisekataloge enthalten Sehnsuchtsprosa: Sie wären in der Lage, einen Mario-Barth-Auftritt als exklusives Kulturereignis zu preisen. Und wir wären bereit, es zu glauben. von Katrin Weber-Klüver

Reisekataloge: Blauer wird's nicht

So blau ist Belek: Blick in einen Katalog von Thomas Cook, 2011.  |  © Andreas Thomas/Thomas Cook/dpa-Bildfunk

Ach, schön: traditionsreicher Badeort … charmantes Hotel, dem Stil des historischen Kurhauses nachempfunden … ruhige, aber zentrale Lage ... Doppelzimmer zur Meerseite … berühmt für seine kilometerlangen Strände … südländischer Charme auf der Promenade …

Neckermann macht's möglich. Und Tui. Und Ameropa. Und Dertour. Und all die anderen. Und alle drucken sie, Internet hin, Internet her, für jede Saison und jedes Ziel: Kataloge.

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Der Reisekatalog führt keinen Dialog, er monologisiert. Er erzählt und zeigt Bilder, und sein Kunde blättert und liest und schaut – und träumt. Denn darum geht es: um Verführung. Die einen wollen verführen, schließlich wollen sie Reisen verkaufen, die anderen wollen verführt werden, schließlich sind sie urlaubsreif.

Der Katalog muss seinem Leser etwas zeigen und erzählen, was der hören möchte. Vielleicht sogar etwas, von dem der Leser auf der Suche nach dem Sehnsuchtsort für seinen Jahresurlaub noch gar nicht wusste, dass er genau das sehen und hören wollte, aber nun, nun weiß er es.

Beide Seiten kennen die Voraussetzungen dieses Spiels. Die eine Seite biegt gelegentlich die Wahrheit ein bisschen, und die andere Seite lässt sich nur zu gern beschummeln. Nun, natürlich ist der Kunde zunächst mal kritisch. Schon aus Prinzip. Meerseite – das bedeutet ja bestimmt: Sehen kann man das Wasser nicht. Charmant – steht todsicher mindestens für heruntergekommen. Und ist das Hotel nur durch eine Straße vom Meer getrennt, nun, dann handelt es sich vermutlich nicht um eine romantische Promenade, sondern um eine achtspurige Autobahn. Na, danke schön.

Der urlaubsreife Mensch ist schwach

Aber wenn auch ein jeder um die Schlechtheit der Welt überhaupt und der Werbung insbesondere weiß, der Wille ist schwach beim erschöpften Menschen. Und sein Wille zur Gutgläubigkeit sprießt umso mehr, je mehr er sich nach Urlaub sehnt.

Der Mensch ist periodisch urlaubsreif. Ausgelaugt von was auch immer, das der Alltag ihm abverlangt. Und wider besseres Wissen ist der urlaubsreife Mensch auch bereit für die Illusion von diesem kleinen reizenden Fischerdorf ohne Touristenströme, mit dem fantastisch endlosen Strand und dem schnuckeligen Hafenrestaurant mit regionalen Spezialitäten, und sonst sind überhaupt keine Urlauber da, aber trotzdem sprechen alle Einheimischen, die im Übrigen total nett sind, Deutsch, und wenngleich der Ort in abgeschiedener Idylle liegt, gibt es einen reibungslosen Transfer zum Flughafen, und man wird von niemandem übers Ohr gehauen und es regnet nie, aber es ist auch nicht mörderheiß.

Reisekataloge, TUI

Blauer als auf dem Foto des Reiseveranstalters TUI wird eine Familienreise mit Hund nicht.  |  © TUI Deutschland GmbH

Man kann mit eigenen Augen und Ohren erlebt haben, wie Benidorm, Ballermann und Belek wirklich sind, man kann aus eigener Anschauung wissen, dass ein Ort mit dem verträumten Namen Mimizan Plage keine Oase am Atlantik ist, die nur ein paar coole Franzosen auf dem Schirm haben, sondern ein Hotspot, den die halbe Nachbarschaft aus dem Berliner Kiez oder der badischen Reihenhaussiedlung kennt.

