Es gibt mehr Made in Bielefeld, als man denkt. Aus der Universitätsstadt am Teutoburger Wald kommen der Miele-Staubsauger, der Dr.-Oetker-Pudding und das Mondscheinkino. Dazu ein paar Superlative: die größte deutsche Hostienbäckerei. Die größte deutsche Strandkorb-Fabrik. Eines der ältesten Meinungsforschungsinstitute. Nur Außenstehende, die nach Bielefeld wollen, gibt es selten. Nach Bielefeld kommt man entweder, weil man aus der Region kommt, oder über die Stiftung für Hochschulzulassung, die Studienorte an junge Leute verteilt, früher bekannt als ZVS.

Die meisten Leute kommen lieber gar nicht. Nicht, weil Bielefelds Ruf so schlecht wäre. Sondern eher, weil Bielefeld eigentlich überhaupt keinen Ruf hat. Eine Studentengruppe hat dieses Phänomen in den 1990ern satirisch auf die Spitze getrieben: Sie bestritt, dass Bielefeld überhaupt existiert. Dieses Jahr wird die schweigsame unter den großen deutschen Städten nun 800 Jahre alt. Die Stadt hat 330.000 Einwohner. Sie essen Pickert. Sie bauen selbstlos Strandkörbe für Nordseeurlauber. Und im Grunde leben sie gerne dort. Wir sind am Wochenende auch mal hingefahren. Und sind innerhalb kurzer Zeit warm geworden.

1. Café Moccaklatsch

Wie viele Cafés in Bielefeld ist auch das Moccaklatsch ein Schaufensterkaffee. Mit bestem Blick auf das Straßentreiben treffen sich hier Westfalen und Zugereiste, um zu entspannen und Energie zu tanken. Je später es wird, desto voller wird es in und vor den Cafés und Kneipen in der Arndtstraße. Mit Jazzmusik im Ohr, dem Duft von frischem Minztee in der Nase und einem Riesenteller Pasta mit Sauerampfer-Kokossauce auf dem Tisch ist das Moccaklatsch der ideale Ort, um mit der Stadt warm zu werden.

2. Modenschau "Carambolage"

Modenschau im Kultur- und Kommunikationszentrum (KuKs) © Sarah Zimmermann

21 Uhr am Freitag: Im Kultur- und Kommunikationszentrum (KuKs) am Bielefelder Stadtrand zeigen Bielefelder Bachelor- und Masterstudenten der Design-Studiengänge ihre Abschlussarbeiten. Mit der Stadtbahnlinie 3 geht es also vom Hauptbahnhof raus ins Industriegebiet. Schon nach 15  Minuten Fahrt mit Panorama-Blick werden die Häuserfassaden dörflicher. Danach Platz nehmen im ausverkauften KuKs und die studentische Inszenierung genießen. Auf dem Laufsteg geht es um Sex und Macht, um Männer- und Frauenbilder, um verlorene Geometrie und Stofflichkeit. Im Anschluss wird der Bielefelder Modepreis vergeben. Gibt es wirklich.

3. Von der Altstadt zur Sparrenburg

Samstag, 11 Uhr. Auf dem Weg vom Alten Rathaus zur Burg gibt es 800 Jahre Stadthistorie. Bielefelder Geschichte, das heißt: Grafen aus dem Teutoburger Wald, eine Burg, Kaufleute, Leinenweber mit Hautausschlag, 1.000 Millimeter jährlicher Niederschlag, die Kunsthalle und ein Hauptsponsor: genau, der mit dem Pudding. Wenn der Wind gut steht in Ostwestfalen-Lippe, dann riecht es am alten Markt nach Vanillepudding. Nach zwei Stunden Marsch durch Pudding-Town, wie man so sagt, haben die Touristen das Wichtigste begriffen: Die Bielefelder sind entkrampft. Und stolz darauf, nicht so spießig wie die Münsteraner zu sein.

4. Café Knigge

Sieht aus wie ein Kartoffel-Puffer, wird aber mit Butter und Marmelade verzehrt: der Westfälische Lappenpickert. Eine echte Bielefelder Spezialität ist der Pickert in Kastenform, dicker und mit Rosinen serviert. Essen kann man die zum Beispiel im Café Knigge. Wer Kartoffeln nicht mag, isst frische Waffeln. Im Anschluss geht es ein paar Gassen weiter zum Stöbern in den Eulenspiegel, einen charmanten Buchladen in der Hagenbruchstraße.

5. Grau in Grau am Kesselbrink

Deutschlands größter innerstädtischer Skatepark steht nicht in Münster. © Sarah Zimmermann

Wer durch den Bielefelder Stadtkern läuft, kommt um viel nackte Fünfziger-Jahre-Architektur nicht herum. Neben edlen Patrizierhäusern und anmutigen Kirchenbauten gehört auch der Kesselbrink zur Stadt. Ein "Multifunktionsplatz", sagen die einen. Ein "Schandfleck", sagen die anderen. Immerhin dürfen hier seit ein paar Jahren keine Autos mehr fahren. Der Horizont hinter dem Skatepark (merke: dem größten innerstädtischen Deutschlands) gibt den Blick frei auf ein paar gleichfarbige Wolkenkratzer (Graubeton). Wenn Wochenmarkt ist, wird der Kesselbrink zum Hotspot. Heute hat ein historischer Jahrmarkt den Platz belegt. Eine Fahrt im schaurigen Geister-Express, draußen Regen und scheppernde Orgelkasten-Musik. Das taugt zur Filmkulisse. Dann ab ins Trockene.  

6. Theaterlabor im Tor 6

Samstagabend. Bielefelds "Off"-Theater hat sich besonders mit Straßentheater-Inszenierungen einen Namen gemacht. An diesem Tag zeigen Jugendtheatergruppen aus Ostwestfalen-Lippe Short-Cuts aus ihren aktuellen Inszenierungen. Die Gruppe des Theaterlabors spielt Auszüge aus der Brecht-Adaption Die heilige Johanna und ich. Die Theaterpause verbringt das Publikum geschlossen vor der Leinwand im Theaterfoyer: Achtelfinale, Elfmeterschießen, Chile gegen Brasilien. Und von der WM geht es dann zurück ins Theater.

Wenn man sich in Bielefeld niederlassen möchte. © Sarah Zimmermann

7. Studentisches Flair am Siegfriedplatz

Die Nacht ist noch jung. Von der Fußgängerzone führt der Fußweg gen Westen durch Jugendstilpanoramen unter Trambahnseilen. Den Kesselbrink hat man hier schnell vergessen. Mitten auf dem "Siggi" steht die "Supertram", eine ausrangierte Straßenbahn, an der allabendlich ausgeschenkt wird. Je nach Wetterlage auf dem freien Platz an der Bürgerwache wird der Stammtisch auf der Bierbank oder in den umliegenden Kneipen gehalten. Wer keinen Platz bekommt, sitzt auf den Pflastersteinen.

8. Kunsthalle

Zwischen Obernstraße und Nebelswall, mitten in der Altstadt, steht die 1968 von Philip Johnson entworfene Kunsthalle. In den letzten Jahren wurden hier mitunter spannende Sonderausstellungen gezeigt – von Emil Nolde bis Yoko Ono. Bis Anfang August ist Das Glück in der Kunst der Sammlung Bunte zu sehen: Expressionismus und Abstraktion um 1914.  Während sich über Bielefeld einmal wieder der westfälische Regen abgießt, geht es im Gebäudeinneren durch Holzschnitte und Malerei von August Macke, Franz Marc und die Arbeiten des Bielefelder Malers Hermann Stenner.

9. Hermannsweg, Teutoburger Wald

Einmal im Jahr, raunen Bielefelder Stimmen, absolvieren ein paar Verrückte den Hermannslauf. Verrückt deshalb, weil er 31,1 Kilometer lang ist und viele An- und Abstiege hat. Mit blutigen Reibungswunden kämen die Athleten am Ziel auf der Sparrenburg an, heißt es. Auch das restliche Jahr kann die Strecke sich aber sehen lassen. Der Hermannsweg führt mitten durch den Teutoburger Wald. Und der wiederum mitten durch Bielefeld. Beim Wandern durch Grün und Schafherden, im Wissen, einen Westfälischen Lappenpickert verzehrt und die Supertram besucht zu haben, stellt sich tatsächlich der Bielefeld-Effekt ein. Man ist entkrampft bis unaufgeregt, und der Rest der Welt kommt einem irgendwie spießig vor. Vor allem natürlich: Münster. 

Korrektur: "Die Heilige Johanna und ich" ist eine Brecht-Adaption, nicht der Titel des Brecht-Stücks. Das war missverständlich formuliert und wurde geändert.