Jeder, der je an einem, der Katalog würde an dieser Stelle sagen: traditionsreichen Sommerurlaubsort war, weiß das alles. Aber es ist eine so schöne Vorstellung beim Blättern durch all die Offerten, dass aus einer dieser Verführungen wirklich eine Sommerromanze werden könnte. Oder einfach ein harmonischer Familienurlaub. Ach, einmal wenigstens.

Freundliche Atmosphäre … Juniorsuiten mit Meerblick … Schwimmbad für Kinder … Süßwasserpool und Sonnenterrasse … Und nicht zu vergessen die Aura des Ortes: Blick über den Atlantik … idyllische Lage … zentral an der Uferpromenade … auf einem Felsen mit Aussicht…

Nun ist allerdings die euphemistische Beschreibung von Hotellagen und Ausblicken für jeden Katalog eine Herausforderung, weil jeder halbwegs im 21. Jahrhundert angekommene Urlauber mit Katalogaffinität doch auch Google Maps kennt. Und ebendort herausfinden kann, dass die idyllische Abgeschiedenheit einer tunesischen Hotelanlage sich auch als Ödnis am Arsch der Welt beschreiben ließe und die dazugehörige Meerlage nicht unbedingt bedeutet, dass dieses Meer direkt zugänglich ist. Schade, sah so schön aus, diese Andeutung endlosen Blaus im Hintergrund der hoteleigenen Gärten. Blau ist ja sowieso die Farbe eines jeden Reisekatalogs. Blauer Himmel, blaues Meer, blaue Pools. Immer unter einer fürsorglich strahlenden Sonne.

Leserkommentare
  1. Passend hierzu, der extra dafür eingerichtete "Touristische Dolmetscher-Dienst": http://youtu.be/7_i7UHjrj...

  2. Sollte es nicht heissen "wider besseren Wissens"?

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    Redaktion

    "Sollte es nicht heissen 'wider besseren Wissens'?" Meines Wissens nicht.

  3. Redaktion

    "Sollte es nicht heissen 'wider besseren Wissens'?" Meines Wissens nicht.

    Antwort auf "Wider besseres Wissen"
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    Beliebte Fehler: wider besseren Wissens / wider besseres Wissen

    Falsch: wider besseren Wissens
    Richtig: wider besseres Wissen

    Erklärung:

    Die Präposition wider steht synonym zu „gegen“ und wird entsprechend mit dem Akkusativ verbunden (und nicht mit dem Genitiv oder Dativ): Es heißt also richtig „wider besseres Wissen“, „wider alles Erwarten“, „wider seinen ausdrücklichen Wunsch“.

    Zugegeben ich musste es selber suchen :)

  4. ... wenn man noch nie einen dieser Kataloge in der Hand gehabt und sämtliche Urlaube selbst nach den eigenen Kriterien geplant und bei selbst ausgesuchten Gastgebern, von denen viele zu Freunden wurden, verbracht hat.

    Eine Leserempfehlung
    • hh59
    • 17. Juni 2014 12:24 Uhr

    Schade, dass hier zwar google maps namentlich erwaehnt wird, aber ansonsten das Internet mit seinen Kommentaren nur etwas unkonkret referenziert wird. Deshalb hier mal explizit:

    tripadvisor.de

    Gibt auch andere, aber diese hier ist international Marktfuehrer und man findet Bewertungen, Kommentare und Photos von Gaesten zu so ziemlich jedem Hotel, Dorf, Restaurant, Strand etc. an dem schon mal mehr als 10 Touristen waren. Sehr hilfreich.

  5. Beliebte Fehler: wider besseren Wissens / wider besseres Wissen

    Falsch: wider besseren Wissens
    Richtig: wider besseres Wissen

    Erklärung:

    Die Präposition wider steht synonym zu „gegen“ und wird entsprechend mit dem Akkusativ verbunden (und nicht mit dem Genitiv oder Dativ): Es heißt also richtig „wider besseres Wissen“, „wider alles Erwarten“, „wider seinen ausdrücklichen Wunsch“.

    Zugegeben ich musste es selber suchen :)

    Antwort auf "Wider besseres Wissen"
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    weiss ich es besser.

  6. 7. Jetzt

    weiss ich es besser.

    Antwort auf "Ist aber so :)"
    • malox
    • 17. Juni 2014 16:41 Uhr
    8. [...]

    Entfernt. Doppelposting. Die Redaktion/sam

    Eine Leserempfehlung

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